Tipps für Senioren

Reiselust ohne Risiko

„Für gut eingestellte Bluthochdruckpatienten gibt es auch im Alter üblicherweise keine Reiseeinschränkungen.“ Prof. Dr. Tomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Reisemedizin (CRM) in Düsseldorf und Medizinischer Direktor des BCRT Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin
© Jens Klatt

Endlich im Ruhestand! Etliche Silver Ager nutzen die neu gewonnene Freizeit für ausgiebige und mitunter auch weite Reisen, sofern das Konto mitspielt. Und natürlich die Gesundheit. Denn nicht wenige Senioren leiden an chronischen Erkrankungen, die bei der Urlaubsplanung und -auswahl Berücksichtigung finden müssen. Worauf es ankommt – speziell bei behandlungsbedürftigem Bluthochdruck – erläutert Prof. Tomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Reisemedizin (CRM) in Düsseldorf und Medizinischer Direktor des BCRT Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin.

Herr Prof. Jelinek, welchen Silver Ager-Patienten raten Sie vor der Urlaubsbuchung zu einem Arztbesuch?
Das hängt natürlich einerseits vom Reiseziel ab. Destinationen in Übersee oder mit Hygiene- oder Mückenproblemen sollten idealerweise immer und auch altersunabhängig mit einem reisemedizinisch erfahrenen Arzt besprochen werden – am besten mindestens acht Wochen vor Reisebeginn. Das gilt speziell für eventuell erforderliche Reiseimpfungen; bei Senioren insbesondere mit Lebendimpfstoffen, wie beispielsweise gegen Gelbfieber. Bei Menschen über 60 Jahre muss man diese Impfung sorgfältig abwägen. Ganz generell sollten ältere Patienten einen Zoster- und Pneumokokken-Impfschutz besitzen.

Andererseits spielt auch die persönliche Gesundheitssituation eine Rolle. Patienten mit Vorerkrankungen (wie beispielsweise Bluthochdruck) oder einer Abwehrschwäche sollten sich rechtzeitig vor der Urlaubsbuchung ärztlichen Rat einholen. Das gilt auch für Menschen, die regelmäßig Medikamente einnehmen.

Wann reicht ein Besuch beim Hausarzt, wann sind Reisemediziner gefragt?
Viele Hausärzte besitzen eine Zusatzqualifikation für Reisemedizin. Erste Anlaufstelle muss daher nicht unbedingt immer ein reisemedizinisches Zentrum sein. Im Gegenteil: Hausärzte kennen ihre Patienten oft über Jahre hinweg und können daher sehr individuell beraten. Wichtig ist, dass sich der behandelnde Arzt mit dem Urlaubsland und den damit möglicherweise verbundenen Gesundheitsrisiken auskennt. Hat der behandelnde Arzt keine reisemedizinischen Kenntnisse oder handelt es sich um eine besonders komplizierte Situation, kommen spezialisierte reisemedizinische Zentren ins Spiel.

Reisemedizinische Informationen und Beratungen


BCRT – Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin
Privat geführtes Tropeninstitut mit bundesweit acht Reisepraxen in Outdoorläden (Beratungen/Impfungen) sowie einer Zentrale in Berlin. Hotline: 030 / 960 609 40 (Mo–Fr: 9–19 Uhr, Sa: 12–17 Uhr). www.bcrt.de

BNITM – Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin
Größte tropenmedizinische Einrichtung in Deutschland (Hamburg). Reise- und Impfsprechstunde nach vorheriger Online-Terminvergabe. Reisemedizinische Datenbank zu Reiseländern. www.bnitm.de –> Reisen & Impfen

CRM – Centrum für Reisemedizin GmbH
Unabhängiges reisemedizinisches Fachinstitut mit großer reisemedizinischer Datenbank zu Reiseländern und Erkrankungen. Online-Suchfunktion zu Ärzten mit reisemedizinischer Fortbildung, Gelbfieber-Impfstellen und Apotheken mit reisemedizinisch geschultem Personal. Kostenlose Ratgeber zum Download zu verschiedenen Reisethemen. www.crm.de

DTG – Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit e.V.
PLZ-gesteuerte Onlinesuche nach reisemedizinisch zertifizierten Ärzten, Gelbfieber-Impfstellen und tropenmedizinischen/reisemedizinischen Institutionen. www.drg.org –> Aktuelles –> Arztsuche | Tropenmed. Institutionen

Reisemedizinische Beratungen gehören zu den Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL-Leistungen). Das heißt, dass gesetzlich krankenversicherte Patienten die Beratung aus eigener Tasche bezahlen müssen, wobei etliche Krankenkassen inzwischen reisemedizinische Impfungen erstatten.

Rund zwei Drittel der über 60-Jährigen leiden an behandlungsbedürftigem Bluthochdruck. Wie beeinflussen Reiseziele die Blutdruckwerte?
Reisen in warme Urlaubsgebiete führen über eine verbesserte Hautdurchblutung und vermehrtes Schwitzen üblicherweise zu einer – mitunter deutlichen – Blutdrucksenkung. Das kann dazu führen, dass es plötzlich unter der üblichen Arzneimitteleinnahme zu gefährlichen Überdosierungen kommt und die Patienten blutdruckmäßig massiv abfallen. Die Gefahr einer Austrocknung (Dehydration) durch eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr, zu der ältere Menschen häufiger neigen, kommt dann erschwerend hinzu. Kritisch können sich in dem Zusammenhang auch Durchfallerkrankungen auswirken mit dem damit verbundenen hohen Flüssigkeitsverlust. Eine nicht ungefährliche Situation! Stürze durch einen Blutdruckabfall stellen gerade auf Fernreisen für Blutdruckpatienten ein weit größeres Problem dar als plötzliche Hochdruckkrisen.

Parallel gibt es den urlaubsbedingten Entspannungseffekt, der den Blutdruck sinken lässt. All dies muss in die reisemedizinische Beratung mit einfließen. Bei Urlauben in großen Höhenlagen (> 2.500 Meter) hingegen steigt der Druck üblicherweise an.

Je nach Reiseziel kommen möglicherweise auch Zeitverschiebungen ins Spiel, die sich auf die Medikamenteneinnahme während der An- und Abreise auswirken und in der reisemedizinischen Beratung zur Sprache kommen sollten.

Was können und sollten die Betroffenen und auch der behandelnde/beratende Arzt vorbeugend tun?
Eine optimale und stabile Blutdruckeinstellung vorab bildet die beste Grundlage, um urlaubsbedingte Ausschläge nach oben oder unten abzufangen. Dabei sollte die reisemedizinische Beratung eine etablierte medikamentöse Behandlung von Hypertonikern idealerweise nicht torpedieren. Mit einer Ausnahme – zu erwägen ist unter Umständen bei sehr heißen Reisezielen eine Dosisreduktion oder auch das vorübergehende Absetzen von entwässernden Präparaten (Diuretika), um einem zu hohen Mineralstoffverlust vorzubeugen.

Ideal ist eine regelmäßige Blutdruckkontrolle und -dokumentation seitens der Patienten (am besten mit einem eigenen Messgerät), die dem reisemedizinisch beratenden Arzt einen guten Überblick über die aktuelle Blutdruckeinstellung ermöglicht. Das Gerät sollte auch mit auf die Reise, damit die Betroffenen dort regelmäßig ihre Werte ermitteln und die Medikamentendosierung entsprechend der vorherigen Beratung richtig anpassen können. Erforderliche Dauermedikamente und eventuell auch eine Notfallmedikation für plötzliche Hochdruckkrisen gehören in ausreichender Menge inklusive Sicherheitszuschlag ins Handgepäck, idealerweise in den jeweiligen Originalpackungen; ebenso schriftlich fixierte Diagnosen und Therapiepläne (Blutdruckpass etc.) – bei Reisen ins fremdsprachige Ausland auch auf Englisch.

Ganz wichtig ist der Hinweis an die Patienten, sich bei Unwohlsein und Schwindel sofort hinzulegen, um keinen mit Verletzungsgefahren verbundenen Sturz zu riskieren.

Welchen Hochdruckpatienten empfehlen Sie eine medizinisch betreute Reise?
Gerade ältere Patienten fühlen sich oft sicherer, wenn sie auf Reisen einen Arzt in der Nähe haben, und entscheiden sich daher für Kreuzfahrten oder Ferien in großen Urlaubsresorts mit einem eigenen Medical Center. Dort können bei Bedarf direkt vor Ort nötige Behandlungen eingeleitet werden, was für eher instabile oder im Umgang mit ihrer Erkrankung unsichere Blutdruckpatienten durchaus eine Beruhigung darstellen kann.

Anders sieht es aus bei medizinisch betreuten Auslandsreisen. Denn die mitreisenden Ärzte dürfen üblicherweise lediglich eine Beratungsfunktion ausüben und notwendige medizinische Hilfe organisieren, weil sie in der Regel selbst keine Behandlungszulassung im Reiseland besitzen.


durchblick gesundheit • Ausgabe 65 • Juli–September 2019 


Apr 7, 2019, 2:54:29 PM, Autor: Jutta Heinze