Wenn der Arzt zum Patienten wird

„Die Arbeitsbedingungen machen uns krank“

Immer mehr Ärzte sind den Arbeitsbedingungen nicht mehr gewachsen – und werden krank
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Jeder zweite Arzt in Deutschland leidet unter Erschöpfung und fühlt sich ausgebrannt – die Folge von langen Arbeitszeiten und einer extremen Arbeitsverdichtung. Darunter leiden letztendlich auch die Patienten. 


Gesunde Ernährung, Sport, eine ausgewogene Work-Life-Balance: Ihren Patienten raten Ärzte zu einem gesunden Lebensstil. Wenn es um sie selbst geht, tun sich viele Ärzte aber genau damit schwer. Beim Deutschen Ärztetag, zu dem Ende Mai die Vertreter der Ärzteschaft in Münster zusammenkamen, war die Arztgesundheit eins der Schwerpunktthemen. 

80 bis 90 Stunden pro Woche schuften im Krankenhaus: Das hat zum Beispiel  Prof. Bernd Haubitz aus Niedersachsen lange gemacht, berichtete er dort. Doch irgendwann klappte er zusammen. Es ging nicht mehr. Haubitz litt unter einem akuten Belastungssyndrom. Und er ist nicht der einzige. Von einer „Burn-out-Epidemie“ bei Ärzten ist mittlerweile sogar schon die Rede.

Überlange Arbeitszeiten, Nacht- und Wochenenddienste, Personalmangel, Bürokratie zuhauf: Das belastet viele Klinikärzte. Bei den jüngsten Tarifverhandlungen zwischen der Ärztegewerkschaft Marburger Bund und den kommunalen Kliniken ging es dann auch gar nicht in erster Linie um mehr Geld. Zwei freie Wochenenden pro Monat und weniger Bereitschaftsdienste: Das waren für viele Ärzte die wichtigeren Forderungen. Er würde gern auf einige Hundert Euro verzichten, wenn er dafür seine Überstunden ausgleichen könnte, sagte ein junger Arzt während eines Warnstreiks.

Aber auch bei den niedergelassenen Ärzten sieht es nicht besser aus. Im Durchschnitt 50 Stunden verbringt ein Arzt pro Woche in seiner Praxis, oft auch mehr. Die Tage sind stressig, die Wartezimmer voll. In der Mittagspause wird oft Papierkram erledigt, von einem pünktlichen Feierabend können die meisten nur träumen. Und dann kommt noch ein Gesundheitsminister, der die Mindestsprechstundenzeit per Gesetz hochschraubt – gerade so, als ob die Ärzte nicht schon am Rand ihrer Belastungsfähigkeit wären.


Ärzte am Limit

Arbeitsbedingungen zu schaffen, die nicht krank machen: Das war das große Anliegen der Ärztegewerkschaft Marburger Bund im jüngsten Tarifstreit. Es müsse möglich sein, als Arzt zu arbeiten und trotzdem ein Privatleben zu haben. Mindestens zwei arbeitsfreie Wochenenden pro Monat: Was für die meisten Arbeitnehmer ganz selbstverständlich ist, das haben sich die etwa 55.000 Ärzte an kommunalen Kliniken gerade erst erstritten. Und selbst dabei gibt es Einschränkungen: Die „freien Wochenenden“ gelten in der Zeit von Freitag 21 Uhr bis Montag 5 Uhr. Und falls „eine Gefährdung der Patientensicherheit droht“, kann die Klinikleitung die Ärzte trotzdem zu mehr Wochenenddiensten verdonnern. An den Warnstreiks und Demonstrationen nahmen mehr Klinikärzte teil als je zuvor. Mehr als 1.500 in München, jeweils mehr als 2.000 in Hamburg und Stuttgart, sowie mehr als 5.000 Ärzte bei der größten Veranstaltung in Frankfurt hat der Marburger Bund gezählt.


„Es sind viel mehr Ärzte da draußen, die gesundheitliche Probleme haben, als wir denken“, hieß es beim Ärztetag. Und: „Die Arbeitsbedingungen machen uns krank.“ Ärzte müssten genauso gut auf sich achten, wie sie es von ihren Patienten verlangen, hieß es beim Ärztetag. Das fällt ihnen aber schwer: Zum einen werden Ärzte schon im Studium von Beginn an auf Leistung getrimmt. In der klinischen Weiterbildung werde dann ständige Verfügbarkeit gefordert, beklagen Ärzte. Dazu kommt noch die Arzt-Mentalität: Kein Arzt lässt mit dem Glockenschlag das Stethoskop fallen, wenn noch ein Patient Hilfe braucht.

Aber was gehen die Arbeitsbedingungen der Ärzte die Patienten an, mag sich mancher fragen. Ein Warnstreik-Plakat brachte es auf den Punkt: „Müde Ärzte machen Fähler“ war darauf zu lesen. Anhaltende Erschöpfung und Müdigkeit sind am Ende auch ein erhebliches Risiko für die Patientensicherheit.

Und nicht nur das: Ändern sich die Arbeitsbedingungen nicht, wird es bald noch schwieriger werden, einen Arzt zu finden – egal ob im Krankenhaus oder in der Praxis. Schon jetzt kommt eine eigene Praxis für viele junge Ärzte wegen der hohen Arbeitsbelastung nicht mehr infrage. Auch aus dem hektischen Klinikalltag verabschieden sich zunehmend Ärzte und suchen sich andere Jobs. Fallen dazu noch immer mehr Ärzte wegen Überlastung oder Burn-out aus, wird es eng in der Versorgung.

durchblick gesundheit • Ausgabe 65 • Juli–September 2019

Apr 7, 2019, 3:03:51 PM, Autor: Kathrin Schneider