PRO & KONTRA

PRO: Darum brauchen wir (k)eine Impfplicht

„Alle Impf-Appelle der letzten Jahre liefen ins Leere.“ Dr. Thomas Fischbach ist Kinderarzt mit Praxis in Solingen und Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ).
© BVKJ

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will die Masernimpfpflicht. In den vergangenen Wochen hat er dafür viele Verbündete aus den eigenen Reihen, aber auch aus der Opposition gefunden – gut so, finden wir Kinder- und Jugendärzte. Die meisten von uns wünschen sich die gesetzliche Masernimpfpflicht schon lange. 


PRO:
Denn Masern sind eine hochanstekkende Viruserkrankung. Sie kann vor allem bei abwehrgeschwächten Menschen zu schweren Komplikationen wie Lungen- oder Hirnhautentzündungen und schließlich auch zum Tod führen.

Alle Impf-Aufklärungen und -Appelle der letzten Jahre haben in Deutschland nicht dazu geführt, dass mindestens 95 Prozent der Bevölkerung über eine ausreichende Immunität gegen die Masern verfügen und damit ein sogenannter Herdenschutz ausgebildet wird, mit dem man die Masern endlich eliminieren könnte. 95 Prozent würden bedeuten, dass niemand mehr Angst um sein Kind haben müsste, das noch nicht geimpft werden kann, weil es zu jung ist oder etwa schwer herzkrank.

Stattdessen sorgen die wenigen Ungeimpften dafür, dass immer wieder Masern ausbrechen und immer wieder Menschen mit lebenslangen Behinderungen zurückbleiben oder sogar sterben müssen. Schuld daran sind gar nicht so sehr die Impfgegner, die mit Fake News gegen den Impfschutz wüten, sondern hauptsächlich elterliche Nachlässigkeit.

Eine Impfpflicht, eingebettet in ein nationales Gesamtkonzept, das Information und Aufklärung, ein nationales Impfregister sowie die Etablierung konsequenter Erinnerungssysteme umfasst, kann dafür sorgen, dass die Impfquoten steigen und auch diejenigen vor Masern geschützt werden, die sich selbst aus medizinischen Gründen nicht mit einer Impfung schützen können: Säuglinge, Menschen mit Immundefekten, Schwangere und Stillende.

Uns ist bewusst, dass eine Impfpflicht ein staatlicher Eingriff in die individuelle Freiheit ist. Aber wir leben auch mit anderen Pflichten und Verboten gut: Niemand raucht mehr in Büros und öffentlichen Gebäuden, weil es verboten ist. Wir setzen unsere Kinder im Auto in einen Kindersitz und schnallen sie an, weil das Pflicht ist und Kinderleben rettet. Warum sollte also nicht auch die lebensrettende Impfung Pflicht werden?

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durchblick gesundheit • Ausgabe 65 • Juli–September 2019 

Apr 7, 2019, 3:01:21 PM, Autor: Dr. Thomas Fischbach/Marco Münster