Praxisärzte

Die Zeit rast davon

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Unglaublich, aber wahr: Pro Minute verschwinden in Deutschland fast 500 Minuten Arbeitszeit. Schuld ist die Flucht vieler Mediziner ins Angestelltendasein.


Zugegeben, das Gefühl, Zeit zu verlieren, kann Patienten eines durchschnittlichen Wartezimmers in Deutschland schon gelegentlich ereilen. Doch ist das nichts im Vergleich zu dem, was eine nun in Berlin aufgestellte Uhr anzeigt – auf der rasen die Minuten und Stunden nur so davon.

Es geht um die „Arztzeituhr“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Spitzenorganisation der Kassenärzte. Bei der Uhr handelt es sich genau genommen um einen Countdown, der anzeigt, wie atemberaubend schnell sich die insgesamt verfügbare Arztzeit in Deutschland verringert. Demnach verschwinden pro Minute 474 Minuten Arztzeit in allen deutschen Praxen. Oder pro Tag etwa ein Jahr und drei Monate.

Fast jeder, der diese Zahlen zum ersten Mal vernimmt, glaubt, sich zu verhören. Doch sie verdeutlichen einen in deutschen Praxen schon lange zu beobachtenden Trend. Immer weniger Mediziner sind nämlich bereit, als selbstständige Ärzte zu arbeiten, und lassen sich lieber in Praxen oder Medizinischen Versorgungszentren anstellen. Da aber selbstständige Ärzte nach aktueller Statistik im Schnitt 52 Stunden pro Woche in ihrer Praxis arbeiten, angestellte aber nur um die 40, sinkt damit die für Patienten zur Verfügung stehende Arztzeit rapide. Von den etwa 19 Milliarden ärztlichen Arbeitsminuten im Jahr 2017 werden laut Berechnungen der KBV 2025 nur noch 16,7 Milliarden übrig sein – pro Jahr verschwinden mehr als 500 Jahre Arztzeit.

Die haus- und fachärztliche Versorgung wird damit natürlich immer schwerer aufrechtzuerhalten sein, längere Wartezeiten sind die absehbare Folge, zumal die Zahl älterer Patienten zunimmt. Und eingerechnet ist bei der Arztzeituhr nicht einmal ein anderer Trend bei den Ärzten: Sehr viele von ihnen werden nämlich im kommenden Jahrzehnt in den Ruhestand gehen, ohne dass viele junge Ärzte nachkommen. Allein um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, wäre es nötig, dass die verfügbaren Ärzte mehr statt weniger arbeiten, also die selbstständige Tätigkeit in eigener Praxis wieder beliebter wird. Doch genau das Gegenteil passiert, und zwar seit Jahren. Das ist auch der Grund, warum die KBV die Arztzeituhr installiert hat. Sie will die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, dass die Rahmenbedingungen für Ärzte, eine Praxis zu gründen, offenbar immer unattraktiver werden.

Die Politik steht diesem Trend scheinbar ratlos gegenüber, schließlich kann sie keinen Arzt zwingen, mehr zu arbeiten oder unbezahlte Überstunden zu leisten. Genau das werde aber versucht, beklagen viele Ärzte. Sie verweisen unter anderem darauf, dass ärztliche Leistungen, die über einem gewissen Schnitt liegen, seit vielen Jahren den Praxen systematisch nicht erstattet werden. Oder auf das Terminservice- und Versorgungsgesetz, mit dem die Arbeitszeit der Niedergelassenen weiter nach oben geschraubt werden soll. Solche Tendenzen würden Ärzte nur noch zusätzlich frustrieren, warnt KBV-Vizechef Dr. Stephan Hofmeister. Er habe das Gefühl, es gehe der Gesundheitspolitik „nur noch um höher, schneller, weiter“. Raus komme am Ende weniger. Nämlich weniger Arztzeit.

 

durchblick gesundheit • Ausgabe 64 • April–Juni 2019


Jan 4, 2019, 12:12:03 AM, Autor: Thomas Trappe