Umstrittene Kassenpläne

Die App stellt zum Kassenarzt durch

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Einkaufen im Internet, Mails lesen oder die Wetter-App checken: Das Smartphone ist aus unserem Alltag kaum noch wegzudenken. Grund genug für die Krankenkassen, sich auf dem Feld auch abzuarbeiten: Diverse Fitness- und Gesundheitsapps sollen die Versicherten zur gesünderen Lebensweise animieren. Eine rote Linie überschreiten die Kassen nach Meinung der Ärzteschaft jedoch, wenn ihre Handy-Programme die Menschen direkt zum Krankenkassenarzt durchstellen.

Würden Sie lieber vom Arzt Ihres Vertrauens in der Praxis um die Ecke behandelt werden – oder per Video-Chat von einem Arzt Ihrer Krankenkasse, die auf niedrige Ausgaben bedacht ist? Die Techniker Krankenkasse (TK) ist offenbar der Meinung, dass viele Menschen die zweite Variante bevorzugen. Sie kooperiert künftig mit dem App-Anbieter „Ada“.

Ab Februar sollen TK-Versicherte so die Möglichkeit haben, in eine App Symptome einzugeben und auf Grundlage eines digitalen Algorithmus eine Vordiagnose zu bekommen. Diese sollen sie dann mit bei der Versicherung angestellten Ärzten per Videosprechstunde, Telefon, Text-Chat oder Mail besprechen können. „Das ist keine Misstrauenserklärung gegenüber Ärzten“, kommentiert die Krankenkasse. Man wolle mit dem Angebot den Wunsch der meisten Versicherten befriedigen, sich anhand ihrer Symptome ein erstes Bild über mögliche Erkrankungen zu machen.

Die Antwort aus der Ärzteschaft fällt jedoch deutlich aus: die App eines privaten Unternehmens, die Kranken digitale Ratschläge gibt und dann zum Krankenkassenarzt weiterleitet? Das könne nicht im Interesse der Patienten sein, meint Dr. Stephan Hofmeister von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Dabei gehe ich noch gar nicht auf die Frage ein, was ein solcher Datenkrake mit den hochsensiblen Gesundheitsdaten der Menschen macht.“ Unweigerlich komme einem die Regel „zahlst du für etwas nicht, dann bist du die Ware“ in den Sinn.

Auch der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, ist überzeugt: „Was wir hier beobachten, ist nur ein weiterer Versuch eines Kostenträgers, Einfluss auf die Versorgung unserer Patienten zu nehmen. Statt eine kompetente ärztliche Behandlung zu erhalten, sollen diese mit Kassensparangeboten abgespeist werden. Das ist schlicht verantwortungslos.“

Auch diese Frage stelle sich: „Was passiert denn beispielsweise, wenn Patienten wegen einer Fehldiagnose der App nicht zum Arzt gehen?“ Zu einer umfassenden Diagnose brauche es weit mehr als nur aneinandergereihte Daten. Eine ärztliche Untersuchung mit allen Sinnen könne „nun einmal nicht durch ein paar Klicks auf einem Smartphone ersetzt werden“, meint Weigeldt. Auch die Ärztekammern fürchten, dass die Krankenkassen solche Instrumente entwickeln, um die Ausgaben drücken zu können. „Einem derartigen Eingriff einer Kasse in das direkte Versorgungsgeschehen erteilen wir eine klare Absage. Hier besteht die Gefahr, dass die Kostenträger die Versorgung zu Lasten der Patienten verändern könnten“, warnt der Präsident der Landes-ärztekammer Rheinland-Pfalz, Dr. Günther Matheis. Patienten und Ärzteschaft müssten angesichts solcher neuen Angebote wachsam und kritisch bleiben.


durchblick gesundheit • Ausgabe 63 • Januar–März 2019 • Autor: Jan Scholz

Jan 21, 2019, 11:29:08 AM, Autor: na