Wartezeiten-Debatte

„Die Situation insgesamt ist gut“

Digitale Angebote werden den persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient unterstützen, jedoch niemals ersetzen können
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Die Politik in Berlin arbeitet sich gerade an dem Vorhaben ab, den Patienten schneller Arzttermine zu verschaffen. Bei allem Aktionismus sollte aber nicht vergessen werden, wie hoch das Versorgungsniveau in Deutschland inzwischen schon ist: Ein großer Teil der Patienten in Deutschland muss nicht oder nur kurz auf einen Arzttermin warten, zeigt eine große Befragung.

Die Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wird seit 2006 fast jährlich von der Forschungsgruppe Wahlen durchgeführt. Im Zeitraum vom
9. April bis zum 4. Juni 2018 wurden diesmal telefonisch über 6.000 Versicherte zu ihrer Einschätzung der Versorgungssituation in Deutschland befragt.

Das in der Politik gerade heiß diskutierte Thema Wartezeiten stand auch im Zentrum der Befragung. Während die veröffentlichte und gefühlte Meinung hier große Defizite vermutet, ist die objektive Situation aber offenbar eine andere: So berichteten insgesamt 45 Prozent aller Befragten, dass sie überhaupt keine Wartezeiten auf Arzttermine hatten.

Davon haben 30 Prozent „sofort“ einen Termin bekommen, 14 Prozent konnten ohne Termin direkt zum Arzt gehen und bei einem Prozent vergab die betreffende Praxis keine Termine. Weitere 15 Prozent der Befragten hatten eine Wartezeit von maximal drei Tagen. Länger als drei Tage mussten sich 39 Prozent aller Patienten gedulden.

„Relevant für die Wartezeit auf einen Termin ist vor allem die Dringlichkeit einer Behandlung“, kommentiert der Vorsitzende der KBV, Dr. Andreas Gassen das Ergebnis. „Ich sage nicht: Es ist alles perfekt bei den Wartezeiten. Aber die Situation insgesamt ist gut. Das muss man immer wieder betonen“, führte er aus. Positiv auch: Was die Wartezeiten in der Praxis angeht, sagen zusammengenommen fast drei Viertel aller Befragten, dass sie nach spätestens einer halben Stunde an der Reihe waren.

Insgesamt zeigt die Befragung auch, wie sehr die Patienten die Arbeit der Ärzte in den Praxen schätzen: „Das Vertrauensverhältnis der Patienten zu ihren Ärzten ist gut – und diese positive Feststellung ist kein Trend, sondern eine solide und feststehende Realität seit Beginn der Befragungen vor 12 Jahren. Den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen bringen 91 Prozent der Befragten großes oder sehr großes Vertrauen entgegen. Das sollten sich insbesondere diejenigen Vertreter aus der Politik vor Augen halten, die dem Freiberufler Arzt mit einem Wust an Kontrollen und dirigistischen Eingriffen begegnen. Denn sie selbst sehen sich häufig mit niedrigen eigenen Vertrauenswerten der Bevölkerung konfrontiert, die meilenweit von den Werten für die Ärzte entfernt sind“, konstatiert Gassen.

Erfreulich sei auch, dass die Informationskampagnen zum ärztlichen Bereitschaftsdienst und der dazu passenden, bundesweiten Rufnummer 116117 erste Erfolge zeigten: „Zwar geben immer noch 33 Prozent der Befragten an, direkt ins Krankenhaus zu gehen, wenn sie nachts oder am Wochenende ärztliche Hilfe benötigen. Aber das sind immerhin 14 Prozent weniger als noch ein Jahr zuvor“, erklärt Gassen.

Interessant auch: In einer zweiten Studie wurden Teilnehmer in vier verschiedenen Regionen im Rahmen von Gruppendiskussionen nach ihrer Meinung zu verschiedenen Aspekten der Digitalisierung befragt. Grundsätzlich zeigten sich die Teilnehmer aufgeschlossen gegenüber digitalen Versorgungsangeboten und würden diese gern nutzen – allerdings nie ganz losgelöst von der persönlichen Betreuung durch ihren Hausarzt. Viele wünschten sich, der Arzt möge sie „an die Hand nehmen und alles erklären“. Auch wird der persönliche Kontakt gegenüber der Videosprechstunde bevorzugt und es herrscht große Skepsis gegenüber der ausschließlichen Fernbehandlung durch Ärzte, mit denen man vorher noch keinen Kontakt hatte. „Die Gruppendiskussionen demonstrieren uns, wie wichtig die sprechende Medizin ist. Digitale Angebote werden den persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient unterstützen, jedoch niemals ersetzen können“, resümiert der KBV-Chef.

durchblick gesundheit • Ausgabe 62 • Oktober–Dezember 2018


23.10.2018 15:38:00, Autor: Jan Scholz