Ärztezahlen

„Diese Entwicklung ist bedenklich“

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Auf den ersten Blick beruhigende Zahlen: Im Jahr 2018 gab es im Vergleich zum Vorjahr knapp zwei Prozent mehr Ärzte in Deutschland. Verbessert sich also die Versorgung? Mitnichten, warnt die Bundesärztekammer. Die Zahl der Ärzte wachse zu langsam, um die enormen Herausforderungen zu bewältigen, vor denen unser Gesundheitssystem stehe.


Es ist kein Geheimnis, dass die Bevölkerung hierzulande immer älter wird – und der medizinische Behandlungsbedarf steigt. „Wenn die Politik nicht endlich mit mehr Studienplätzen in der Humanmedizin gegensteuert, wird der demografische Wandel zu erheblichen Engpässen bei der gesundheitlichen Versorgung führen“, warnt daher Prof. Frank Ulrich Montgomery von der Bundesärztekammer bei der Vorstellung der aktuellen Ärztestatistik in Berlin.

Im Jahr 2018 gab es laut Bundesärztekammer 392.402 berufstätige Ärzte in Deutschland und damit 1,9 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Der Anteil der Frauen unter ihnen ist dabei erneut angestiegen und beläuft sich nun auf 47,2 Prozent. „Die Zahl der Köpfe steigt. Aber sie steigt nicht schnell genug, um den wachsenden Behandlungsbedarf abzudecken“, sagt Montgomery – und verweist auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Danach hat die Zahl der Behandlungsfälle in den Krankenhäusern allein zwischen 2009 und 2017 von 17,8 auf 19,5 Millionen zugenommen. Hinzu kommen etwa eine Milliarde Arztkontakte jährlich in den Praxen.

Die Ärztestatistik zeigt auch, dass sich die Zahl der im ambulanten Bereich angestellten Ärzte seit 1996 fast versechsfacht hat. Sie stieg im Jahr 2018 im Vergleich zum Vorjahr auf rund 40.000 (plus 10,6 Prozent) an. Dagegen sank die Zahl der Niedergelassenen um 884 auf 117.472 – ein Minus von 0,7 Prozent. Das Problem dabei: Die niedergelassenen Ärzte in eigener Praxis arbeiten im Schnitt deutlich länger für ihre Patenten als ein angestellter Kollege mit fester Arbeitszeit. Einfach ausgedrückt: Der Zuwachs an angestellten und teilzeittätigen Ärzten führt zu einer sinkenden Produktivität. Pro Minute verringert sich rechnerisch die in allen deutschen Praxen verfügbare ärztliche Arbeitszeit um 474 Minuten, alle vier Stunden geht der Versorgung damit quasi ein Arzt verloren.

Ein weiterer Punkt kommt hinzu: Immer mehr Ärzte rückten näher an die Phase ihres Ruhestandes heran – aber immer weniger junge Kollegen rücken nach. Der Präsident der Ärztekammer Rheinland-Pfalz (LÄK RLP), Dr. Günther Matheis, schlug kürzlich in einer Presseerklärung Alarm: Laut aktueller Statistik sei jeder zweite berufstätige Arzt in seinem Bundesland 50 Jahre und älter.

Vom Jahr 2000 bis 2018 sei die Zahl der Ärzte zwischen 50 und 59 Jahren um rund 40 Prozent gestiegen. Der Anteil der 60- bis 65-Jährigen sei im selben Zeitraum von 528 auf 1.382 gestiegen. Selbst der Anteil derjenigen, die mit über 65 Jahren noch in der Praxis arbeiten, stieg von 164 (2000) auf 1.133 (2018) und hat sich damit fast versiebenfacht.

„Diese Entwicklung ist bedenklich“, sagte Matheis. Sie zeige klar, dass die demografischen Veränderungen sich auf die ärztliche Versorgung auswirkten – „und zwar nicht nur im hausärztlichen Bereich, sondern auch in der fachärztlichen Grundversorgung“, erklärte der Kammer-Präsident. Der Blick auf die demografische Entwicklung im fachärztlichen Bereich kommt aber leider immer noch zu kurz.

Dass es angesichts der Arbeitsverdichtung in den Arztpraxen alles andere als clever ist, die Ärzte noch weiter unter Druck zu setzen – und die Niederlassung in der eigenen Praxis für den Nachwuchs weniger attraktiv zu machen – liegt für Prof. Montgomery auf der Hand: Das jüngst von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf den Weg gebrachte Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) sei „kein Ausweg aus der demografisch bedingten Versorgungsfalle, sondern reine Augenwischerei“. Den Ärzten würden Organisationsfreiheiten genommen und kleinliche Vorschriften zu den Sprechstundenzeiten gemacht – obwohl die niedergelassenen Vertragsärzte im Durchschnitt schon etwa 50 Stunden pro Woche arbeiteten. In Anbetracht dieser Zahlen sei die vom Gesetzgeber beschlossene Ausweitung der Sprechstundenzeiten „ein Affront gegen die vielen Kolleginnen und Kollegen, die jeden Tag am Limit arbeiten“, betont Montgomery.

Die Delegierten des Deutschen Ärztetags appellierten im Mai geschlossen an die Politik, das Arbeiten in Klinik und Praxis wieder attraktiver zu machen, damit sich wieder mehr junge Mediziner für die Patientenversorgung entschieden. Weniger Bürokratie, eine bessere Patientensteuerung, eine Optimierung des Honorarsystems sowie mehr Studienplätze seien die Themen, die von der Politik nun aufgegriffen werden müssten.

durchblick gesundheit • Ausgabe 65 • Juli–September 2019 


Apr 7, 2019, 3:04:57 PM, Autor: Jan Scholz