PRO & KONTRA

KONTRA: Darum brauchen wir (k)eine Impfplicht

„Eine Impfpflicht ist generell kritisch zu sehen!" Professorin Cornelia Betsch, Universität Erfurt
© Cornelia Betsch / Marco Borggreve
Eine Impfpflicht ist generell kritisch zu sehen. Das gilt besonders, wenn sie – wie ge-plant – nur für eine Krankheit (Masern) und für eine eingeschränkte Zielgruppe (nur Kita-Kinder) gilt. Das sagt Professorin Cornelia Betsch. Sie hält die Heisenberg-Professur für Gesundheitskommunikation mit dem Schwerpunkt Impfentscheidung an der Universität Erfurt. Betsch erläutert, was sie am derzeit diskutierten Entwurf stört.


KONTRA: Erstens: Die wichtige Zielgruppe der Erwachsenen wird damit nicht erreicht. Aktuelle Ausbrüche der Masern zeigen, dass auch Erwachsene betroffen sind. Eine Impfpflicht nur für Kita-Kinder würde also definitiv zu kurz greifen und wichtige Zielgruppen nicht erreichen. Bei den Erwachsenen handelt es sich offensichtlich um ein Informationsdefizit – 75 Prozent der unter 50-Jährigen wissen nicht, dass sie ihren Impfstatus prüfen sollen, 61 Prozent geben an, niemand habe sie darauf hingewiesen.

Zweitens: Die Impfquoten in der Zielgruppe der Kinder sind bereits relativ gut. Ferner zeigen die Impfquoten, dass beim Schuleintritt 97 Prozent der Kinder einmal und 92 Prozent zweimal gegen Masern geimpft sind; über die letzten Jahre war dieser Trend steigend. In der Tat ist das zeitgerechte Impfen dort noch verbesserungswürdig – zum empfohlenen Zeitpunkt sind nur 87 Prozent der 15 Monate alten Kinder einmal und 73 Prozent der 24 Monate alten Kinder zweimal gegen Masern geimpft. Das heißt, diese Zielgruppe ist bereits relativ gut geimpft, benötigt aber Unterstützung, dies zeitgerecht zu tun.

Drittens: Eine teilweise Impfpflicht kann psychologische Nebenwirkungen haben, denn es wird weiterhin Impfungen geben, die freiwillig bleiben. Eine Studie hat gezeigt, dass in einem solchen Fall eine freiwillige Impfung insbesondere von etwas kritischeren Personen ausgelassen wird. Dies hat mit psychologischer Reaktanz zu tun, also Ärger als Antwort auf die Einschränkung von Entscheidungsfreiheit. Diese Entscheidungsfreiheit holen sich die Personen dann bei freiwilligen Impfungen zurück und impfen dann eher nicht. Zu bedenken ist an dieser Stelle auch, dass derzeit mit einem Dreifachimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft wird. Bei einer teilweisen Impfpflicht müsste ein Einzelimpfstoff verfügbar gemacht werden, der derzeit in Deutschland nicht auf dem Markt ist.

Nicht jede ausgelassene Impfung ist eine bewusst ausgelassene Impfung. Die Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ wirkt wie eine ironische Selbsterkenntnis: Das System ist kompliziert, der Bürger muss selbst ans Impfen denken und wissen, wann er wieder dran ist, Ärzte vergessen im Alltag, vor allem Erwachsene ans Impfen zu erinnern, es gibt kein Impfregister, das automaisch ans Impfen erinnert oder erfasst, wogegen Personen schon geimpft sind.

Wichtig ist nun, Verfahren zu vereinfachen und rechtliche Grundlagen für einfaches Impfen zu schaffen. Dazu sollte der öffentliche Gesundheitsdienst gestärkt werden. Ein zentrales Impfregister mit automatisierten Erinnerungen, Impfen in Kindergärten und Schulen oder andere Maßnahmen des öffentlichen Gesundheitsdienstes könnten und sollten Impfen in Deutschland einfacher machen. Auch haben sich Erinnerungssysteme als effektiv erwiesen. Abschließend lässt sich nicht sagen, dass innerhalb der Europäischen WHO-Region Länder mit Impfpflicht eine höhere Durchimpfungsrate haben. Das zeigt eine Analyse in über 53 Ländern.

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durchblick gesundheit • Ausgabe 65 • Juli–September 2019 


Apr 7, 2019, 3:01:40 PM, Autor: Prof. Cornelia Betsch/Rasmus Cloes