Klimawandel und Hitze

Mehr Todesfälle und Klinikeinweisungen

Deutschland schwitzt. Aber vermehrte Schweißbildung ist nur eine unangenehme Folge der Hitze. Schwerer wiegt, dass mit den hohen Temperaturen auch die Zahl der Hitzetoten in Deutschland wieder steigen könnte, so wie 2003.

Besonders heiße Tage machen nicht nur dem Körper zu schaffen, auch die psychische Gesundheit kann leiden.
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Hitzewellen werden von der Weltgesundheitsorganisation als bedeutendes Gesundheitsrisiko eingestuft. Den Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und Mortalität haben unter anderen kürzlich Wissenschaftler vom Robert-Koch-Institut gezeigt. Sie analysierten die wöchentliche Gesamtsterblichkeit in Deutschland auf Basis der Zahlen des Statistischen Bundesamtes und Daten des Deutschen Wetterdienstes, auf deren Grundlage sie die Temperatur-Mittelwerte für die Regionen und die Wochenmitteltemperaturen ermittelten. Der Beobachtungszeitraum reichte von 2001 bis 2015.

Nach Angaben der RKI-Wissenschaftler stieg die Zahl der Hitzetoten ab einer Wochenmitteltempera-tur von circa 23°C exponentiell an: erwartungsgemäß am stärksten in der Altersgruppe der über 85-Jährigen, aber auch in anderen Altersgruppen (< 65 Jahre).

Die höchste Anzahl hitzebedingter Todesfälle in Deutschland gab es 2003 mit 7600. In Europa seien mehr als 50.000 Menschen infolge der Hitze gestorben, so 2017 auch Dr. Maxie Bunz und Dr. Hans-Guido Mücke vom Umweltbundesamt in Berlin („Bundesgesundheitsblatt“). Welche Auswirkungen extrem heiße Tage auf Sterberate und Klinik-Einlieferungen in Deutschland haben, ist auch von den Ökonomen Professor Martin Karlsson von der Universität Duisburg-Essen und Professor Nicolas Ziebarth von der Cornell-Universität (New York) untersucht worden („Journal of Environmental Economics and Management“). Sie haben Daten des Statistischen Bundesamtes und des Deutschen Wetterdienstes aus der Zeit von 1999 bis 2008 ausgewertet. Berechnet haben sie den Zusammenhang zwischen 170 Millionen Klinik-Einlieferungen sowie acht Millionen Todesfällen in dieser Zeit mit Wetterdaten.

Extreme Hitze ging signifikant und zeitnah mit einer Zunahme der Hospitalisierungen und Todesfälle einher. Die Mortalität stieg den Berechnungen zufolge an extrem heiße Tagen (über 30 Grad Celsius) um zehn Prozent, Hospitalisierungen nahmen um fünf Prozent zu. In absoluten Zahlen bedeutete dies, wie Ziebarth erklärte, dass „an jedem Hitzetag die Todesrate um „knapp 300 zusätzliche Todesfälle für Gesamtdeutschland steigt“. Fast 3000 Menschen würden zusätzlich ins Krankenhaus gebracht.

Die gesundheitsbezogenen Kosten belaufen sich auf fünf Millionen Euro pro zehn Millionen Einwohner und Tag mit extremer Hitze. Die Kosten könnten nach Angaben der Ökonomen noch höher sein. Denn nicht berücksichtigt wurden ambulante Arztkosten, verminderte Arbeits-Produktivität und weitere hitzebedingte materielle Schäden (etwa Straßenbelag, Getreide- und Obst-Ernte).

Laut dem Klimaforscher Dr. Camilo Mora von der Universität von Hawaii in Honolulu sind derzeit rund 30 Prozent der Weltbevölkerung an wenigstens 20 Tagen im Jahr potenziell tödlicher Hitze ausgesetzt. 2100 könnten es sogar 48 Prozent und mehr sein, selbst dann, wenn die Treibhausgas-Emissionen drastisch reduziert würden. In Zu-kunft könnte es aufgrund „häufigerer und intensiverer Hitzeereignisse von längerer Dauer“ einen Anstieg der Mortalität um 1–6 % pro Grad Celsius geben; für Deutschland könnte dies bereits bis Mitte des Jahrhunderts 5000 bis 8000 zusätzliche Todesfälle pro Jahr durch Hitzestress bedeuten, warnten auch die Umweltforscher Bunz und Mücke.

Besonders heiße Tage können nicht allein die Physis erheblich beeinträchtigen, auch die psychische Gesundheit kann leiden. Bislang seien die psychischen Folgen von Klimawandel und Hitezwellen allerdings wenig beachtet worden, so Bunz und Mücke. Allein schon die Beschäftigung mit dem Thema Klimawandel löse Angst, Distress und Depressionen aus, insbesondere bei jungen Frauen mit hohem Umweltbewusstsein. Im englischsprachigen Raum werde in diesem Zusammenhang auch von der „eco-anxiety“ gesprochen, der Angst aufgrund von drohenden Veränderungen der Umwelt.

Außer der Beschäftigung mit dem Thema Klimawandel gefährden vor allem die direkten und indirekten Folgen des Klimawandels die psychische Gesundheit. So können laut Bunz und Mücke etwa Natur-katastrophen zu posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen und Angststörungen führen.

Große Hitze wiederum könne aggressives Verhalten auslösen, zu beobachten etwa am Arbeitsplatz, im Stadtverkehr, auf den Autobahnen und in Schulen. Aggressionsfördernd seien auch Extremwetterereignisse wie starke Niederschläge. Allein für die USA werde bis Ende des Jahrhunderts aufgrund des prognostizierten Temperaturanstiegs mit zusätzlich 22.000 Morden, 180.000 Vergewaltigungen und mehreren Millionen Fällen von Körperverletzung gerechnet.

Jun 28, 2019, 11:05:24 AM, Autor: Dr. Thomas Kron