Augenärztliche Fachgesellschaft

Versorgung kommt im Seniorenheim oft nicht an

Der Bedarf an Augenärzten ist in Heimen überdurchschnittlich, die Patientengruppe wächst stetig. Doch gerade hier gibt es gravierende Lücken.

Augenerkrankungen entwickelten sich schleichend, „je früher man sie entdeckt, desto besser lassen sie sich behandeln“. Die relativ einfachen Untersuchungen fänden aber in den Heimen zu oft nicht statt – mit fatalen Folgen für die Bewohner, beklagt der Augenarzt Dr. Peter Heinz.
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Eine wachsende Bevölkerungsgruppe droht von der augenärztlichen Versorgung ausgeschlossen zu werden, obwohl sie zu jenen mit dem größten Bedarf zählt: Bewohner von Seniorenheimen. Davor warnte die Stiftung Auge der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), also der Fachgesellschaft der Augenärzte, gerade in Berlin. „Wir haben in Deutschland eine sehr gute Augenarztdichte“, sagte der Stiftungsvorsitzende Prof. Frank Holz, Direktor der Universitäts-Augenklinik Bonn.

„Aber es fehlen Strukturen, mit denen die Medizin in die Seniorenheime kommt“ – oder die Bewohner zu den Ärzten. Oft scheitere es, sagte Holz, etwa daran, über die Krankenkassen einen Transport zur Verfügung zu stellen. „Es kann nicht sein, dass augenärztliche Untersuchungen auf einmal nicht mehr stattfinden, sobald ein älterer Mensch seinen Wohnort wechselt.“

Laut DOG wird es bis 2030 eine Steigerung der augenärztlichen Behandlungsfälle bei den über 60-Jährigen um etwa ein Drittel geben – damit wird aller Voraussicht nach auch die Zahl der Menschen in Seniorenunterkünften steigen. In einer Studie der DOG hätte jeder zweite Altenheimbewohner angegeben, dass der Transport zum Augenarzt das größte Hindernis sei, diesen zu besuchen. Im Schnitt habe der letzte Besuch in einer Praxis etwa vier Jahre zurückgelegen. Rund die Hälfte der Studienteilnehmer habe an Grauem Star gelitten, bei jedem fünften habe es den Verdacht auf Grünen Star gegeben. Nicht selten, so Holz, hätte die Bewohner keine passende Brille gehabt. „Diese Defizite sind in einem hochentwickelten Gesundheitssystem wie in Deutschland nicht hinnehmbar.“

Sehschwäche führt zu Stürzen

Es komme „nicht selten vor, dass Bewohner die Brille eines verstorbenen Mitbewohners oder des Partners tragen“, präzisierte der Augenarzt Dr. Peter Heinz. Augenerkrankungen entwickelten sich schleichend, „je früher man sie entdeckt, desto besser lassen sie sich behandeln“. Die relativ einfachen Untersuchungen fänden aber in den Heimen zu oft nicht statt – mit fatalen Folgen für die Bewohner. Sie würden ihrer Teilhabemöglichkeit beraubt, im schlimmsten Fall käme es aufgrund von Sehschwäche zu Stürzen, von denen sich Senioren oft nicht mehr erholten. Ziel müsse es daher sein, Heimbewohner regelmäßig augenärztlich zu untersuchen.

Mehrere Maßnahmen schlägt die DOG nun vor. So sollten alle Menschen, die in ein Seniorenheim ziehen, zuvor augenärztlich untersucht werden und dabei standardisiert Empfehlungen bekommen, wie oft sie künftig in der Praxis angeschaut werden sollten. In der Pflegeaus- und -fortbildung sollte das Thema „Auge“ eine größere Rolle spielen. In den Heimen sollten – gegebenenfalls durch qualifiziertes nicht-ärztliches Fachpersonal aus den Praxen – Screenings durchgeführt werden, wofür die Heime auch mit den nötigen Instrumenten ausgestattet werden müssten.

Erstattung nur bei Sehbehinderung

Und schließlich gehe es darum, den Transport von Patienten in die Praxen zu ermöglichen, so die DOG. Gegebenenfalls muss dafür auch Begleitpersonal aus den Heimen bereitgestellt werden, die Zusatzkosten müssten die Krankenkassen tragen. Dafür kämen auch Sammeltransporte in Frage. „Das ist ein riesiges Problem“, sagte Augenarzt Heinz. „Wer nicht als sehbehindert eingestuft ist, bleibt auf den Transportkosten sitzen.“ Da die Fahrt in die Praxis keine „stationsersetzende Leistung“ sei, würde dies von den Kassen nicht übernommen.

Mar 6, 2019, 12:35:17 PM, Autor: tt