Klimawandel

Zunahme der Hitzetoten auch in Deutschland befürchtet

Seit einigen Jahren wächst die Sorge, dass immer mehr Menschen infolge von Klimawandel und steigender Temperaturen sterben könnten. Auch in Deutschland befürchten Wissenschaftler und Gesundheitsorganisationen, dass der Klimawandel und damit einhergehende Hitzewellen zu einer Zunahme der Hitzetoten führen könnten.

Wissenschaftler rechnen mit einer steigenden Zahl von Hitzetoten.
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Denn zwischen Hitzewellen und Mortalität gibt es einen klaren Zusammenhang, wie nun auch eine Untersuchung von Wissenschaftlern des Robert Koch-Instituts, der Charité und des Deutschen Wetterdienstes gezeigt hat („Bundesgesundheitsblatt“). Das Team um Erstautor Dr. Matthias an der Heiden vom Robert-Koch-Institut hat Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes und Daten des Statistischen Bundesamtes zu Sterberaten ausgewertet (Zeitraum 2001-2015).

Die Auswertung der Daten ergab, dass die Wochenmitteltemperatur die beste Aussagekraft für die Mortalität hat. So steige die Zahl der Hitzetoten ab einer Wochenmitteltemperatur von 23 Grad Celsius exponentiell an. Zur Einordnung: Ab einer Wochenmitteltemperatur über 20 °C habe in den Sommerwochen der Jahre 2001 bis 2015 in mehr als der Hälfte der Wochen die Wochenmaximaltemperatur bei über 30 °C gelegen, berichten die Autoren. Besonders hoch war mit 7.600 Toten die Zahl der Hitzetoten in Deutschland im Jahr 2003. Im Jahr 2007 waren es 400 Hitzetote, 2011 sogar noch weniger (300) und 2015 jedoch wieder deutlich mehr (6.100). Eine Zunahme der Mortalität im Zusammenhang mit der Temperatur zeigte sich den Autoren zufolge „vor allem in den Regionen im Süden und in der Mitte Deutschlands, etwas schwächer auch im Norden“.

Dehydratation weiterhin häufiger Grund für Klinikeinweisungen

Erwartungsgemäß waren vor allem, aber nicht ausschließlich, alte Menschen betroffen. Der Grund ist klar: Für alte und chronisch kranke Menschen ist das Risiko einer Dehydrierung besonders groß - und dadurch zum Beispiel die Gefahr einer Thrombose, eines Herzinfarktes und zerebraler Symptome. „Ein Blick in die Statistik zeigt, dass die Dehydratation weiterhin zu den zehn häufigsten Gründen für eine Krankenhauseinweisung bei alten Menschen zählt.

Je nach Ausprägung ist sie mit einer Letalität von über 50 Prozent verknüpft“, bestätigt etwa Dr. Rolf Schaefer (Klinik für Geriatrie, GFO Kliniken, Betriebsstätte Marien-Krankenhaus) in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ Schaefer: „Bereits ein leichter Wasserverlust von 1 – 3 Prozent führt zu einer Steigerung des Durstgefühls sowie einer Verminderung der Speichel- und der Harnproduktion. Bei einem Verlust von 4 – 6 Prozent reduzieren sich unter anderem die kognitiven Fähigkeiten um ca. 20 Prozent und es treten Symptome wie Müdigkeit und Übelkeit auf. Ein langsamer Flüssigkeitsverlust von über 20 Prozent ist tödlich, bei rascher Entwicklung ist bereits ein Verlust von 15 Prozent lebensbedrohlich.“ Besonders gefährlich ist die Kombination von Hitze mit Luftschadstoffen, zum Beispiel mit Feinstaub.

Stehende Hautfalte bei alten Menschen ohne Aussage

Das Problem „Dehydrierung“ bei alten Menschen ist zwar bekannt, doch die rechtzeitige Diagnose ist laut Schaefer gar nicht so leicht: „Die Diagnose der milden bis mittelschweren Dehydratation, welche bereits u. a. mit einer Einschränkung der kognitiven Funktion und den daraus sich ableitenden Folgen verbunden ist, kann schwierig sein. Hier versagen alle klassischen Zeichen bzw. Symptome, die beispielsweise bei Kleinkindern die Dehydratation belegen. Unter anderem haben Laborveränderungen eine sehr geringe Aussagekraft. Die stehende Hautfalte auf dem Handrücken ist aufgrund des verminderten Kollagengehaltes der Haut beim alten Menschen ohne Aussage.“ Was im klinischen Alltag bleibe und zumindest einen gewissen Hinweis liefere, sei die trockene Axilla.

Enorme ökonomische Folgen

Dass der Klimawandel zunehmend Gesundheit, Leben und auch ökonomische Sicherheit von immer mehr Menschen bedrohe, hatten erst vor wenigen Monaten Wissenschaftler aus der ganzen Welt in einem Bericht im „Lancet“ gewarnt.

Nach Angaben der Wissenschaftler stieg die Zahl der Menschen, die Hitze schlecht vertrugen und einer Hitzewelle ausgesetzt waren, zwischen 2016 und 2017 um 18 Millionen. Im Vergleich zum Jahr 2000 waren sogar gut 157 Millionen mehr Menschen betroffen. Besonders groß sei das gesundheitliche Risiko, wenn diese Menschen in Städten lebten, was auch daran liege, dass Hitze in den Städten mit einer großen Luftverschmutzung einhergehe.

Wie schon viele andere Forscher zuvor wiesen auch die Wissenschaftler dieses Berichts darauf hin, dass sich mit den steigenden Temperaturen auch tropische Erreger nach Europa ausbreiten. Klimawandel und Erderwärmung haben außerdem enorme ökonomische Folgen: So führte die Erwärmung dazu, dass immer mehr Arbeitsstunden hitzebedingt ausfielen. IM Jahr 2017 waren es 153 Milliarden Stunden weltweit, 62 Milliarden mehr als im Jahr 2000. 2017 führten dem Bericht zufolge 712 extreme Wetterereignisse zu einem globalen Verlust von 326 Milliarden US-Dollar (rund 288 Millionen Euro), beinahe dreimal so viel wie im Jahr davor.

May 27, 2019, 12:40:01 PM, Autor: Dr. med. Thomas Kron