Ernährung bei Typ-2-Diabetes

Was gesichert ist und was nicht

Der Ernährung wird seit langer Zeit eine große Bedeutung in der Pathogenese des Typ-2-Diabetes und auch in der Behandlung der Patienten eingeräumt. Insbesondere prospektive Beobachtungs- und Interventionsstudien haben in den letzten Jahren wesentlich zum besseren Verständnis der Zusammenhänge beigetragen. Prof. Matthias B. Schulze von der Abteilung Molekulare Epidemiologie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke hat sich die wissenschaftliche Literatur dazu genauer angeschaut und in einem Übersichtsbeitrag den Stand des Wissens dargestellt.

Den Verzehr von rotem Fleisch sollten Menschen mit Typ-2-Diabetes einschränken.
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Seine Hauptbotschaften lauten: Ernährung spiele als modifizierbarer Risikofaktor für die Prävention des Typ-2-Diabetes eine entscheidende Rolle. Eine unausgewogene Energiebilanz und der damit verbundene Gewichtsanstieg seien ein Hauptrisikofaktor für einen Typ-2-Diabetes. Diäten zur Gewichtsreduktion seien geeignete Interventionen, insbesondere auch für übergewichtige Personen mit Prädiabetes.

Nicht nur auf Kalorien kommt es an

Die Nahrungsqualität spielt laut Schulze für die Diabetes-Entwicklung eine von der Energiebilanz unabhängige Rolle. Hier gebe es vor allem für die mediterrane Kost „starke Evidenz“, die diese Ernährungsweise empfehlenswert mache. Eine viel diskutierte Studie in diesem Zusammenhang ist zum Beispiel die PREDIMED-Studie. In dieser Interventionsstudie erhielten Probanden von zwei Interventionsgruppen entweder Olivenöl oder Nüsse als Supplement; alle Teilnehmer wurden zur Umstellung auf eine mediterrane Kost beraten. Die Probanden der Interventionsgruppen hatten ein um 40 % (Olivenöl) bzw. 18 % (Nüsse) reduziertes Diabetesrisiko im Vergleich zur den Probanden der Kontrollgruppe, die einer gesunden Ernährung mit niedrigem Fettanteil folgen sollten. Allerdings wurde die PREDIMED-Studie aufgrund von Problemen bei der Randomisierung zurückgezogen und kürzlich neu publiziert, was ihre Aussagekraft insgesamt schwächt.

Daten, die für die Mittelmeerkost sprechen, hat auch die EPIC-Studie geliefert. Neue Analysen der EPIC-Potsdam-Studie bestätigten den gesundheitlichen Nutzen einer mediterranen Kost: Auch außerhalb des Mittelmeerraums geht diese Kost mit einem verringerten Risiko für Typ-2-Diabetes und wohl auch Herzinfarkte einher. Diese Ergebnisse zum Zusammenhang von regionalen Diäten und chronischen Erkrankungen veröffentlichten Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) im Rahmen des Kompetenzclusters NutriAct im Fachblatt „BMC Medicine". Hintergrund der Publikation war die ungeklärte Frage, ob die mediterrane Kost auch innerhalb Deutschlands das Risiko für chronische Erkrankungen senken kann. „Es handelt sich schließlich um eine regionale Ernährungsform, die sozial und kulturell durch den Mittelmeerraum geprägt ist“, erklärte Matthias Schulze.

Die Wissenschaftler werteten die Daten von rund 27.500 Menschen aus. Anhand von etablierten Scores berechneten sie den Zusammenhang zwischen dem Grad der Einhaltung der Mittelmeerdiät und dem Auftreten von Typ-2-Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs. Studienteilnehmer, die sich relativ strikt an die Diät hielten, hatten ein um 20 Prozent niedrigeres Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, als Teilnehmer, die sich nur teilweise mediterran ernährten. Außerdem beobachteten die Forscher, dass Menschen, die der Mittelmeerdiät folgten, ein niedrigeres Risiko hatten, an Herzinfarkt zu erkranken.

Zu den relevanten Empfehlungen auf Basis von Beobachtungsstudien zählt auch, dass Vollkornprodukte bevorzugt und der Verzehr von rotem Fleisch und Konsum von zuckergesüßten Getränken vermindert werden sollten, da eine Ernährung solche mit einem verminderten Diabetesrisiko assoziiert ist.

Interaktion von Erbanlagen und Ernährung

Eine wichtige Rolle bei der Genese des Typ-2-Diabetes spielen bekanntlich Erbanlagen – und zwar auch in Interaktion mit der Ernährung. So haben zum Beispiel erst kürzlich Wissenschaftler um Professorin Sadaf Farooqi von der Universität von Cambridge durch Gen-Analysen eine Erklärung dafür gefunden und veröffentlicht, warum manche Menschen trotz vieler kullinarischer Verlockungen ihr Leben lang schlank. bleiben. Wie die Wissenschaftler berichteten, ist der Grund dafür eine Gen-Mutation – und zwar eines Gens, dessen Mutationen in der Regel zu Übergewicht und Adipositas führen. Bei dem Gen handelt es sich um das Gen mit der Bauanleitung für den Melanocortin-4-Rezeptor (MC4R), über den zum Beispiel Körpertemperatur und Energiegleichgewicht reguliert werden.

Bei ihren Analysen fanden die Forscher insgesamt 61 Varianten des MC4R-Gens. Bei meisten dieser Mutationen handelte es sich um so genannte Loss-of function-Mutationen, die zu einem Funktionsverlust des Genproduktes führen. Im konkreten Fall des MC4R-Gens waren diese Loss-of function-Mutationen mit Adipositas und kardiometabolischen Erkrankungen (Typ-2-Diabetes und KHK) verbunden. Gain-of-Function-Mutationen hingegen, die zu einer Verstärkung der Gen-Aktvität oder auch einer neuen Funktion führen, waren mit einem Schutz vor Adipositas und auch kardiometabolischen Erkrankungen assoziiert. Denn bei Trägern dieser Varianten des MC4R-Gens ist das Gen stets aktiv; die Betroffenen erhalten daher ständig das Signal, satt zu sein.

„Personalisierte“ Diäten auf Basis von Gen-Analysen?

In den letzten Jahren wurden aufgrund der unstrittigen Bedeutung der Erbanlagen für die Pathogenese der Stoffwechselerkrankung vermehrt Untersuchungen durchgeführt, um Untergruppen von Patienten zu identifizieren, „die sich in der Reaktion auf Ernährung hinsichtlich assoziierter Risiken unterscheiden“. Ursachen derartiger Interaktionen könnten laut Schulze eine allgemeine genetische Veranlagung für die Erkrankung sein bzw. Erbanlagen, die bestimmte Stoffwechselwege betreffen, die für die Wirkung von Ernährungsfaktoren auf das Diabetesrisiko relevant sind.

Obwohl mehrere derartiger Interaktionen berichtet worden seien, mangelt es nach Angaben des Ernährungswissenschaftlers bislang insbesondere an der Reproduzierbarkeit solcher Beobachtungen. Es gebe daher gegenwärtig keine ausreichende Evidenz, die eine Anpassung der Ernährungs-Empfehlungen aufgrund unterschiedlicher genetischer Veranlagungen rechtfertigen würde, so Schulze abschließend.

Apr 29, 2019, 11:25:37 AM, Autor: Dr. med. Thomas Kron