Digitalisierung

Krankschreibung per WhatsApp

Entspannt vom Sofa aus eine Krankschreibung bekommen – das verspricht ein Start-up aus Hamburg
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Eine Hamburger Firma bietet Krankschreibungen per WhatsApp an. Was zunächst verlockend klingt, könnte sich für Nutzer später zu einem großen Problem entwickeln. 


Es scheint ein reizvolles Angebot zu sein: Die Firma AU-Schein bietet seit Ende vergangenen Jahres Erkälteten Krankschreibungen per WhatsApp für 9 Euro an. Dafür muss der Patient im Internet zunächst ein Formular ausfüllen, das die klassischen Erkältungssymptome abfragt. Die weitere Kommunikation mit einem Arzt – inklusive der Angabe persönlicher Daten und eines Fotos der Versichertenkarte – erfolgt dann über den verschlüsselten Messenger-Dienst. Damit laufe alles im Sinne der Datenschutz-Grundverordnung ab, sagt Firmengründer Dr. Can Ansay.

Möglich sei dieses Angebot, so Ansay, durch die im vergangenen Jahr erfolgte Lockerung des sogenannten Fernbehandlungsverbots. Für ihn ist klar: Die Krankenkassen müssten die WhatsApp-Krankschreibungen anerkennen, selbst wenn ein Privatarzt ohne Kassenzulassung sie ausgestellt habe.

Bei der Ärztekammer Hamburg sieht man das ganz anders. „Diese Aussage ist in mehrerlei Hinsicht unsinnig“, kommentiert Pressesprecherin Nicola Timpe Ansays Behauptung. Der Deutsche Ärztetag habe, führt Timpe aus, im Mai 2018 eine Änderung der Musterberufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärzte beschlossen und damit den berufsrechtlichen Weg für die ausschließliche Fernbehandlung von Patienten geebnet. In Hamburg gelte bisher jedoch nach wie vor die alte Berufsordnung. Dieser zufolge müsse mindestens ein persönlicher physischer Kontakt zwischen Arzt und Patient stattgefunden haben. Der angepriesene Service funktioniere also allein aus diesem Grund schon nicht, folgert Timpe.

Es gibt aber noch weitere Probleme mit dem Angebot. „Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung kann im Zuge der Fernbehandlung nicht ausgestellt werden. Die Voraussetzungen zur Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung werden nicht in der Berufsordnung geregelt, sondern in der Arbeitsunfähigkeits-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses“, sagt Timpe. Danach darf die Feststellung von Arbeitsunfähigkeit nur aufgrund einer ärztlichen Untersuchung erfolgen (§ 4 Abs. 1 AU-Richtlinie). Eine „Krankschreibung“ aus der Ferne sei daher nach geltender Rechtslage nicht möglich – unabhängig von der geltenden Fassung der Berufsordnung.

Ärztliche Callcenter möglich
Firmengründer Ansay sieht das alles gelassen. Ja, es stimme, dass in Hamburg noch die alte Berufsordnung gelte. Und darum orientiere er sich auch mit seinem Angebot in Richtung Schleswig-Holstein. Dort sei die Berufsordnung bereits im Punkt der Fernbehandlung erneuert und deutlich liberaler als in vielen anderen Bundesländern. Wenn ein Arzt dort niedergelassen sei, dann könne er bereits die ausschließliche Fernbehandlung anbieten. Sogar ärztliche Callcenter seien dort möglich.

Auch die Feststellung einer Arbeitsunfähigkeit über WhatsAppp ist laut Ansay möglich, denn die Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses gelte nur für Kassenbehandlungen, nicht für private. Er arbeite darum nur mit Privatärzten zusammen. Auch um Haftungsfragen macht er sich wenig Sorgen, da er sich nur auf die Diagnose von Erkältungen fokussieren will.

Die Ärztekammer Schleswig-Holstein (ÄKSH) sieht das Angebot trotzdem kritisch. Sie kritisiert in einer Stellungnahme, dass dabei ein „unterstelltes Primärinteresse der Patienten nach ‚Freistellung von der Arbeit‘ im leichten Krankheitsfall zur Leitidee erhoben wird“, und fügt an: „nicht zuletzt, um damit vermeintliche ‚Kundeninteressen‘ zwecks Gewinngenerierung ‚abzufischen‘“. Also: Extra-Urlaub gegen Geld. Das Geschäftsmodell ziele dabei auf Erkältungen ab und beschränke die Dienstleistungen auf zweimal pro Jahr. Es erscheine „verlockend und einfach, für dann 18 Euro jeweils ein paar Tage nicht zur Arbeit zu müssen“. Dies gleiche der Bestellung eines Discountproducts im Internet.

Auch wenn in diesem Geschäftsmodell ein Quäntchen Zukunftsvision enthalten sei, sei es fraglich, ob die aktuelle Umsetzung nach bisherigem Kenntnisstand rechtskonform sei, resümiert die ÄKSH. Sie kündigt eine weitere rechtliche Prüfung an und rät von der Nutzung ab: Für einen Erkrankten bestehe am Ende die Gefahr, dass sein Arbeitgeber die Krankschreibung nicht anerkenne. Er habe dann ohne Attest gefehlt – ein Kündigungsgrund.

durchblick gesundheit • Ausgabe 64 • April–Juni 2019 • Rasmus Cloes


Mar 31, 2019, 11:57:30 PM, Autor: na