EPA, EFA oder EGA?

Licht im Akten-Dschungel

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Patientenakte, Gesundheitsakte, Fallakte – und das alles möglichst elektronisch. Wer blickt da noch durch? „durchblick gesundheit" bringt Licht ins Akten-Dickicht des digitalisierten Gesundheitswesens.


Als die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ankündigte, allen gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland eine elektronische Gesundheitskarte zur Verfügung zu stellen, war viel von Einsparungen und einer besseren Versorgung die Rede. Teure und unnötige Doppeluntersuchungen sollten der Vergangenheit angehören, genauso wie Medikationsfehler. Denn der Patient sollte seine komplette Krankengeschichte, also Blutwerte, Diagnosen oder Medikamentenplan, immer bei sich tragen – gespeichert auf dem kleinen Chip seiner Versichertenkarte. So die Theorie damals.

15 Jahre ist das alles her. Knapp 2 Milliarden Euro haben mehrere Bundesregierungen mittlerweile in dem Projekt versenkt. Doch die Gesundheitskarte ist noch immer nicht mehr als ein besserer Lichtbildausweis.

Mittlerweile ist Jens Spahn ins Bundesgesundheitsministerium eingezogen. Und der CDU-Politiker stellt nun alles auf Anfang. Es gehe ihm viel zu langsam mit der Digitalisierung. Deshalb will er mit seinem Ministerium bei dem Thema künftig allein entscheiden, entmachtete deshalb die Selbstverwaltung aus Ärzten und Krankenkassen. Spahn will Tempo machen bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. In drei Jahren soll jeder gesetzlich Versicherte einen Anspruch auf eine elektronische Patientenakte haben.

Doch damit nicht genug. Schon heute basteln mehrere Krankenkassen an eigenen digitalen Akten für ihre Versicherten, den sogenannten elektronischen Gesundheitsakten. Und um die Verwirrung komplett zu machen, führen Klinikärzte und ihre Kollegen in den Haus- und Facharztpraxen für ihre Patienten sogenannte elektronische Fallakten. Wer soll da noch durchblicken? Also am besten der Reihe nach.


Elektronische Fallakte (EFA)
Diese Akte konzentriert sich auf die konkrete Behandlung eines bestimmten Krankheitsfalls eines Patienten. Geführt wird die Akte in der Hoheit der vom Patienten berechtigten Ärzte in Form einer elektronischen Dokumentation. Ärzte können mit der EFA also medizinische Daten des Patienten digital austauschen. Das System funktioniert einrichtungsübergreifend, also auch zwischen Krankenhäusern und Arztpraxen. Es soll die Kommunikation zwischen Kliniken und Praxen verbessern. Der Patient stimmt dabei einer zeitlich auf die Krankheitsdauer begrenzten Speicherung seiner medizinischen Daten zu.

Elektronische Gesundheitsakte (EGA)
Diese Akte führt der Patient selbst. Nur er bestimmt, welche Daten er in die Akte lädt und welche Angaben er seinem Arzt zur Verfügung stellt. Ärzte können die Akte also nur mit Erlaubnis des Patienten einsehen. Die EGA soll möglichst alle Daten des Patienten speichern – von der Geburt bis zum Tod. Finanziert wird die Akte von den Krankenkassen.

Bislang können gesetzlich Versicherte zwischen drei EGA-Konzepten wählen:

  • Die Techniker Krankenkasse stellt ihren Versicherten den TK-Safe zur Verfügung. Mit dieser App haben Patienten auf ihrem Smartphone „an jedem Ort und zu jeder Zeit ihre persönlichen Gesundheits- und Krankheitsinformationen an einem Ort immer zur Hand“, wirbt die Kasse. Dazu zählen Informationen zu Impfungen und Arztbesuchen ebenso wie Medikamentendaten. Diese würden verschlüsselt an einem zentralen Ort gespeichert – und zwar auf Servern des IT-Konzerns IBM. Zugriff auf die Daten habe nur der Patient – mit einem persönlichen Schlüssel. Er kann seinem behandelnden Arzt aber Zugriff auf Informationen geben, etwa welche Medikamente er gerade einnimmt.
  • Beim Projekt Vivy haben sich mehrere Krankenkassen unter Federführung des Allianz-Konzerns zusammengetan, darunter die DAK, IKK classic sowie mehrere BKKen. Vivy funktioniert ähnlich wie der TK-Safe: Auch hier können Patienten mithilfe einer App ihre medizinische Vorgeschichte speichern, ebenso wie ihren digitalen Impfpass oder ihren Medikationsplan.
  • Dritter Anbieter bei den EGA ist die AOK mit ihrem digitalen Gesundheitsnetzwerk. Auch dies speichert die Daten des Patienten, allerdings nicht zentral auf einem Server wie bei Vivy und dem TK-Safe. Stattdessen teilen die an das AOK-Netzwerk angebundenen Ärzte, Kliniken und Apotheken die Patientendaten aus ihren Systemen heraus. Die Datenspeicherung erfolgt hier also dezentral.

Elektronische Patientenakte (EPA)
Auch diese Akte sammelt die Gesundheitsdaten von der Geburt bis zum Tod. Die EPA wird allerdings nicht wie die elektronische Gesundheitsakte vom Patienten selbst, sondern vom Arzt geführt. Krankenkassen müssen ihren Versicherten bis spätestens 2021 eine EPA zur Verfügung stellen. Bis dahin müssen sich die Kassen mit den Ärzten auf Details zur Umsetzung des Konzepts einigen. Also etwa darauf, wann und unter welchen Bedingungen Ärzte Zugriff auf die gespeicherten Patientendaten haben sollen. Gesundheitsminister Spahn will, dass Patienten auch über ihr Smartphone Zugriff haben sollen. Dies ist unter IT-Sicherheitsfachleuten umstritten.

Der Patient soll die Möglichkeit bekommen, Dokumente, die von seinem Arzt in die Akte geladen wurden, zu löschen. Dies stößt bei Ärzten auf Kritik. Sie fürchten, dass sie sich in diesem Fall nicht mehr auf die Vollständigkeit der Angaben in der Akte verlassen können.

Die EPA soll zudem ein sogenanntes Patientenfach enthalten, wo die Versicherten eigene Daten aus sogenannten Wearables, also digitalen Pulsmessern oder Schrittzählern, hochladen können.

durchblick gesundheit • Ausgabe 64 • April–Juni 2019


Jan 4, 2019, 12:10:36 AM, Autor: Marco Münster