Bewertungsportale

Daher sollten Sie dem Rat von „Google-Patienten“ nicht trauen

© vegefox.com/Fotolia.com

Ob man die Adresse eines gutes Restaurants im Internet sucht oder sich online neue Hosen kauft: Für alles werden im Netz Sterne und Bewertungen abgegeben. Auch die Ärzte können sich dem nicht entziehen: Arztbewertungsportale haben sich längst etabliert. Dass man sich als Patient auf die Angaben dort verlassen kann, heißt das aber noch lange nicht. 

Die Grundidee der Bewertungsportale klingt erst einmal plausibel: Patienten teilen ihre Erfahrungen mit Ärzten und bewerten die entsprechende Praxis. Doch was theoretisch nützlich klingt, macht in der Realität in erster Linie Probleme: Selten zeichnen die Angaben in den großen Online-Bewertungsportalen ein objektives Bild der Leistungen eines Mediziners. Häufig ist Unzufriedenheit der Anlass, dem Arzt einmal „die Meinung zu geigen“. Bei guten Erfahrungen greifen Patienten seltener zur Tastatur – was die Bewertungsübersicht erheblich verzerren kann. Auch haben Patienten oft aufgrund mangelnder Fachkenntnisse Probleme, die medizinische Leistung eines Arztes zu beurteilen.

Aber immerhin die Freundlichkeit eines Arztes, das Gespräch und die Ausführlichkeit der Erklärungen sollte doch jeder Patient beurteilen und anderen Patienten damit einen Fingerzeig geben können? Im Prinzip trifft das zu. Doch ganz offensichtlich kann man sich auch auf solche Empfehlungen und Bewertungen nicht verlassen: Im Internet finden sich immer wieder gefälschte und gekaufte Bewertungen.

So berichteten dem „durchblick“ mehrere niedergelassene Ärzte, dass sie schon von halbseidenen Anbietern zum Kauf von falschen Bewertungen aufgefordert worden seien. „Ärgern Sie sich über zu Unrecht erhaltene negative Bewertungen? Diese sind nicht nur ärgerlich, sondern schaden Ihrer Praxis. Wir können Ihnen helfen“, verspricht beispielsweise die ominöse „Bewertungs-Fabrik“ in einer Werbemail, die der Augenarzt Dirk Paulukat erhielt und an diese Redaktion weiterleitete. Zumindest laut Angebot ist der Firmensitz des Anbieters Frankfurt am Main. Zum Preis von rund 150 Euro könne Paulukat fünf positive Google-Einträge für seine Praxis und drei gute Bewertungen beim Portal Jameda kaufen. Zahlen könne er „bequem per PayPal oder Kreditkarte“, heißt es. Die Bewertungen würden „von seriösen Produkttestern aus Ihrer Region vorgenommen“.

Kurz vor der Werbemail tauchte – offenbar zur „Attraktivitätssteigerung“ des Angebotes – plötzlich eine absurde und negative Bewertung von Paulukats Praxis bei der Ärztebewertung Jameda auf. Der Facharzt handelte rasch und wies die Betreiber der Seite darauf hin. Der Beitrag wurde schließlich entfernt.

Von solchen dubiosen Angeboten berichteten der „durchblick“-Redaktion inzwischen auch weitere Haus- und Fachärzte aus verschiedenen Teilen des Landes. Eine Besonderheit zeigen dabei alle Angebote: Verfolgt man die Unternehmensdaten der Bewertungsfirmen, landet man unweigerlich im Ausland – und bei Briefkastenfirmen, die in regelmäßigen Abständen verschwinden und unter ähnlichem Namen neu auftauchen.

Das Bewertungsportal Jameda muss einräumen, dass der Kampf gegen illegale Bewertungsanbieter inzwischen zum Tagesgeschäft gehört. Dort bestätigt man auch, dass die „Bewertungs-Fabrik“ durchaus bekannt sei. „Wir kennen den Anbieter und stehen mit unserem Rechtsbeistand diesbezüglich in Verbindung. Leider sitzen diese Firmen häufig im Ausland, was uns die Arbeit erschwert“, berichtet eine Sprecherin vom zähen Kampf gegen die Bewertungsanbieter. Man versuche, alle Manipulationsversuche aufzudecken und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Erfolgreich konnte das Unternehmen im vergangenen Jahr die Online-Agentur „Fivestar Marketing“ abmahnen. Die Agentur darf seitdem keine Jameda Bewertungen mehr zum Kauf anbieten. Kaum zu glauben: Bewertungen für andere Unternehmen bietet die Seite weiterhin fröhlich an. Auch die ominöse Agentur „Goldstar Marketing“ musste positive Jameda-Bewertungen vom Netz nehmen. Bewertungen auf Google und Amazon kann man dort jedoch noch kaufen.

Überfliegt man den Markt der Bewertungsanbieter insgesamt, wird schnell deutlich, dass besonders gekaufte Google-Bewertungen momentan ein dickes Geschäft sind. Zwar hat es bereits die ersten Gerichtsprozesse gegen falsche und schlechte Google-Bewertungen gegeben. Gegen gekaufte Lobhudeleien auf den Google-Seiten ist jedoch noch niemand zu Felde gezogen. Das dürfte auch ein Kampf gegen Windmühlen werden: Der Internetriese versucht stets, die Verantwortung auf die Firmenzentrale in den USA abzuwälzen. Dort verläuft fast alles – wie auch die Anfrage der Redaktion zu dem Thema – im Sand. Dem Vertrauen in die Seriosität von Google-Bewertungen ist das zumindest nicht zuträglich.

Patienten, die sich Bewertungen im Internet anschauen, kann also prinzipiell nur geraten werden, solchen Informationsquellen nicht zu viel Vertrauen zu schenken. Was die Arztsuche angeht, sind Ratschläge von Freunden, Kollegen und Familienmitgliedern nach wie vor unbezahlbar.

durchblick gesundheit • Ausgabe 64 • April–Juni 2019 


Jan 4, 2019, 12:14:39 AM, Autor: Jan Scholz