Krank durch Getreide?

„Glutenfrei ist ein Hype“

Glutenfrei boomt – sei es in der Gastronomie, im Lebensmittelhandel oder in der heimischen Küche. Manche Lebensmittelhersteller loben gar plötzlich Produkte als glutenfrei aus, in denen bereits vorher nichts von dem auch als Kleberweiß bezeichneten Proteinmix steckte. Was von dem Hype zu halten ist und wer aus welchen Gründen auf eine glutenfreie oder -reduzierte Ernährung achten sollten, erörterte der änd mit dem Internisten Prof. Stephan Bischoff, Direktor des Lehrstuhls für Ernährungsmedizin an der Universität Hohenheim/Stuttgart. Bischoff verfügt über Zusatzqualifikationen in Allergologie, Ernährungsmedizin und Gastroenterologie.

Bischoff: „Vor allem Missinformationen haben beim Thema Gluten zu viel Verunsicherung geführt.“
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Herr Prof. Bischoff, wie viele Menschen ernähren sich hierzulande glutenarm oder -frei – und warum?

Dafür gibt es drei verschiedene Gründe, die zusammengefasst unter dem Begriff „Weizenunverträglichkeiten“ laufen: eine Weizenallergie, die Zöliakie und die Nicht-Zöliakie-Nicht-Allergie-Weizensensitivität (NCWS = Non-celiac-wheat-sensitivity).
Drei bis sechs Prozent der Bevölkerung ernähren sich entsprechend; den größten Anteil haben Menschen mit NCWS. Zöliakiepatienten machen davon unter einem Prozent aus, Weizenallergiker mit rund einem Prozent ein klein wenig mehr.
Aber wenn man sich aktuelle Umfragen unter der Bevölkerung anschaut, liegen die Zahlen für mit Weizen oder Getreide assoziierten Erkrankungen oder Beschwerden weit höher als die Anzahl der jeweiligen ICD-kodierten Diagnosen.

Generell beobachten wir eine Zunahme von nicht-toxischen immunologischen oder nicht-immunologischen Getreideunverträglichkeiten, die derzeit Gegenstand intensiver Diskussionen ist. Als mögliche Ursachen kommen eine ganze Reihe von Faktoren in Frage: Veränderungen von Hygienemaßnahmen, der Ernährung allgemein, in der Getreidegenetik und bei der Herstellung von Brot und Backwaren beispielsweise. Auch Mikrobiomveränderungen spielen vermutlich eine Rolle dabei. Und nicht zuletzt wirkt sich natürlich auch eine intensiv verwendete Diagnostik auf die Krankheitsprävalenzen aus.

Gehen wir mal die drei getreidebedingten Krankheitsbilder durch und fangen mit der Zöliakie an. Bitte fassen Sie für unsere Leser das Wichtigste dazu zusammen.

Durchschnittlich ein Prozent der europäischen Bevölkerung leidet an Zöliakie, einer Unverträglichkeit gegenüber Gluten aus Getreide. Dahinter verbirgt sich ein auch Klebereiweiß genannter Proteinmix. Nahezu ausschließlich tritt die Erkrankung bei genetisch prädisponierten Personen (Nachweis der Histokompatibilitätsantigene HLA-DQ2 oder HLA-DQ8) auf, umgekehrt erkranken aber 30 bis 40 Prozent der entsprechend prädisponierten Menschen nicht an Zöliakie.

Wir verstehen Zöliakie heutzutage als Autoimmunreaktion mit Beteiligung des angeborenen und des adaptiven Immunsystems. Das Krankheitsbild ist breit aufgestellt und umfasst eine ganze Reihe gastrointestinaler Störungen wie abdominale Schmerzen, Meteorismus und Diarrhöen. Typischerweise stehen unterschiedliche Stadien einer Dünndarmentzündung im Vordergrund, bei heftigen Verläufen bis hin zur kompletten Zottenatrophie. Auch extraintestinale Erkrankungszeichen kommen vor, beispielsweise Hauterscheinungen (Dermatitis herpetiformis), Kopf- und Muskelschmerzen oder Müdigkeit; ebenso weniger charakteristische Verläufe mit beispielsweise Anämie, Osteoporose oder Depressionen.
Verschiedene serologische Tests auf zöliakiespezifische IgA-Antikörper wie die Bestimmung von Anti-TG IgA, Anti-EMA IgA oder Anti-DPG IgA ermöglichen heutzutage eine zuverlässige Diagnostik. Im Falle eines vorliegenden IgA-Mangels müssen zusätzlich bestimmte IgG-Antikörper bestimmt werden. Diese Diagnostik muss unter glutenhaltiger Ernährung erfolgen.
Eine histologische Untersuchung – empfohlen für Erwachsene, bei Kindern nur nach sorgfältiger Abwägung – sichert die Diagnose ab und dient zur Bestimmung des Schweregrads.
Die Therapie besteht aus einer glutenfreien Diät mit maximal 10 mg Gluten täglich. Diese Minimalmenge entspricht ungefähr zehn Brotbröseln oder einem Drittel Croûton. Zu den glutenfreien Getreidearten gehören Mais, Reis und die Pseudogetreide Buchweizen und Amaranth. Eine Sonderrolle nimmt der von Haus aus glutenfreie Hafer ein, der jedoch bei Ernte oder Verarbeitung oft mit Gluten kontaminiert wird und gegebenenfalls Beschwerden auslösen kann.

Und wie sieht es mit Getreideallergien aus?

Mit ca. ein Prozent Betroffenen gilt die Weizenallergie/Getreideallergie als häufigste Nahrungsmittelallergie bei Erwachsenen in der westlichen Welt. Diese Allergie richtet sich gegen verschiedene Eiweiße aus der Albumin- und Globulinfraktion und ist in der Regel IgE-vermittelt. Die allergischen Reaktionen auf Getreide erfolgen über die Nahrungsaufnahme (Nahrungsmittelallergie), Hautkontakt (Kontakturtikaria) oder Inhalation (so genanntes „Bäckerasthma“ oder allergische Rhinitis).
Die weizenabhängige anstrengungsinduzierte Anaphylaxie stellt eine Sonderform unter den IgE-vermittelten Reaktionen auf Getreide dar. Hierbei entwickeln die Betroffenen nach der Weizenaufnahme vor körperlichen Betätigungen schwere allergische Symptome bis hin zum anaphylaktischen Schock, während der Verzehr ohne körperliche Anstrengungen keinerlei Probleme bereitet. Symptomsteigernd wirken neben Bewegung mitunter auch Alkoholkonsum oder Stress.
Die Symptomatik der Getreideallergie äußert sich vielfältig: Intestinal mit Bauchschmerzen, Erbrechen und Durchfall, extraintestinal an der Haut und den Atemwegen (beispielsweise anschwellende Schleimhäute im Mund-Rachen-Raum, Juckreiz und Urtikaria, allergischer Schnupfen oder asthmatische Beschwerden). Heftige Verläufe reichen mitunter bis zum allergischen Schock.
Neben einer ausführlichen Anamnese dominieren die Bestimmung spezifischer IgE-Antikörper im Blutserum und der Haut-Pricktest mit einer Weizenlösung die Diagnostik bei einer vermuteten Weizenallergie, die sich über orale Provokationstests bei Bedarf absichern lässt.
Ähnlich wie bei der Zöliakie stellt auch hier eine entsprechende Nahrungsmittelkarenz die beste Therapieoption dar. Da sich Getreide in vielen Produkten verbergen kann, rate ich zu einer fundierten Ernährungsberatung. Auch Getreide-Urformen enthalten Allergene, selbst glutenfreie Getreideprodukte können Allergene beinhalten! Bei Anaphylaxiegefahr ist ein „Notfallset“ (Adrenalin + Prednisolon + Antihistaminikum) unerlässlich.

Das Krankheitsbild der Nicht-Zöliakie-Nicht-Allergie-Weizensensitivität (NCWS) ist weit jünger als die beiden vorher genannten und nimmt offensichtlich zu. Was verbirgt sich dahinter?

Das stimmt, NCWS ist erst seit einigen Jahren als Krankheitsbild belegt. Der Verdacht darauf liegt immer dann nahe, wenn die Diagnostik bei Beschwerden nach dem Konsum von Getreideprodukten weder eine Zöliakie, Getreideallergie noch andere (intestinale) Ursachen nachweisen konnte. Konkrete Zahlen zur Prävalenz gibt es nicht – Schätzungen gehen von 1% bei solider Diagnostik aus. Auch hinsichtlich der Pathophysiologie besteht noch Klärungsbedarf, aber vieles spricht für eine Beteiligung des angeborenen Immunsystems.
Als Auslöser stehen verschiedene Weizenbestandteile in der Diskussion, beispielsweise die Alpha-Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATIs), die auch bei der Weizenallergie eine große Rolle spielen.
Anders als bei der Zöliakie oder einer Weizenallergie gibt es für die NCWS keine typische Marker, die eine zuverlässige Diagnose erlauben. Hier geht es eher um eine – oftmals langwierige – Ausschlussdiagnostik, die sich letztlich nur mittels Nahrungsmittelelimination und anschließender verblindeter Provokation zuverlässig nachweisen lässt, wobei Nocebo-Effekte nach Möglichkeit auszuschließen sind.
Therapeutisch steht derzeit eine im Vergleich zur Zöliakiediät weniger strikte Eliminationsdiät im Vordergrund. Im Verlauf können ansteigende Getreidemengen ausprobiert werden bis hin zum persönlichen Toleranzwert der Patient(inn)en.

Achten denn wirklich nur diejenigen auf eine gluten- oder getreidefreie Ernährung, die es medizinisch müssen? Selbst Supermärkte und sogar Discounter setzen ja inzwischen auf „glutenfrei“ – was ja nicht wirklich zu den Prävalenzwerten von gerade einmal einem Prozent passt. Bedarf/Nachfrage scheinen also höher zu sein…

Sicherlich achten nicht nur die darauf, die es müssen. Das Thema Gluten hat zu viel Verunsicherung geführt, nicht zuletzt durch Missinformationen. Glutenfrei ist ein Hype, vor allem für solche Menschen, deren Beschwerden anderweitig nicht eindeutig zugeordnet werden können.

Welche Fachbereiche sind denn bei den jeweiligen Erkrankungen gefragt und welchen Rat für die Praxis geben Sie den entsprechenden Kolleg(inn)en mit auf den Weg?

Betroffene sollten sich an Allergologen und Gastroenterologen mit Erfahrung im Bereich Ernährung und Intoleranzen wenden beziehungsweise Hausärzte sollten diese Patienten baldmöglichst an diese Fachgruppen überweisen.


Jun 3, 2019, 2:09:11 PM, Autor: Jutta Heinze