Uni Bochum

Online-Sucht korreliert mit Selbstverletzungen und Suizidgedanken

Eine Internetabhängigkeit geht offenbar oft mit weiteren psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen einher. Dies berichten Wissenschaftler der Universität Bochum, die für eine Übersichtsarbeit die wissenschaftliche Literatur zum Zusammenhang zwischen Online-Sucht und anderen psychischen Störungen ausgewertet haben.

Menschen, die sich fast ausschließlich in der virtuellen Welt des Internets bewegen, ziehen sich oft aus der realen Welt zurück und vereinsamen.
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Menschen, die sich fast ausschließlich in der virtuellen Welt des Internets bewegen, ziehen sich in vielen Fällen gleichzeitig aus der realen Welt zurück und vereinsamen. Oft leiden sie auch unter psychischen Störungen wie Ängsten oder Depressionen oder einer Substanzabhängigkeit. „Im Rahmen unserer Studie sind wir der Frage nachgegangen, ob Menschen mit einer Internetabhängigkeit ein erhöhtes Risiko für das Auftreten lebensverneinender Gedanken oder Impulse haben“, erläutert Erstautor Toni Andreas Steinbüchel von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Bochum. 15 Studien haben Steinbüchel und seine Kollegen identifiziert, die es erlaubten, konkrete Aussagen zur Häufigkeit und zum Schweregrad begleitender psychischer Störungen zu machen.

Nach Angaben der Autoren lag die Punktprävalenz für Suizidalität bei einer Internetabhängigkeit in den außereuropäischen Studien zwischen 21,6 und 47 Prozent. In zwei europäischen Studien wurden Punktprävalenzen von 27,5 Prozent beziehungsweise 42,3 Prozent ermittelt. Die Werte in den gesunden Vergleichsgruppen waren mit Punktprävalenzen von 10,9 beziehungsweise 12,7 Prozent niedriger. Nur eine Studie untersuchte die Lebenszeitprävalanz: Sie betrug bei Menschen mit Internetabhängigkeit fast 22 Prozent; bei gesunden Probanden lag sie bei 14 Prozent. Darüber hinaus stellten die Wissenschaftler eine Korrelation zwischen Internetabhängigkeit und psychischen Störungen einerseits und selbstverletzenden Handlungen und Suizidalität fest.

Ob Internetabhängigkeit und Suizidgedanken durch bereits vorbestehende depressive Störungen verstärkt werden oder aber die Psyche erst infolge der Internetabhängigkeit und ihren sozialen Folgen leidet, lässt sich an Hand der aktuellen Studienlage nicht klären. Für die Frage nach Ursache und Wirkung sind Langzeitstudien notwendig. Steinbüchel und seine Kollegen plädieren für eine differenzierte Betrachtung: „Die erhöhte Suizidalität bei Internetabhängigen allein auf psychische Vorerkrankungen zurückzuführen, greift sicher zu kurz.“ Eine Depression entwickele sich gerade dann, wenn eine Suchterkrankung bereits gravierende Auswirkungen auf den Alltag des Betroffenen habe, wie etwa Verlust des Partners, des Ausbildungs- oder des Arbeitsplatzes. Vieles spreche daher für ein Sowohl-als-auch: Depressivität könne als Risikofaktor die Entstehung einer Internetabhängigkeit fördern, aber auch infolge der Sucht erst entstehen.

Unabhängig von der Ursache-Wirkungs-Beziehung weisen die Autoren der Studie darauf hin, dass suizidale und selbstverletzende Impulse und Verhaltensweisen in der Diagnostik und Therapie von internetabhängigen Patienten in jedem Fall berücksichtigt werden müssten. Insbesondere während des Entzugs sollten Therapeuten sensibel dafür sein. „In dieser Phase fällt die starke Identifikation mit den digitalen Stellvertretern wie Avataren und Accounts plötzlich weg“, erläutert Steinbüchel. Umso stärker würden dann die negativen Folgen der Sucht im Alltag sichtbar.

Feb 25, 2019, 11:52:55 AM, Autor: Dr. med. Thomas Kron