Cannabiskonsum und Fahrsicherheit

„Grenzwerte analog zu Alkohol lassen sich nicht sinnvoll definieren“

Bei Alkohol markieren Werte ab 1,1 Promille die absolute Fahrunsicherheit. Wie aber sieht es bei Cannabiskonsum am Steuer aus? Ab welchen Blutwerten wirkt sich THC auf das Fahrverhalten aus und wie lange halten sich auf das Fahrverhalten bemerkbar machende Effekte an? Und was bedeutet das für die Rechtsmedizin? Diesen Fragen ging eine kürzlich online veröffentlichte Studie des rechtsmedizinischen Instituts der Universität Düsseldorf nach. Der änd sprach dazu mit dem an der Studie beteiligten Rechtsmediziner Privatdozent Dr. Benno Hartung und dem Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin der LMU München und Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin (DGVM), Professor Matthias Graw.

Cannabiskonsum am Steuer mit nachgewiesenen THC-Werten > 1 ng/ml Blutserum ist eine Ordnungswidrigkeit – bei Fahrauffälligkeiten sogar mitunter eine Straftat.
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Herr Prof. Graw und Herr Dr. Hartung, bitte geben Sie doch einen kurzen Überblick über die aktuelle Rechtslage zu Cannabiskonsum und Fahrsicherheit?

Hartung: Der Cannabiskonsument begeht im Straßenverkehr eine Ordnungswidrigkeit nach §24 a Abs. 2 StVG, wenn er zum Fahrtzeitpunkt mindestens 1ng/ml THC (i. S.) aufgewiesen hat – unabhängig von der Fahrweise oder körperlichen Auffälligkeiten. Für diese Feststellung bedarf es einer zeitnahen Blutentnahme. Es gibt auch unterschiedliche Vortestverfahren für Urin oder Speichel, die allerdings nicht gerichtsverwertbar sind. Dies ist ausschließlich die forensische Konzentrationsbestimmung von THC und seinen Metaboliten im Blutserum.

Ferner kann eine Straftat nach §316 StGB vorliegen, wenn auf den mittels Blutprobe nachgewiesenen Cannabiskonsum zurückzuführende Anzeichen einer Fahrunsicherheit vorliegen, wie beispielsweise Auffälligkeiten beim Halten der Spur oder der vorgeschriebenen Geschwindigkeit. Außerdem kann zum Beispiel bei Hinweisen auf ein fehlendes Trennvermögen, das heißt Trennen zwischen Cannabiskonsum und Fahrt, eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) angeordnet werden.

Welche Wirkungen ruft Cannabis beispielsweise hervor?

Hartung: Die für den Straßenverkehr relevantesten Wirkungen sind Euphorie und Enthemmung sowie die möglichen Beeinträchtigungen von Aufmerksamkeit, Reaktionszeit und Urteilsfähigkeit. Darauf Einfluss nehmen die Konsumart und die persönliche Befindlichkeit des Konsumenten. Auch die Zusammensetzung des Cannabisproduktes spielt eine Rolle, hier wäre beispielsweise die Frage nach dem Cannabidiolgehalt interessant.

Bestehen Wirkunterschiede zwischen mit THC behandelten Schmerzpatienten und Konsumenten eines Partyjoints?

Graw: Es gibt bisher keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Cannabis bei gleicher Applikationsart – in der Regel der Inhalation – bei Konsumenten und Patienten unterschiedlich wirkt, auch wenn diese Hypothese immer wieder postuliert wird. Meist bekommen Schmerzpatienten jedoch eine orale THC-Medikation, bei der die typischen Konzentrationsspitzen, die zu einem „High“ führen, fehlen.

Was wollten Sie mit Ihrer Studie herausfinden und wie sind Sie vorgegangen?

Hartung: Wir hatten vor einiger Zeit zunächst alkoholintoxikierte Radfahrer in Bezug auf ihr Leistungsvermögen untersucht, bei denen sich mit steigender Blutalkoholkonzentration durchaus eine Abnahme der Leistungsfähigkeit zeigte. Danach wollten wir den Vergleich zu Cannabis ziehen und haben cannabisintoxikierte Radfahrer auf demselben Parcours überprüft. Bei denen ermittelten wir im Vergleich zum Alkohol nur sehr wenige beziehungsweise keine Auffälligkeiten. Der logische nächste Schritt war daher die Frage, ob sich dieses Ergebnis auch auf cannabisintoxikierte Fahrer in einem Fahrsimulator übertragen lässt.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie denn gekommen, wie wirkte sich ein Joint auf das Fahrverhalten aus?

Hartung: Zunächst muss ich vorausschicken, dass auch dieser Cannabisversuch nur eine kleine Probandenzahl abgedeckt (N=15) und es sich um einen eher einfachen Fahrsimulator gehandelt hat. Die Probanden durften nach der Nüchternfahrt bis zu drei Joints mit definiertem Wirkstoffgehalt (300 μg THC/kg Körpergewicht) nach vorgegebenem Inhaltationsschema rauchen. Nach Beendigung des Konsums sowie etwa 3 Stunden und etwa 6 Stunden später erfolgten weitere Fahrten auf jeweils anderen Simulationsstrecken.

Kurz nach Beendigung des Konsums, im akuten Rauschzustand, konnten wir eine signifikante Erhöhung der Fahrfehler sehen, jedoch nicht mehr nach 3 Stunden. Nach 6 Stunden zeigte sich ein heterogenes Bild mit teilweise erneut ansteigenden Fahrfehlern. Neben einem in der Literatur beschriebenen Anstieg von Fahrfehlern in der sogenannten subakuten Phase könnte auch die zwischenzeitlich aufgetretene Müdigkeit (gegen 23:00/24:00 Uhr) eine Rolle gespielt haben. Dies müsste in einem größer angelegten Versuch genauer überprüft werden.

Welche Fehler machten die Probanden am häufigsten und wie war ihr subjektives Empfinden – auch im Zusammenhang mit den Fehlerquoten?

Hartung: Am häufigsten kamen Spurabweichungen sowie Kollisionen mit plötzlich auftauchenden Hindernissen vor. Hier wird jetzt jeder zu Recht einwenden, dass jede einzelne dieser Auffälligkeiten eine zuviel ist, aber man muss das im Kontext zu der vom Simulator vorgegebenen Fahrstrecke sehen, die auch für den Nichtintoxikierten kaum fehlerfrei zu meistern ist.

Die Probanden haben natürlich mehrere Rückmeldungen gegeben, im Rahmen der begleitenden ärztlichen Untersuchungen wurden sie auch explizit nach dem Befinden befragt. So waren eigentlich alle unmittelbar nach dem Konsum der bis zu drei Joints der Ansicht, dass sie in diesem Zustand kein Fahrzeug führen würden. Vor allem bei der letzten Versuchsreihe gab es von den Probanden bisweilen die Angabe, müde zu sein.

Was bedeuten die Studienergebnisse generell und speziell für die Fahreignung von mit Medizinalhanf behandelten Patienten?

Hartung: Durch die bisherige geringe Teilnehmerzahl wäre eine weitere Untersuchung mit mehr Probanden wünschenswert – auch im Sinne von verlässlichen Handlungsableitungen. Solch eine großangelegte Untersuchung mit deutlich mehr Probanden würde ich sehr gerne in einem sehr elaborierten Fahrsimulator mit einem Partner durchführen. Aber dazu benötigen wir zunächst erhebliche Drittmitteleinwerbungen.

Wie sieht es bei Personen aus, die medizinisch verordnetes THC konsumieren?

Graw: Wenn diese Patienten typische Rauschzustände und/oder Ausfallserscheinungen aufweisen, sind sie akut fahrunsicher. Das eigentliche und intensiv diskutierte Problem ist hier jedoch die Frage nach der grundsätzlichen Fahreignung, die für den Einzelfall gutachterlich geprüft werden muss; gegebenenfalls per MPU.

Welche Folgen haben die Studienergebnisse für die Rechtsmedizin?

Hartung: Man kann einerseits sagen, dass es zur Bewertung einer Straftat weiterhin einer individuellen Beurteilung des Einzelfalls bedarf.

Wissenschaftlich belegen ließe sich eine cannabisbedingte Fahrunsicherheit bei regelmäßigen Konsumenten anhand der Daten oberhalb von 15 ng/ml THC im Serum.

Andererseits dürfte die THC-Konzentration bei regelmäßigen Cannabiskonsumenten öfters auch nach vielstündiger Abstinenz und ohne das Vorliegen cannabisbedingter Beeinträchtigungen oberhalb des Grenzwertes zur Ordnungswidrigkeit in Höhe von 1ng/ml i.S. liegen.

Brauchen wir künftig Grenzwerte?

Graw: Grenzwerte in Analogie zum Alkohol sind nicht sinnvoll zu definieren, nein – wir brauchen sie nicht.

12.02.2019 16:45:49, Autor: Jutta Heinze