Metaanalysen von Ernährungsstudien

Getretener Quark wird breit, nicht stark

Wieder einmal hat eine systematische Auswertung von Ernährungsstudien ein Ergebnis geliefert, das vor allem die Anhänger von Müsli und Vollkornbrötchen erfreuen dürfte. Eine ballaststoffreiche Ernährung, so die Hauptbotschaft, schütze möglicherweise vor Herzkrankheiten, Krebs und Diabetes und so vielleicht auch vor einem vergleichsweise frühen Ableben.


Dass eine ausgewogene Ernährung gesund ist, bezwifelt wohl niemand. Allein: Die vielen Metaanalysen zu Ernährungsstudien bringen wenig Erkenntnisgewinn.
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Erschienen ist die Datenauswertung von Ernährungswissenschaftler um Dr. Andrew Reynolds (Universität von Dunedin in Neuseeland) immerhin im „Lancet“. Berücksichtigt wurden 185 Publikationen zu prospektiven Beobachtungsstudien mit einer Beobachtungszeit von 135 Millionen Personenjahren sowie 58 randomisierte klinische Studien mit mehr als 4600 Teilnehmern. Ausgewertet wurden nur Studien, deren Teilnehmer zu Beginn noch keine chronischen Erkrankungen hatten.

Den Autoren zufolge ergab die Auswertung eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Ballaststoffen und Tumoren, kardiovaskulären Erkrankungen sowie Tod: Ein täglicher Konsum von mehr als 25 Gramm war im Vergleich zu einem Konsum von weniger als 15 Gramm mit einem Rückgang der Häufigkeit der Erkrankungen sowie weniger Todesfällen assoziiert.

Die Autoren betonen zwar, dass ihre Riesenstudie keine Beweise dafür liefert, dass es tatsächlich der Ballaststoff-Konsum ist, der so produktiv ist; aber die Ergebnisse zur Dosis-Wirkung-Beziehung seien immerhin ein Hinweis auf einen kausalen Zusammenhang. Kurzum: Trotz der bekannten Einschränkungen lasse auch diese Studie vermuten, dass der Nutzen einer richtigen Ernährung vermutlich weit über das hinaus geht, was Spinat einst aus dem Bizeps eines kleinen Seemanns machte.

Studien im Wochentakt - mit wenig Erkenntnisgewinn

Derartige Studienhinweise erfreuen fast im Wochentakt. Mal zeigt eine Studie oder Metaanalyse, dass Kaffee das leben verlängere, andere Studien lassen vermuten, dass Kakao schlau mache, Kokosöl schlank und schön und Coffein vor Alzheimerm schütze. Dass es immer mehr solcher Studien gibt, hat mehrere Gründe: Es gibt immer mehr Wissenschaftler, die etwas publizieren müssen. Und selbstverständlich müssen auch die vielen Fachzeitschriften „Content“ haben.

Das Ergebnis dieser „strukturellen Zwänge“ sind immer mehr relativ überflüssige Untersuchungen, und seien sie noch so groß, lang und voller biometrischer Finessen. Getretener Quark wird nunmal breit, nicht stark. Denn selbst die so beliebten Metaanalysen von Beobachtungsstudien zum Ernährungsverhalten erhöhen kaum die Aussagekraft. Zu unterschiedlich sind oft die Studien-Populationen und auch die Methoden und Qualitätsansprüche der Autoren.

Was von Metaanalysen zu halten ist, hat zum Beispiel der Kardiologe und Herzinsuffizienz-Spezialist Milton Packer deutlich gemacht. Metaanalysen stehen in der Studien-Hierarchie der evidenzbasierten Medizin zwar ganz oben. Dies sei jedoch ein großer Fehler, kritisierte Packer. Denn Metaanalysen, die im Vergleich zu randomisierten und kontrollierten Studien meist rasch und ohne größeren Aufwand erstellt würden, lieferten eben nicht grundsätzlich Ergebnisse mit einer besonders starken Evidenz. Denn die Aussagekraft einer Metaanalyse hängt selbstverständlich von den Studien ab, die ausgewertet werden.

Aus 30 qualitativ schlechten Studien kann auch der genialste Metaanalysen-Spezialist keine wirklich qualitativ gute Metaanalyse mit validen Ergebnissen kreieren. Es sei an der Zeit, die „Kakophonie der Metaanalysen“ zu beenden, sonst gäbe es bald kaum noch Originalarbeiten, so Packer.

Nicht anders sieht dies John P. A. Ioannidis von der Stanford Universität. Der Medizin-Professor ist einer der Urheber der inzwischen breiten Diskussion um die Qualität und Integrität medizinischer Forschung. Schon 2005 schrieb er, dass die meisten publizierten Forschungsergebnisse ohnehin falsch seien. Und auch Metaanalysen seien nicht immer eine wirkliche Bereicherung. So hätten kürzlich aktualisierte Metaanalysen von prospektiven Beobachtungsstudien für so ziemlich alle Lebensmittel einen Zusammenhang mit dem Mortalitätsrisiko gezeigt. Und würden in der Forschung zunehmend Big Data verwendet, werde es zwischen so gut wie allen Nahrungs-Variablen und allen klinischen Ergebnissen irgendeinen Zusammenhang geben. Außerdem könnten viele Studien-Ergebnisse unterschiedlich interpretiert werden. Metaanalysen, so Ioannidis, würden so zu einer gewichteten Durchschnittsmeinung von Experten. Womit wir wieder bei der eminenzbasierten Medizin angelangt wären.


22.01.2019 10:04:32, Autor: Dr. med. Thomas Kron