Sexualität und Krebs

„Miteinander zu reden, ist die wichtigste Botschaft“

Ohne Frage: Krebserkrankungen wirken sich allein durch die psychische Belastung auf eine Partnerschaft aus und beeinflussen auch die Sexualität. Mit dem Einfluss bösartiger gynäkologischer Tumoren und Brustkrebs auf Partnerschaft und körperliche Nähe hat sich Prof. Annette Hasenburg, Direktorin der Universitäts-Frauenklinik Mainz und Vorstandsmitglied des Informationszentrums für Sexualität und Gesundheit e.V. (ISG), im Rahmen einer Studie näher befasst. Die wichtigsten Ergebnisse sowie Tipps für das ärztliche Beratungsgespräch und das partnerschaftliche Miteinander erläuterte sie im Gespräch mit dem änd.

Hasenburg: „Konkrete und praktische Ratschläge helfen am meisten.“
© privat

Frau Prof. Hasenburg, welche Auswirkungen haben bösartige Erkrankungen generell auf eine Partnerschaft?

Karzinomerkrankungen stellen für die die Betroffenen eine existenzielle Bedrohung dar, an erster Stelle stehen nach der Diagnosemitteilung daher erst einmal Fragen rund um die Erkrankung, beispielsweise zu Therapieoptionen, Heilungs- und Überlebenschancen. Partnerschaftsthemen wie der Wunsch nach Nähe, Zärtlichkeit und Sexualität rücken in den Hintergrund und bekommen meist erst dann wieder einen Stellenwert, wenn die Patientinnen ihre Behandlung abgeschlossen haben und in den Lebensalltag zurückkehren. Nicht selten bestehen aber krankheits- oder behandlungsbedingte Hürden, die die Sexualität beeinträchtigen und damit auch die generelle Lebensqualität und die Paarbeziehung.

In einer 2018 unter Federführung der Universitäts-Frauenklinik Mainz veröffentlichten Studie mit fast 500 Patientinnen zwischen 18 und 70 Jahren mit gynäkologischen Tumoren und Brustkrebs haben wir untersucht, wie sich Krebserkrankungen und deren Behandlung auf die Sexualität auswirken.

Ergebnis: Zwei Jahre nach der Diagnose waren knapp 50 Prozent der Brustkrebspatientinnen und etwas mehr als die Hälfte der Frauen mit einem Ovarialkarzinom sexuell aktiv. Bei den Frauen mit Brustkrebs ergab die gewählte Operationsmethode (Brustentfernung versus brusterhaltender OP) keine Unterschiede bezüglich sexueller Aktivität und Lebensqualität.

Eine umfangreichere Betrachtung und Bewertung des Themas erfordern jedoch einen genaueren Blick. Dabei spielt die onkologische Therapie eine wichtige Rolle – speziell zu betrachten ist eine antihormonelle Behandlung, die durch ihren Einfluss auf die Hormonsituation auch Auswirkungen auf die Libido und das sexuelle Erleben haben kann. Beispielsweise berichteten antihormonell behandelte Brustkrebspatientinnen im Vergleich zu gesunden Frauen von seltenerem und weniger befriedigendem Sex.

Welche medizinischen Faktoren beeinflussen denn in der Gynäkologie bei an Brust- oder Eierstockkrebs erkrankten Frauen deren Sexualleben?

Das hängt von verschiedenen Faktoren ab; beispielsweise der Krebsart, der nach der Diagnose gewählten Behandlung und den dadurch möglicherweise entstandenen psycho(somatischen) Folgen und Veränderungen. Das Fehlen einer Brust nach einer Mastektomie oder ein Anus praeter oder eine Neoblase nach Unterleibsoperationen können die Frauen deutlich in ihrem Selbstwertgefühl beeinträchtigen. Hinzu kommen Nebenwirkungen der unterschiedlichen Therapieformen auf verschiedene Körperfunktionen – zum Beispiel Müdigkeit, Fatigue und Depressionen und natürlich ein plötzlicher vorzeitiger Wechseljahresbeginn nach Entfernung der Eierstöcke bei Patientinnen, die vor der OP prämenopausal waren. All dies hat auch Folgen auf die Sexualität.

Nennen Sie doch gern mal ein paar konkrete Beispiele inklusive Tipps zur Verbesserung der sexuellen Lebensqualität für die betroffenen Patientinnen.

Bei Brustkrebspatientinnen führt eine Antihormontherapie häufig zu Lubrikationsstörungen, Vaginal- und Vulvatrockenheit und damit zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, was sich natürlich auf die Libido und das Liebeserleben auswirkt. Niedrig dosierte, lokal anzuwendende Östrogenpräparate oder auch eine hormonfreie Behandlung mit hyaluronsäurehaltigen Präparaten können hier nachweislich die sexuelle Lebensqualität verbessern.

Bei Frauen mit Ovarialkarzinom ist in den meisten Fällen eine beidseitige Adnektomie notwendig. Damit fehlen die in den Ovarien produzierten Östrogene, Gestagene und das Testosteron. Das macht – zusätzlich zur systemischen Tumortherapie – häufig müde, kraft- und lustlos. Und auch hier führt das fehlende Östrogen zur trockenen und dadurch leicht verletzlichen Vaginalhaut. In der Universitäts-Frauenklinik Mainz verordnen wir betroffenen prämenopausalen Frauen, die unter Symptomen leiden, eine transdermale Östrogentherapie, um den Verlust an Lebensqualität abzufangen, der durch den Hormonentzug nach einer Ovarektomie entsteht.

Und wie sieht es bei Frauen mit Uteruskarzinomen (Zervix/Endometrium) aus?

Hier hängt viel vom Erkrankungsstadium und der damit verbundenen gewählten Operationsmethode ab. Wenn die Eierstöcke nicht entfernt werden müssen, entfällt bei prämenopausalen Patientinnen ein vorzeitiger Menopausenbeginn mit den entsprechenden Folgen für die Sexualität. Ist eine Adnektomie jedoch unumgänglich, empfiehlt sich bei jungen Patientinnen eine HRT.

Trotz nahezu ausschließlich minimal-invasiv durchgeführter Hysterektomien klagen viele Patientinnen über anschließende Probleme hinsichtlich der Sexualfunktion insbesondere nach begleitender Strahlen- und oder Chemotherapie. Zu den häufigsten Problemen in diesem Zusammenhang gehören vaginale Verengungen, Verkürzungen und Adhäsionen sowie Lubrikationsstörungen mit daraus resultierenden, mitunter erheblichen Einschränkungen der Sexualität. Das regelmäßige Training mit Vaginaldilatatoren – insbesondere nach einer Strahlentherapie – kann die Elastizität der Vagina verbessern und Stenosen vermeiden.

Viele Frauen profitieren in solchen Fällen von zusätzlich lokal applizierten schleimhautbefeuchtenden Gels oder Cremes oder einer lokalen Östrogentherapie. Die Kosten einer Hormontherapie übernehmen die Krankenkassen, von Befeuchtungsgels hingegen nicht.

Und welche Tipps und Erfahrungen haben Sie für den konkreten Umgang mit der Sexualität für die betroffenen Paare oder auch für Singles?

Hier zählt vor allem eins: Kommunikation! Zum einen geht es dabei um sachliche Aufklärung ärztlicherseits, weil viele Patientinnen und auch deren Partner so manchem Irrglauben unterliegen, der sich im Arztgespräch schnell aus der Welt schaffen lässt. Es zeigt sich als sehr hilfreich, wenn nicht nur die Patientin, sondern auch ihr Partner gut über die Erkrankung, deren Behandlung und mögliche Folgen Bescheid wissen. Beziehungsthemen wie Sexualität gehören unbedingt dazu, zumal gynäkologische Krebserkrankungen direkt die Organe mit Sexualfunktion betreffen. Hinzu kommt, dass eine befriedigende Sexualität positiven Einfluss auf das körperliche und psychische Wohlbefinden hat und die Lebenszufriedenheit steigert. Aber auch mögliche psychische Aspekte als Folge einer Krebserkrankung gehören unbedingt ins Beratungsgespräch! Denn nicht immer sind es rein physiologische Faktoren, die die Sexualität erschweren.

Ich halte es daher für ausgesprochen wichtig, die Patientinnen und ihre Partner zum Reden zu ermutigen und bei Bedarf an eine psychoonkologische und/oder sexualtherapeutische Beratungsstelle zu verweisen.

Auch an Krebs erkrankte Singlefrauen – speziell jüngere – profitieren sehr von solchen Beratungsangeboten. Denn gerade diese Frauen fragen sich oft, ob und wie sie nach ihrer Erkrankung auf Partnersuche gehen sollten und wie sie die Erkrankung beim Kennenlernen am besten kommunizieren.

Leider aber ist Sexualität oft noch ein Tabuthema – sowohl bei den betroffenen Patientinnen als auch den behandelnden Medizinern. Eine frühzeitige Information dagegen beugt der Entstehung sexueller Störungen und Problemen in der Beziehung vor. Dazu braucht es mutige Frauen, die ihre Bedürfnisse, aber auch ihre Probleme erkennen und benennen können. Meine wichtigste Empfehlung: Jede Krise bedeutet eine Chance, durch persönliches, phantasievolles Experimentieren eine Entwicklung zu ermöglichen.

Was können behandelnde Ärzte beitragen, um den betroffenen Patientinnen und deren Partnern bei sexuellen Fragen zur Seite zu stehen?

Auch hier gilt, das Thema Sexualität überhaupt erst einmal ins Gespräch zu bringen. Die Nachfrage, ob sich hinsichtlich der Sexualität oder Partnerschaft etwas verändert hat, gehört meiner Ansicht nach unbedingt ins Arzt-Patientengespräch. Ebenso die Frage, ob Probleme bestehen, für deren Lösung Hilfe gewünscht oder notwendig ist.

Gynäkolog(inn)en, die viel mit Krebspatientinnen zu tun haben, profitieren signifikant von einer sexualmedizinischen Zusatzqualifikation. Das sorgt für schnelle Hilfe durch den/die vertrauten Frauenarzt/-ärztin und umschifft lange Wartezeiten in externen Beratungsstellen.

Wichtig sind auch ganz praktische und lebensnahe Ratschläge zur Alltagsgestaltung. Der Rat, körperlich aktiv zu werden oder zu bleiben, kann so manche krankheitsbedingte Depression und auch die Reduktion körperlicher Leistungsfähigkeit verhindern – und damit den Grundstein legen für eine erfüllte Beziehung.

Oder auch der Vorschlag für Patientinnen mit einem Anus praeter, ihren künstlichen Darmausgang mit einem Bauchgurt aus Spitze zu bedecken oder mit einem attraktiven Stoffbeutel zu überziehen, kann dafür sorgen, dass die Sexualität lebbar bleibt oder wieder wird. Detaillierte Informationen für Ärzte und Patientinnen zu dem Thema finden sich auch auf der Website des Informationszentrums für Sexualität und Gesundheit e.V.


Dec 1, 2019, 1:46:21 PM, Autor: Jutta Heinze