Medizinische Versorgungszentren

Gesundheit als Spekulationsobjekt?

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Die Deutschen werden immer älter. Die Gesundheitsausgaben steigen. Das weckt Begehrlichkeiten. Investoren haben Medizinische Versorgungszentren, die sogenannten MVZ, für sich entdeckt. Einige Ärzte begrüßen das, weil die medizinische Versorgung ohne diese Zentren künftig nicht mehr funktionieren werde. Kritiker dagegen warnen vor einem Ausverkauf.

Die Zahl klingt gewaltig: Rund elf Milliarden Euro investierten private Geldgeber allein im Jahr 2017 in den europäischen Gesundheitsmarkt – einen Großteil davon zwar in Pflegeheime. Doch auch die ärztliche Versorgung gerät zunehmend ins Visier von Kapitalinvestoren. Ärzteverbände sind alarmiert: „Die Renditejäger werden zur ernsten Gefahr für Patienten und Ärzte. Besonders der fragmentierte deutsche Gesundheitsmarkt lockt die Investoren“, warnt der NAV-Virchow-Bund, ein Verband niedergelassener Fachärzte.

Was ist eigentlich ein MVZ?
„Ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) ist eine vom deutschen Gesetzgeber 2003 eingeführte Einrichtung zur ambulanten medizinischen Versorgung“, heißt es im Online-Lexikon Wikipedia. In einem MVZ arbeiten beliebig viele zugelassene Ärzte oder Psychotherapeuten als Angestellte.

MVZ können fachübergreifend Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen und psychologische Psychotherapeuten beschäftigen oder nur aus Ärzten einer Fachrichtung bestehen. Da vor allem jüngere Ärzte lieber als Angestellte arbeiten, hat die Zahl der MVZ in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Derzeit sollen es bundesweit mehr als 2.800 sein.

Denn die Gesundheitswirtschaft, auf die rund zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland entfallen, gilt als krisensicher und verspricht stabiles Wachstum. Das lockt Investoren. Ganz hoch im Kurs: Medizinische Versorgungszentren, kurz MVZ. Das sind große Ärztehäuser, in denen mehrere Ärzte praktizieren – als Angestellte. Und da es immer mehr jüngere Ärzte vorziehen, sich anstellen zu lassen und keine eigene Praxis zu gründen, haben die Zentren gerade Hochkonjunktur. Allein zwischen 2014 und 2017 gab es mehr als 800 Neugründungen – knapp 3.000 dieser MVZ gibt es inzwischen bundesweit.

Einige Investoren verfolgen dabei die sogenannte „Buy and build“-Strategie: Sie kaufen zuerst ein „Plattformunternehmen“, meist ein in finanzielle Schieflage geratenes Krankenhaus. Auf dieser Basis sammeln sie Arztpraxen und weitere Kliniken und verschmelzen diese zu einer großen Einheit. Eine MVZ-Kette entsteht.

Gewinne stehen im Vordergrund
„Überproportional häufig werden dort Leistungen angeboten, die privat bezahlt werden“, kritisiert der Ärzteverband NAV. Denn den Geldgebern gehe es in erster Linie um möglichst hohe Gewinne. Schätzungsweise 420 humanmedizinische und 600 zahnmedizinische MVZ gehören mittlerweile professionellen Investoren. Diese Private-Equity-Gesellschaften versprechen ihren Anlegern Renditen und Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich. Gesundheit als Spekulationsobjekt? Ja, glaubt die Opposition im Bundestag. „Die Bundesregierung sieht der Übernahme von Gesundheitseinrichtungen durch Großinvestoren tatenlos zu“, schimpft der Gesundheitspolitiker der Fraktion der Linken Dr. Achim Kessler.

Ein Scheich kauft Praxen auf
Besonders in der Kritik: Investoren aus dem Ausland. Ein Scheich aus dem Golfstaat Bahrain zum Beispiel interessiert sich gerade auffällig für deutsche Zahnarztpraxen. Mohammed Al Shroogi, Vorstandschef bis August 2018 von Investcorp, einer Investmentfirma, die mehr als 22 Milliarden US-Dollar von Anlegern verwaltet. Im Frühjahr vergangenen Jahres übernahm er für einen nicht genannten Kaufpreis die Privatzahnarztklinik Schloss Schellenstein, ein im Sauerland ansässiges Zentrum für Implantologie und Zahnchirurgie mit rund 40 Mitarbeitern. Weitere Zukäufe sollen folgen.

Denn Größe spart am Ende Kosten: Verwaltung und Einkauf nämlich können die Investoren zusammenlegen und zentralisieren. So lassen sich Skaleneffekte nutzen. Nach einigen Jahren reichen sie ihr Konglomerat dann meist an einen neuen Investor weiter. Der britische Investor Palamon etwa übernahm 2011 die Ober-Scharrer-Gruppe, eine Augenheilkunde-Praxiskette aus Bayern mit Schwerpunkt Augenchirurgie und baute sie zum führenden Anbieter mit rund 80 Standorten in Deutschland aus. Rund 250 Ärzte und mehr als 1.000 Mitarbeiter kümmern sich jedes Jahr um mehr als 500.000 Patienten. Im vergangenen Jahr verkaufte Palamon die Kette an den Finanzinvestor Nordic Capital mit Sitz in der Steueroase Jersey im Ärmelkanal weiter: für das dreieinhalbfache des damaligen Kaufpreises.

Statt einer Grundversorgung bekämen Patienten immer mehr hoch spezialisierte Leistungen angeboten, kritisiert der Ärzteverband NAV. „Gleichzeitig haben sie immer weniger Wahlfreiheit, wenn MVZ-Konzerne ganze Regionen quasi monopolisieren. Für angestellte Ärzte wird es aus demselben Grund immer schwerer, den Arbeitgeber zu wechseln“, beklagt der Verband. Die finanzkräftigen Investoren trieben außerdem die Preise für freiwerdende Arztsitze und Praxen in die Höhe. Ärzte hätten in einigen Regionen so kaum mehr eine Chance, sich niederzulassen. Im Preiskampf gegen professionelle Kapitalgeber seien sie chancenlos.

Der NAV-Virchow-Bund fordert deshalb die Politik auf, Schlupflöcher zu schließen und „die ambulante Versorgung vor schädlichen Kapitalinteressen zu schützen“. So sollten MVZ-Neugründungen per Rechtsform auf Gemeinnützigkeit verpflichtet werden, sodass sie keine hohen Renditen mehr an Anleger ausbezahlen dürften. Außerdem müsse der Ärztliche Leiter eines MVZ immer ein Vertragsarzt und zugleich auch Mitglied der Geschäftsführung des Zentrums sein. Die Mehrheit der Geschäftsanteile und Stimmen müsse bei Vertragsärzten liegen. Nur so stelle man sicher, dass die ärztliche Perspektive Vorrang bei der Leitung des MVZ habe.

Ärzte fordern ein Transparenzregister
Und da oft unklar ist, wer tatsächlich hinter einem MVZ steckt, fordert der Verband ein Transparenzregister. Aus diesem müsse eindeutig hervorgehen, in welcher Gesellschaftsform ein MVZ betrieben werde, wer die Gesellschafter mit entsprechenden Anteilen seien und gegebenenfalls auch die Träger dieser Gesellschaften.

Die Bundesregierung hat offenbar erkannt, dass sie nachbessern muss. So räumte Gesundheitsstaatssekretär Dr. Thomas Gebhart jüngst ein, dass zunehmend von Fällen berichtet werde, in denen ärztliche und zahnärztliche MVZ von Investoren gegründet würden, die „allein Kapitalinteressen verfolgen und keinen fachlichen Bezug zur medizinischen Versorgung haben“. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn denkt deshalb gerade darüber nach, wie sich diese Schlupflöcher schließen lassen.

Allerdings dürfte der Minister dabei behutsam vorgehen. Denn die Versorgungszentren sind durchaus ein wichtiger Teil der ambulanten Versorgung in Deutschland. Der ehemalige Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Michael Späth, warnt denn auch davor, MVZ pauschal zu verteufeln. Sie seien für die Sicherstellung der Versorgung von großer Bedeutung. Es gebe auch keine Belege dafür, dass die Versorgung in den MVZ an Qualität einbüße. „Derzeit sehen wir eigentlich nur, dass dort gute Versorgung geleistet wird, gerade in Bereichen, die sonst nicht mehr interessant für viele Ärzte sind, zum Beispiel in der Rheumatologie, Immunologie und auch in der Endokrinologie.“

Die umstrittenen MVZ hätten in der Tat großes Potenzial, Probleme im ambulanten Bereich zu lösen, die etwa durch den Ärztemangel auf dem Land entstünden, räumt auch Linken-Politiker Kessler ein. Es gibt allerdings ein Problem: Viele MVZ-Ketten drängen sich mit ihren Zentren in und um die großen Städte. Dort leben viele Privatversicherte, die sich auch kostspieligere Behandlungen leisten können. Auf dem Land sieht es dagegen oft trist aus. Nur 14 Prozent der MVZ befinden sich in ländlichen Gemeinden, 80 Prozent aber in Groß- und Mittelstädten. „Die Entwicklung hin zu spezialisierten MVZ in der Stadt bringt den Patienten, die um ihre künftige Versorgung bangen, herzlich wenig“, sagt Kessler.

Aber vielleicht macht ja das Modell von Dr. Michael Jager bald Schule: Der Allgemeinmediziner aus Bitburg in der Eifel hat mit zwölf Kollegen ein MVZ gegründet – als Genossenschaft. „Unser Projekt ist eine Art Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt Jager. In besonders schlecht versorgten Kleinstädten und Dörfern der Region wollen die Genossenschaftler Zweigpraxen gründen und dort mit angestellten Ärzten drei- bis viermal pro Woche Sprechstunden anbieten. Jager: „Mit unserem Modell können wir die Versorgung in unserem Landkreis auch künftig sicherstellen.“ Und das ganz ohne Investoren aus dem Ausland.


durchblick gesundheit • Ausgabe 63 • Januar–März 2019 • Autor: Marco Münster

21.01.2019 11:44:53, Autor: na