Formularflut

60 Tage Bürokratie

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Praxisärzte müssen immer mehr Zeit am Schreibtisch verbringen, nicht zuletzt, weil die Zahl der älteren Patienten steigt. Ein Bürokratieabbau wäre dringend nötig, will die Politik den Arztmangel nicht verschärfen, sagen die Spitzenvertreter der Kassenärzte.


Viele Themen, mit denen sich Haus- und Fachärzte beruflich beschäftigen müssen, bleiben Patienten verborgen. Seien es die Abrechnungen mit den Krankenkassen, das Einpflegen von Patientendaten oder all die anderen bürokratischen Erfordernisse, die eine Praxis mit Angestellten mit sich bringt. Von einer anderen Sache hingegen bekommen Patienten derzeit sehr wohl etwas mit: von dem zunehmenden Mangel an niedergelassenen Ärzten, vor allem in ländlichen Regionen. Und beides – Bürokratiebelastung der Arztpraxen und der Mangel selbiger – hat miteinander zu tun, sagen die Spitzenvertreter der deutschen Kassenärzte. Denn gäbe es weniger Bürokratie, könnten Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten aufwenden. Die Zahlen, die vom Vorstandsmitglied in der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Thomas Kriedel, genannt werden, sind jedenfalls nicht ohne: Würde man die Bürokratiebelastung von niedergelassenen Ärzten um ein Viertel senken, sagt er, sparte man damit Zeit, die etwa 4.000 Arztsitzen entspräche.

Die Berechnung Kriedels beruht auf den Daten des sogenannten Bürokratieindex (BIX), den die KBV gerade vorstellte. Zum ersten Mal wurde der BIX 2013 für das Jahr 2012 erstellt, zusammen mit der Fachhochschule des Mittelstands und dem Nationalen Normenkontrollrat. Beim zweiten BIX, der 2016 veröffentlicht wurde, gab es dann einen Erfolg zu vermelden: Die Bürokratiebelastung sank damals im Vergleich zu 2012 erheblich. Grund war die zwischenzeitliche Abschaffung der Praxisgebühr, die für Arztpraxen viel Verwaltungsaufwand bedeutete. Der Rückgang war einmalig. Seit 2016 wird der BIX jährlich erstellt, und seitdem steigt die Bürokratiebelastung wieder stetig an. Im vergangenen Jahr um 0,6 Prozent, also 323.000 Arbeitsstunden bei allen Arzt- und Psychotherapeutenpraxen. Das bedeutet: Jede Arztpraxis muss 60 Arbeitstage pro Jahr für Bürokratie aufwenden.

Doch warum steigt die Zeit am Schreibtisch? Die Gründe dafür sind die gleichen wie für den Arztmangel in Deutschland: Die Gesellschaft wird im Schnitt älter. Es gibt damit immer mehr betagte Patienten, die naturgemäß häufiger Ärzte aufsuchen. Gleichzeitig finden ältere Ärzte, die ihre Praxen aufgeben, nicht immer Nachfolger. All das führt dazu, dass pro Praxis mehr Patienten versorgt werden müssen und damit auch mehr Verwaltungsarbeit anfällt. Und auch die gute Konjunktur der letzten Jahre hat Folgen. Weil mehr Menschen einer Beschäftigung nachgehen, gibt es häufiger Krankschreibungen. Auch dafür sind in aller Regel die Praxisärzte zuständig. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen auszustellen gehörte zu den Top-Bürokratieaufgaben der Praxisärzte im vergangenen Jahr.

Der Trend zur Alterung der Gesellschaft und zu einer besseren Beschäftigungsquote wird die kommenden Jahre anhalten, was grundsätzlich positive Entwicklungen sind. Allerdings würde dies auch einen stetigen Anstieg der Bürokratiebelastung in den Praxen bedeuten, was im Sinne einer guten medizinischen Versorgung niemand wollen kann. Es gebe genügend Möglichkeiten, bürokratische Anforderungen in Praxen herunterzuschrauben, sagt Dr. Volker Wittberg, der den BIX für die KBV erstellt und Leiter des Nationalen Zentrums für Bürokratiekostenabbau ist. Und KBV-Vorstand Thomas Kriedel zeigt sich optimistisch, dass der Gesetzgeber den Wunsch der Ärzteschaft unterstützt, Bürokratie abzubauen, eine Reduzierung um ein Viertel sei ohne Weiteres machbar. Auch mit dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen – mit dem muss die KBV über verwaltungstechnische Erfordernisse bei der Behandlung von Patienten verhandeln – wolle man in diese Richtung arbeiten. Er sei zuversichtlich, sagt Kriedel, „dass wir damit in den nächsten drei Jahren weiterkommen“.


durchblick gesundheit • Ausgabe 63 • Januar–März 2019 • Autor: Jan Scholz

21.01.2019 11:33:49, Autor: na