Fehlende Gesundheitskompetenz

„Wir sind eine Gesundheits-Volkshochschule“

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Warum laufen Menschen mit leichtem Fieber oder eingewachsenen Zehennägeln in die Notaufnahme? Leben wir in einem Land medizinischer Analphabeten? Marc Raschke will Patienten wieder mehr Kompetenz in Gesundheitsfragen vermitteln und hat eine Patientenhochschule gegründet. 


Ein besorgtes Elternpaar steht abends um halb acht mit der fünfjährigen Tochter in einer Bereitschaftspraxis. Ein Arzt soll sich um eine Verletzung am Zeigefinger der Kleinen kümmern. Das Kind hatte sich am Mittag im Kindergarten den Finger geklemmt. Die Erzieherin hatte dem Mädchen ein Pflaster auf den Finger geklebt. Die Fünfjährige ist zwar längst wieder wohlauf, hat keine Schmerzen und kann den Finger ohne Probleme bewegen. Das stellt auch der Arzt fest, nachdem er das Pflaster entfernt hat – keine Schwellung oder Abschürfung zu entdecken. Das Pflaster der Erzieherin war wohl tatsächlich so etwas wie ein Trostpflaster gewesen. Dennoch rennen die Eltern mit ihrem Kind in die Notfallsprechstunde. Warum? Man habe sich nicht getraut, das Pflaster zu entfernen, da man kein frisches im Haus gehabt habe. Und da der Kinderarzt schon geschlossen hatte, sei man in die Bereitschaftspraxis gefahren.

Diese Anekdote erzählte jüngst der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz, Dr. Peter Heinz. Sie veranschaulicht, dass etwas schiefläuft im Gesundheitssystem. Während die niedergelassenen Ärzte per Gesetz dazu gezwungen werden sollen, mehr Sprechstunden für ihre Patienten anzubieten, entwickeln sich einige von denen zum „völlig verantwortungsfreien, quengeligen Konsumenten, der nie zufrieden ist“, kritisiert Heinz. Er fordert die Patienten auf, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen.

Warum also laufen Menschen mit leichtem Fieber oder eingewachsenen Zehennägeln in die Notaufnahme? Leben wir tatsächlich in einem Land medizinischer Analphabeten? Marc Raschke hat dazu eine klare Meinung. Er hat beobachtet, dass in den vergangenen Jahren bei den Patienten viel Gesundheitskompetenz verloren gegangen ist. Deshalb gründete er vor einiger Zeit die Patientenhochschule Dortmund, einer Art Volkshochschule für Gesundheitsfragen.

„Wir haben am Klinikum Dortmund vier Notaufnahmen. Das Aufkommen nimmt zu“, berichtet Raschke. Viele Menschen kämen wegen „medizinischer Nichtigkeiten“ dorthin – etwa mit einem eingewachsenen Zehennagel. „Um sich dann zu beschweren, dass sie fünf Stunden warten müssen“, ärgert sich Raschke.

Die gesundheitliche Aufklärung und Bildung in Deutschland sei nicht mehr die beste. Raschke hat Ähnliches erlebt wie Peter Heinz: „Wenn ich sehe, dass bei uns in der kinderärztlichen Notaufnahme nachts Eltern mit ihrem kleinen Kind stehen, das angeblich Fieber hat. Dann aber auf die Frage des Arztes, wie hoch das denn sei, antworten, sie hätten die Hand auf die Stirn des Kleinen gelegt und festgestellt, er habe eindeutig Fieber. Bei der Messung stellt sich dann heraus, dass die Temperatur völlig normal ist. Und wenn man sich dann noch anschaut, wie das medizinische Wissen in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert ist, dann wird deutlich, wie wichtig gesundheitliche Aufklärung ist.“

In den vergangenen Jahren sei in vielen Familien gesundheitliches Wissen verloren gegangen. Früher habe die Großmutter noch gewusst, dass man mit Wadenwickeln ein Fieber senken kann. Heute rufe man lieber sofort den Notarzt.

Eine Rolle dabei spiele auch das veränderte Anspruchsdenken der Patienten. „Viele wissen eben, dass sie in der Klinik-Notaufnahme das Rundum-sorglos-Paket bekommen. Und sie sich dann eben nicht mehr um einen Termin beim Haus- oder Facharzt bemühen müssen“, beob-achtet Raschke. Zugleich gebe es bei vielen Patienten eine Art Vollkasko-Mentalität. „Die meinen dann, das Anrecht auf die beste Versorgung zu haben – zu jeder Zeit. Schließlich zahlen sie ja jeden Monat Beiträge für ihre Krankenversicherung.“

Aber auch die veränderte Arbeitswelt spiele eine Rolle. Viele Menschen arbeiteten in prekären Beschäftigungsverhältnissen. „Da haben viele eben Angst, wegen eines Arztbesuchs der Arbeit fernzubleiben. Also kommen sie abends oder am Wochenende in die Notaufnahme“, sagt Raschke.

Deshalb brauche es mehr gesundheitliche Aufklärung, fordert er. Das müsse schon in den Schulen anfangen. Da man aber auch die Menschen erreichen müsse, die nicht mehr zur Schule gehen, hat Marc Raschke vor zwei Jahren am Klinikum Dortmund die Patientenhochschule gegründet. Mittlerweile gibt es bundesweit drei solcher Projekte: in Dortmund, Essen und Darmstadt.

Man biete verschiedene Workshops an, sodass sich die Teilnehmer ihren Stundenplan selbst zusammenstellen können, berichtet Raschke. Neben Vorträgen zu einzelnen Erkrankungen wie „Was hilft bei Arthrose?“, „Diabetes – Mythen und Fakten“ oder „Was tun, wenn die Schulter schmerzt?“ gebe es auch politische Themen, etwa zur Palliativmedizin, zum Patientenfürsprecher oder zum Pflegeberuf. Dritter Schwerpunkt sind praktische Themen in Form von Workshops, etwa zum Thema Physiotherapie.

Die Teilnehmer müssen zwölf Kurse absolvieren – und zwar mindestens drei aus jedem der drei Bereiche, die ich gerade genannt habe. Die restlichen drei kann man frei wählen. Dafür hat man zwei Halbjahre Zeit. Am Ende steht eine Multiple-Choice-Prüfung. Wobei sich das auf dem Niveau der 500-Euro-Frage bei „Wer wird Millionär?“ bewegt. Und wenn man besteht, gibts ein Zertifikat.

Rachke: „Es ist der Versuch, einen Lehrplan in komprimierter Fassung anzubieten, wo sich interessierte Patienten einigermaßen strukturiert gesundheitliches Wissen aneignen können. Wir sind so etwas wie eine Gesundheits-Volkshochschule.“ Die am Ende ja vielleicht dazu beiträgt, dass Eltern bei ihren Kindern künftig wieder selbst ein Pflaster wechseln können.


durchblick gesundheit • Ausgabe 62 • Oktober–Dezember 2018

23.10.2018 15:40:46, Autor: Marco Münster