Längere Sprechstunden

Arbeit bis zum Limit OHNE Honorar?

Die Wochenarbeitszeit von Praxisinhabern liegt im Schnitt bei über 50 Stunden
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Die schweren Geburtswehen für Angela Merkels dritte große Koalition haben auch unübersehbare Folgen für die Gesundheitspolitik: Union und SPD konnten sich im Vorfeld kaum auf nennenswerte Reformen einigen. Der Koalitionsvertrag gleicht daher einer Ansammlung von Belanglosigkeiten. Immerhin verspricht er leichte Verbesserungen für die gesetzlich Krankenversicherten: Die Mindestsprechstundenzeit in den Arztpraxen soll sich von 20 auf 25 Stunden pro Woche erhöhen. Durchblick gesundheit erklärt, warum die Ärzte gerade das für kontraproduktiv halten. 


Der Aufschrei in der Ärzteschaft war laut, nachdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angekündigt hatte, dass er die Ausweitung der Sprechstundenzeit schon bald in Gesetzesform gießen wolle. Aus Sicht der Patienten schwer zu verstehen. Welchen Arzt können denn 25 Stunden Sprechstundenzeit abschrecken? Jeder Angestellte hat doch in der Regel 38,5 Stunden abzureißen. Jammern auf hohem Niveau? Keineswegs. Um die Skepsis der niedergelassenen Ärzte zu verstehen, ist ein Blick in die Statistik nötig. Schnell wird klar: Die auf den Türschildern der Praxen ausgewiesenen Sprechstundenzeiten sind nur eine Seite der Medaille. Bevor der erste Patient durch die Tür kommt, hat das Praxisteam schon diverse Arbeiten erledigen müssen. Darüber hinaus ist am Ende der offiziellen Sprechstundenzeit das Wartezimmer meist noch gerappelt voll. Nachdem alle Patienten versorgt sind, bleiben dann noch administrative und bürokratische Tätigkeiten – oft bis in die Abendstunden.

„Vertragsärzte widmen sich pro Woche im Durchschnitt 35,8 Stunden ihren gesetzlich versicherten Patienten“, weiß Dr. Dominik von Stillfried, Leiter des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. Auf Privatpatienten entfielen weitere 5,8 Stunden in der Woche, dies entspreche in der Größenordnung etwa auch dem Anteil der Versicherten in der Bevölkerung. „Berücksichtigt man, dass Ärzte für Unfall- und Krankenhausfälle weitere 2,2 Stunden, für Fortbildungen 2,4 Stunden und für das Praxismanagement 4,1 Stunden aufwenden, so beträgt die Wochenarbeitszeit von Praxisinhabern über 50 Stunden.“

Fraglich bleibt also, wo die Ärzte weitere Kapazitäten für zusätzliche Sprechstundenzeiten hernehmen sollen. Aber nicht nur das ist ein Problem: Insbesondere bei ärztlichen Fachgruppen, die nach Überweisung von Kollegen aufwendige Eingriffe anbieten – welche oft gründlich vorbereitet oder geplant werden müssen – ist es kaum möglich, in großem Stile mit „Laufkundschaft“ zu arbeiten. Die Fachärzte müssen Termine vergeben. Eine offene Sprechstunde, wie sie der Politik vorschwebt, ergibt dort keinen Sinn.

Für jeden vierten Patienten gibt es rechnerisch kein Honorar
Ratloses Schulterzucken also angesichts der Forderung nach Mehrarbeit aus der Politik. Den letzten Rest Verständnis verspielte der Bundesgesundheitsminister mit der Aussage, dass Ärzte, die sich künftig um zusätzliche Patienten kümmerten, „zumindest nicht bestraft werden dürfen“ –, das Versprechen einer fairen Vergütung sieht anders aus. In Anbetracht der Tatsache, dass die niedergelassenen Ärzte aufgrund der Budgetgrenzen in ihrem Honorarsystem schon jetzt einen Teil der gesetzlich Versicherten ohne Honorar versorgen, ein zynischer Kommentar, meint Dr. Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. „Gemessen an ihren Auszahlungsquoten arbeiten Ärzte und Psychotherapeuten bereits jetzt zu viel.“

Das Leistungsvermögen des ambulanten Gesundheitssystems in Deutschland fuße auf den freiberuflichen, selbstständig tätigen Ärzten. Diese leisteten 30 Prozent mehr als angestellte Kollegen – allein schon, weil bei Letzteren das Arbeitsschutzgesetz die Arbeitszeiten begrenze. „Damit sind es die selbstständigen Ärzte, die das ambulante System am Laufen halten“, so Gassen. Diese fortwährend unter Druck zu setzen – ohne Aussicht auf eine gerechte Honorierung – sei gefährlich und sende in Zeiten des Ärztemangels ein gefährliches Signal an den Nachwuchs.

Er warnte die Politik davor, Gesetzesvorgaben anzustoßen, die Mehrarbeit ohne zusätzliche Vergütungslösung zementierten. „Schon jetzt bekommen zum Beispiel einige Kollegen in Sachsen 25 Prozent ihrer Leistungen nicht bezahlt. Das muss man sich vor Augen führen: Für jeden vierten Patienten gibt es rechnerisch kein Honorar. Soll bald also jeder dritte Patient ohne Vergütung behandelt werden?“, empörte sich Gassen. Die Praxen gingen wirtschaftlich in die Knie. Die Forderung der Ärzte: Die unsinnige Honorarbegrenzung in jedem Quartal, die Budgetierung, müsse endlich gestrichen werden.


durchblick gesundheit • Ausgabe 61 • Juli–September 2018

30.08.2018 11:39:31, Autor: Jan Scholz