„Wir haben einfach keine Geduld mehr“

Ärzte fordern Zuckersteuer

84 Liter zuckergesüßte Getränke trinkt jeder Deutsche pro Jahr
Foto: © Dmytro Sukharevskyi/Fotolia.com

Gesunde Ernährung steht in vielen Grundschulen auf dem Lehrplan, schon im Kindergarten bekommen Kinder erklärt, dass zu viel Zucker ungesund ist. Dennoch steigt die Zahl der Übergewichtigen, bei Kindern wie bei Erwachsenen. „Es reicht“, sagt jetzt ein Bündnis von Ärzten, Fachorganisationen und Krankenkassen und fordert die Politik zum Handeln auf.  

Und damit sind nicht noch mehr schöne Worte und Programme zur Ernährungserziehung gemeint, sondern knallharte Vorgaben für die Industrie. Denn wie viel Zucker in Limos oder dem Pudding aus dem Kühlregal steckt, ist oft weder Kindern noch Eltern bewusst. Abhilfe schaffen soll eine Zuckersteuer.

„In Sachen Prävention ist Deutschland ein Entwicklungsland. Wir haben einfach keine Geduld mehr."



Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte
Bildquelle: © BVKJ
Vor allem süße Getränke haben die Ärzte dabei im Blick. Unglaubliche 84 Liter zuckergesüßter Getränke trinkt jeder Deutsche pro Jahr. Dabei erhöhen Limonade und Co. das Risiko für die Entstehung von Übergewicht, Adipositas, Typ-2-Diabetes, Karies und Herzerkrankungen. Aufklärung zum Thema Ernährung allein reiche nicht, das haben die vergangenen Jahre gezeigt, meinen die Fachleute des Bündnisses. Jetzt müsse die Politik eingreifen.

Dass eine Sonderabgabe auf die ungesunden Getränke wirkt, zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern. Wird die Zuckerbrause teurer, wird sie zum einen weniger häufig gekauft. Zum anderen haben die Hersteller auf einmal ein Interesse daran, den Zuckergehalt zu senken.

Auch die Werbung für ungesunde Lebensmittel möchte das Bündnis einschränken – vor allem, wenn sie an Kinder gerichtet ist. „Für Produkte mit einem hohen Gehalt an Fett, gesättigten Fetten, Salz und/oder Zucker sollten Werbemaßnahmen mit Comicfiguren oder auch Spielzeugbeigaben verboten werden“, lautet die Forderung. Solche Werbemaßnahmen gibt es gerade wieder zur WM. Nutella-Hersteller Ferrero etwa bietet als Topprämie einen Fußball mit aufgedruckten Unterschriften der DFB-Kicker an. Dafür allerdings braucht es 70 Sammelpunkte. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat ausgerechnet, was dafür vertilgt werden muss: 15,75 Kilogramm Nutella. „Addiert man deren Zucker- und Fettgehalte, kommt man insgesamt auf knapp neun Kilogramm Zucker, gut fünf Kilogramm Fett – und etwa 85.000 Kilokalorien.“

„Warum soll es nicht möglich sein, auf die Flaschen und Dosen das draufzuschreiben, was drin ist? Und warum soll es nicht möglich sein, den Schaden, den das Zeug anrichtet für uns als Gesellschaft, in den Preis mit einzurechnen?“


Dr. Eckart von Hirschhausen, Arzt und TV-Moderator
Bildquelle: © Tim Ilsken/hirschhausen.com
Auch auf der Forderungsliste: eine verständlichere Kennzeichnung – die seit vielen Jahren geforderte „Lebensmittel-Ampel“, die in Rot, Gelb und Grün den Anteil verschiedener Nährstoffe anzeigt. 

Die Industrie wehrt sich verständlicherweise mit Händen und Füßen gegen solche Regelungen. Zucker und Fett sind schließlich günstige Grundstoffe; und würde deutlich eine rote Ampel auf der Packung leuchten, würden es sich die Verbraucher vielleicht zweimal überlegen, ob die Chipstüte, der überzuckerte Kinderjoghurt oder die Zuckerbrause wirklich im Einkaufswagen landen soll.

„Wir haben einfach keine Geduld mehr“, erklärt der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Thomas Fischbach, die Aktion. Der bisherige Ansatz der Politik, auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Lebensmittelwirtschaft zu setzen, funktioniere nicht. „Wir sehen, dass die Gesundheit der Menschen in Deutschland drastisch leidet.“ Kritik der Industrie sei zwar zu erwarten, aber „wir sind der Überzeugung, dass man nicht die Frösche fragen kann, wenn man den Sumpf trockenlegen will.“

Prominentes Gesicht des Bündnisses ist der Arzt und TV-Moderator Eckart von Hirschhausen. Er wundere sich, warum die Politik bei dem Thema „so einen Eiertanz“ aufführe, erklärte er. Auch bei der Einführung des Rauchverbots in Kneipen und Restaurants habe es einen anfänglichen Aufschrei gegeben. Jetzt vermisse aber niemand mehr den Qualm.



Weitere Informationen im Internet unter: https://www.foodwatch.org

durchblick gesundheit • Ausgabe 61 • Juli–September 2018

Aug 30, 2018, 12:03:39 PM, Autor: Kathrin Schneider