Antibiotika-Resistenzen

Forscher halten Gegenmaßnahmen für zwingend nötig

Das wahre Ausmaß der Gefahr durch Antibiotika-Resistenzen ist einer Umfrage unter Forschern zufolge nur schwer zu beziffern. Laut einer Erhebung der Freien Universität Berlin und des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herrscht unter Forschern weltweit zwar große Einigkeit, dass Antibiotika-Resistenzen eine ernsthafte Gesundheitsgefährdung darstellen. Doch ließen sich die Zahl der Todesfälle nicht verlässlich angeben, heißt es in einer Mitteilung des KIT.

Die Weltgesundheitsorganisation hat erst vor wenigen Wochen gewarnt, dass der Welt die wirksamen Antibiotika ausgingen. Die Genfer Organisation rief daher erneut dazu auf, mehr in die Entwicklung neuer Antibiotika zu investieren.
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Spektakuläre Schätzungen wie die der britischen O’Neill-Kommission, die ab 2050 mit zehn Millionen Toten jährlich rechnet, hält demnach nur eine Minderheit der befragten Experten für belastbar. 375 Forscherinnen und Forscher weltweit hat Markus Lehmkuhl, Professor für Wissenschaftskommunikation in digitalen Medien, vom KIT und der Freien Universität für seine Erhebung online befragt. Befragt wurden Wissenschaftler, die in den vergangenen drei Jahren einschlägige Studien in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht haben. Ein Anlass der Ergebung ist die „World Antibiotic Awareness Week“, zu der internationale Organisationen wie die WHO aufrufen.

„Grund für die Unsicherheit bei der Bezifferung der Todesopfer ist eine erhebliche Uneinigkeit unter den Wissenschaftlern, ob sich deren Zahl mit den verfügbaren wissenschaftlichen Methoden beziffern lässt“, so Lehmkuhl. Die Verlässlichkeit dieser Methoden stufe ein knappes Drittel der Befragten als gering oder sehr gering ein, ein weiteres Drittel als hoch oder sehr hoch. Das verbleibende Drittel habe sich nicht festlegen wollen.

Einig sind sich die befragten Wissenschaftler, dass Gegenmaßnahmen dringend erforderlich sind. Fast alle (98,4 Prozent) befürchten ernste oder sehr ernste Konsequenzen, sollte nichts gegen die Ausbreitung resistenter Erreger unternommen werden. Die beiden sinnvollsten Maßnahmen sind aus Sicht der Wissenschaftler: Den Verbrauch von Antibiotika in der Medizin zu reduzieren und die Hygiene in Kliniken zu verbessern. Weiterhin wichtig: Den Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung verringern sowie Impfstoffe, alternative Therapien und schließlich neue Wirkstoffe gegen resistente Bakterien entwickeln.

Angesichts der beschriebenen Herausforderungen sehen die Befragten die Darstellung von Antibiotika-Resistenz in der Öffentlichkeit aber keineswegs als übertrieben an: „Knapp zwei Drittel sind der Auffassung, dramatische Formulierungen wie globale ‚Katastrophe‘ oder ‚Anbruch eines postantibiotischen Zeitalters‘ seien mehr oder weniger gerechtfertigt“, sagt Lehmkuhl.

Das Fazit des Studienleiters: „Zwar ist man überzeugt, dass Antibiotika-Resistenzen sehr gefährlich sind, gleichzeitig ist man wegen methodischer Schwierigkeiten aber nur sehr bedingt in der Lage, belastbare Zahlen vorzulegen. Um trotzdem Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Handlungsfeld zu lenken, halten die meisten der befragten Experten ein alarmierendes Vokabular für gerechtfertigt, weil sie davon ausgehen, dass die Medien darauf anspringen.“ Dies berge allerdings die Gefahr, dass es zu einer Art öffentlichem Überbietungsdiskurs komme. „Wer die höchsten Todeszahlen nennt, die schrecklichsten Szenarien entwirft, der findet Gehör.“

Die Befragung ist Teil des Verbundprojektes „Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation“ (RAI), das von der Charité – Universitätsmedizin Berlin koordiniert und vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Die 375 für die Antibiotika befragten Experten repräsentieren etwa 2.500 Forscher weltweit, die in den vergangenen drei Jahren Studien über Antibiotika-Resistenz in internationalen Wissenschaftszeitschriften veröffentlicht haben. Befragt wurden also 15 Prozent aller Wissenschaftler, die in dem Bereich arbeiten.

Die Weltgesundheitsorganisation hat erst vor wenigen Wochen gewarnt, dass der Welt die wirksamen Antibiotika ausgingen. Die Genfer Organisation rief daher erneut dazu auf, mehr in die Entwicklung neuer Antibiotika zu investieren. Es seien derzeit zu wenige, wirklich neue Substanzen in der „Pipeline“, um das weltweit zunehmende Problem der Antibiotika-Resistenzen erfolgreich bekämpfen zu können, so die WHO in einer Mitteilung zu ihrem neuen Bericht „Antibacterial agents in clinical development – an analysis of the antibacterial clinical development pipeline, including Mycobacterium tuberculosis”.

Zu den Infektionskrankheiten, die besonders große Sorgen bereitet, gehört die multiresistente Tuberkulose. Laut WHO sterben jährlich 250 000 Menschen an einer antibiotika-resistenten Tuberkulose. Nur 52 Prozent der Patienten weltweit würden erfolgreich behandelt. Aber innerhalb von 70 Jahren seien nur zwei neue Medikamente auf den Markt gekommen.

In ihrem neuen Bericht listet die WHO zwölf Infektionserreger auf, die zunehmend als Bedrohung zu gelten haben, da immer weniger Antibiotika noch gegen diese Keime wirken. Besonders große Sorgen bereiten Infektiologen gram-negative Erreger. So seien Acinetobacter baumannii, Pseudomonas aeruginosa und Enterobacteriaceae sogar schon resistent gegen Carbapenem-Antibiotika geworden. Große Gefahr geht auch weiterhin von Krankenhaus-Infektionen aus, etwa mit C. difficile MRSA.

Antibiotika-Resistenzen seien ein weltweiter Notfall und würden den Fortschritt der modernen Medizin ernsthaft gefährden, so WHO-Direktor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. Es müsse daher unbedingt mehr in die Entwicklung neuer Antibiotika investiert werden; wenn nicht würden wir in Zeiten zurückgeworfen, in denen die Menschen gewöhnliche Infektionen gefürchtet hätten und kleine chirurgische Eingriffe lebensgefährlich gewesen seien.

Nach Angaben der WHO-Autoren befinden sich derzeit 51 neue Antibiotika und Biologika in der Entwicklung, die möglicherweise gegen resistente Erreger wirksam sind. Dies sei aber nicht genug, da es sehr lange dauere, bis solche neuen Medikamente im klinischen Alltag verfügbar seien. Außerdem müsse davon ausgegangen werden, dass manche der neuen Wirkstoffe sich in klinischen Studien als unwirksam erwiesen. Ausgehend von der durchschnittlichen Erfolgsrate und Entwicklungszeit kann laut WHO mit etwa zehn Zulassungen für neue Wirkstoffe in den kommenden fünf Jahren gerechnet werden. Diese neuen Medikamente würden aber nicht ausreichen, das Problem zu lösen. Außerdem: Es müsse nicht nur in die Forschung zu neuen Wirkstoffen mehr investiert werden; auch die Infektions-Prävention und -Kontrolle müssten verbessert werden.

17.11.2017 11:59:59, Autor: Dr. med. Thomas Kron