Neue US-Leitlinie

130/80 gilt jetzt schon als Bluthochdruck

Die Blutdruck-Grenzwerte sind in der neuen US-Leitlinie, wie vermutet, auf 130/80 mmHg herabgesetzt worden. Dies bedeutet unter anderem, dass in den USA nun mehr als 100 Millionen Menschen als Bluthochdruck-Patienten gelten, wobei wahrscheinlich viele von ihnen sich dessen nicht bewusst sind. Die Kategorie „Prähypertonie“ ist in der Leitlinie nicht mehr enthalten. Die aktualisierten Empfehlungen sind gerade auf dem Kongress der „American Heart Association“ in Anaheim ( Los Angeles) vorgestellt worden. Zeitgleich sind sie im Fachmagazin „Hypertension“ und im „Journal of the American College of Cardiology“ veröffentlicht worden.


Die Blutdruck-Grenzwerte sind in den USA herabgesetzt worden.
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In der aktualisierten Leitlinie gibt es für den Blutdruck nun folgende Einteilung bzw. Klassifikation:

•    Normal: <120/80 mm

•    Erhöht: systolisch 120 - 129 und diastolisch <80 mmHg

•    Stadium 1: systolisch 130 - 139 oder diastolisch 80 - 90 mmHg

•    Stadium 2: ≥140 oder ≥ 90 mmHg

•    Hypertensive Krise: >180 und/oder >120mmHg

Aufgrund der neuen Grenzwerte werde sich vor allem die Zahl der jüngeren, unter 45 Jahre alten Bluhochdruck-Patienten erhöhen. Bei den Männern werde sie sich verdreifachen, bei den Frauen verzweifachen, hieß es bei der Präsentation der neuen Leitlinie.

Eine antihypertensive Pharmakotherapie wird nun knapp 82 Millionen erwachsenen US-Bürgern empfohlen (rund 36 Prozent). Zu nicht-medikamentösen Therapien wird hingegen nur bei rund 21 Millionen geraten. Die Zahl der US-Bürger, die medikamentös behandelt werden sollten, steigt durch die neue Leitlinie um 4,2 Millionen.

Berücksichtigt wird - wie in der Lipid-Leitlinie - auch das kardiovaskuläre Risiko. So benötigen Menschen mit aktuell diagnostizierten Blutdruck-Werten von 130 - 139 oder 80 bis 89 mmHg keine Antihypertensiva. Erwachsene mit solchen Werten, die ein niedriges kardiovaskuläres Risiko habe und unter 65 Jahre alt sind, sollten mit so genannten Lebensstil-Interventionen behandelt werden. Über 65-Jährige mit hohem kardiovaskulären Risiko sollten dagegen Antihypertensiva erhalten.

Hintergrund der neuen Leitlinie sind vor allem die 2015 präsentierten Ergebnissen der US-Studie SPRINT. Denn SPRINT hatte ergeben, dass eine intensive Blutdrucksenkung mit einem systolischen Zielwert von unter 120 mmHg besser vor Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche und Herz-Kreislauf-Tod schützt als der bisher bevorzugte Zielwert von unter 140 mmHg. Diese Studienergebnisse gelten aber nur für bestimmte Patienten: für Menschen mit hohem kardiovaskulären Risiko aber ohne Diabetes mellitus, nicht nach einem Schlaganfall oder bei orthostatischer Hypotonie, also wenn der obere Blutdruckwert im Stehen plötzlich abfällt. Patienten mit diesen Erkrankungen waren von der Teilnahme an der US-Studie ausgeschlossen. Außerdem: Aufgrund der ungewöhnlichen Mess-Methode entsprechen nach Ansicht vieler Bluthochdruck-Spezialisten die in SPRINT geprüften 120 mmHg in Wirklichkeit jedoch konventionell ermittelten 130 mmHg.

Die Deutsche Hochdruckliga hat, wie berichtet, dass sie aufgrund der aktuellen Datenlage weiter an moderaten Zielwerten festhalte („Empfehlungen 2017“). Die Fachgesellschaften in Kanada, Australien und Österreich sowie die ISH (International Society of Hypertension) empfehlen seit der Publikation der SPRINT-Daten eine intensivere Blutdrucksenkung, auch wenn dies häufig den Einsatz zusätzlicher Medikamente erfordert. Die Task Force „Wissenschaftliche Stellungnahmen und Leitlinien“ der DHL hat sich in ihrer Stellungnahme diesen Empfehlungen nicht vollständig angeschlossen. „Aufgrund der erweiterten Datenlage nach SPRINT sowie darauf bezogener Publikationen und Metaanalysen empfehlen wir weiterhin einen generellen Zielwert von unter 140/90 mmHg“, sagt Professor Bernhard Krämer, DHL-Vorstandsvorsitzender und Mitglied der Task Force.

In Deutschland werde der moderate Zielblutdruck von 140/90 mmHg derzeit bei weniger als 60 Prozent der Patienten erreicht. „Wichtigstes Behandlungsziel für alle Ärzte muss daher sein, dass dieses Blutdruckziel erreicht wird“, so Krämer. Nur bei den kardiovaskulären Risiko-Patienten analog zu SPRINT solle ein Wert von unter 135/85 mmHg angestrebt werden, so die „Empfehlungen 2017“. Dies gilt damit für Patienten mit Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen außer Schlaganfall, im Alter von 75 Jahren oder älter, mit chronischer Nierenkrankheit CKD 3 und einem hohen vaskulären Gefäßrisiko (≥ 15 Prozent nach Framingham Risk Score). „Eine intensivere Blutdrucksenkung geht mit mehr Nebenwirkungen einher“, so Krämer. „Sie erfordert daher regelmäßige Labortests zu Nierenfunktion und Elektrolyten.“


14.11.2017 15:06:17, Autor: Dr. med. Thomas Kron