1554 Fälle seit Jahresbeginn gemeldet

Neuer Höchststand bei Pertussis-Infektionen

Die Zahl der Keuchhusten-Infektionen in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand gestiegen. 2016 registrierte das RKI demnach 22.119 Fälle - mit Abstand die meisten seit dem Beginn der bundesweiten Meldepflicht im Jahr 2013. Damals waren es rund 12.600 Patienten pro Jahr, 2015 rund 14.000. Seit Jahresbeginn wurden bereits 1554 neue Keuchhusten-Patienten an das RKI gemeldet.

Insbesondere für Säuglinge ist eine Pertussis-Infektion gefährlich: 2016 starben in Deutschland drei Babys.
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„Wir sehen hier wahrscheinlich beides: eine Krankheitswelle, aber auch eine zunehmend bessere Erfassung“, sagte Wiebke Hellenbrand, Infektionsforscherin am RKI. Impflücken begünstigten Ansteckungen. Besonders gefährlich ist Pertussis für Säuglinge: 2016 starben in Deutschland drei Babys an der Infektion - das sind untypisch viele.

Hellenbrand vermutet, dass die aktuelle Welle auch mit einem typischen Zyklus der Erregers zu tun hat: In Ostdeutschland werden Pertussis-Infektionen bereits seit 2002 erfasst. Höhepunkte waren die Jahre 2007 und 2012 - die Zeit könnte also wieder reif sein. Der Schrecken, den Keuchhusten vor der Schutzimpfung seit den 1930er Jahren hatte, ist fast vergessen. Damals seien in Deutschland 10.000 Säuglinge pro Jahr an der hochansteckenden Infektion gestorben, erinnert Hellenbrand.

Bei der Einschulung waren nach den jüngsten RKI-Daten für 2014 fast 97 Prozent der Kinder in Ostdeutschland und 95 Prozent in Westdeutschland gegen Keuchhusten geschützt. Ganz anders bei den Erwachsenen - da ist es je nach Lebensalter nur jeder fünfte bis zehnte. Bei jungen Eltern hat ein Drittel einen Impfschutz, bei Schwangeren ein Fünftel. Dabei gelten Familien mit kleinen Kindern als Hauptrisikogruppe. „Keuchhusten ist bei der Bevölkerung und auch bei Hausärzten noch nicht vollständig im Bewusstsein“, sagte Hellenbrand.

Das sieht auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) so. Für die Impflücken seien vor allem die Erwachsenenmediziner verantwortlich. „Wir Kinder- und Jugendärzte impfen möglichst auch immer die Angehörigen mit gegen Keuchhusten. Aber mit unserem Engagement erreichen wir nicht alle“, sagte BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach laut einer Mitteilung des Verbands. Er forderte Allgemeinärzte und Gynäkologen auf, stärker als bisher darauf zu achten, Impflücken zu schließen. Denn die Erkrankung sei alles andere als harmlos: „Gerade im ersten Lebensjahr, wenn der Impfschutz noch nicht vollständig ist, kann Keuchhusten eine ernste gesundheitliche Bedrohung für Kinder sein.“

Dazu kommt, dass die Impfung ihre Tücken hat. Sie muss immer wieder aufgefrischt werden. „Aber wir haben nichts besseres“, bemängelt Hellenbrand Allein bei Kleinkindern sind es vier Teilimpfungen gegen Keuchhusten. Dazu kommen zwei Auffrischungen, einmal im Kindes-, einmal im Jugendalter. Für Erwachsene wird ein Pertussis-Schutz zusammen mit der Auffrischung für Tetanus und Diphtherie empfohlen - aber vielfach einfach vergessen.

Ist eine Mutter nicht geimpft, hat ihr Baby bis zur ersten Immunisierungsmöglichkeit im Alter von zwei Monaten keinen Schutz. Es gebe deshalb Überlegungen, Schwangeren die Impfung generell zu empfehlen, sagte die Wissenschaftlerin. Zumindest kommt die Keuchhusten-Forschung mit der Meldepflicht nun weiter voran. „Wir hatten noch nie so viele Daten.“

Sep 2, 2017, 10:22:39 AM, Autor: dpa/cm