Darmmikrobiom

Mit bakterienfreundlicher Kost Hüftgold bekämpfen?

Für viele Menschen ist es jedes Jahr das gleiche Problem: Üppiges Essen und wenig Bewegung in den kalten Monaten haben ihre Spuren hinterlassen. Doch wie bekommt man den Winterspeck wieder weg? Und welche Rolle spielen die Darmbakterien bei Zu- und Abnahme unseres Körpergewichts?

Die Ernährung beeinflusst das Darmmikrobiom und damit nicht nur direkt, sondern auch indirekt das Körpergewicht.
© Jacek Chabraszewski, Fotolia.com
Über den Erfolg einer nachweihnachtlichen Schlankheitskur entscheiden nicht nur Hormone und das Verhältnis von Kalorienzufuhr und Bewegung: Auch Bakterien haben ihren Anteil daran, berichtet die Ärztin und Buchautorin Dr. Anne Katharina Zschocke. Die Darmflora beeinflusse nämlich, wie die Nahrung für den Körper verwertet werde.

Dabei verfügten Menschen nicht etwa über entweder „Dickmacher-Bakterien“ wie die Firmicutes oder schlank haltende Erreger wie die Bacteriodes, was Studien vor einigen Jahren zunächst nahelegten. Vielmehr zeichne sich eine gesunde Darmflora durch vielfältige Bakterien aus, die „flexibel in einem natürlichen Rhythmus leben“. Bei Tieren, die Winterschlaf halten, verändere sich beispielsweise die Zusammensetzung des Mikrobioms im Jahreslauf infolge der variierenden Nahrungsaufnahme. So konnten Forscher laut Zschocke nachweisen, dass die Darmbakterien des Erdmännchens im Sommer im „Dickmacher“-Modus sind. In dieser Zeit lege es sich den notwendigen Winterspeck zu, von dem es dann während des Winterschlafs zehren könne. In dieser Zeit gehe das Darmmikrobiom in einen „Schlankmacher“-Modus über.

Auch beim Menschen ändere sich die Zusammensetzung des Mikrobioms mit seinen Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. Wer sich saisonal ernähre und im Sommer viel frisches Obst und Gemüse esse, unterstützt demnach den natürlichen Rhythmus im Körper. Wenn sich im Winter das Nahrungsangebot ändert, passe sich das Mikrobiom von selbst entsprechend an, zeigten Studien. Dies setze aber eine gesunde Bakterienvielfalt voraus.

Genau diese Vielfalt der im Darm vorkommenden Bakterien nimmt jedoch in den Industrieländern ab. So zeigen laut Zschocke Forschungs-Befunde, dass beim durchschnittlichen US-Bürger 15 bis 25 Prozent weniger Bakterienarten im Darm leben als bei südamerikanischen Ureinwohnern. Wissenschaftler führten das zum einen auf eine einseitige Ernährung zurück, zum anderen auf den vermehrten Einsatz von bakteriziden Produkten wie Desinfektions- und Konservierungsmitteln und von Antibiotika – in der Medizin und in der Nahrungsmittelindustrie. Gleichzeitig entdeckten Forscher, dass die abnehmende Vielfalt der Bakterien mit einer Zunahme des Körpergewichts einhergeht.

Der Erhalt der Artenvielfalt im Darm ist für die Kollegein deshalb nicht nur die Basis eines gesunden Lebens, sondern auch die Voraussetzung zum Erhalt eines angemessenen Körpergewichts. Schlankheitskuren führten hier nicht zum gewünschten Ziel, sondern lediglich zur Ausschüttung von Stresshormonen, die das Mikrobiom negativ beeinflussten. Wie aber hält man das Mikrobiom gesund?

Darmpflege beginnt bereits im Mund, da Bakterien gut gekaute Speisen mögen, schreibt Zschocke. Denn nur so gelange ein mit Mundmikroben und reichlich Speichel vermengter Brei über den Magen in den Darm, wo er dann das Mikrobiom bereichert. Außerdem entfalten sich durch intensives Kauen Aromen besser. So erlebe man nicht nur höheren Genuss, sondern nehme die persönliche Sättigungsgrenze besser wahr, erklärt Zschocke.

Die Mahlzeiten sollten zudem bakterienfreundlich sein: Eine regionale und vielseitige Kost mit naturnahen Lebensmitteln bekommt den körpereigenen Bakterien besser als industriell verarbeitete Nahrungsmittel, die viel Zucker und Fett, aber wenig Ballaststoffe enthalten. Bakteriell fermentierte Lebensmittel, beispielsweise nicht erhitztes Sauerkraut, helfen beim Aufbau einer gesunden Darmflora. Zudem unterstützen regelmäßige Essenszeiten den Mikrobiom-Rhythmus. Jede Einseitigkeit in der Ernährung führe zu einer einseitigen Vermehrung der sie verdauenden Bakterien. Das schwäche das Mikrobiom und bringe das gesunde Gleichgewicht ins Wanken.

Aufgrund des Zusammenhangs von Ernährung, Zusammensetzung der Darmflora und Adipositas liegt der Gedanke nahe, mit Probiotika das Darm-Mikrobiom so zu beeinflussen, dass es zu einer Gewichtsreduktion kommt. Die hierzu bislang publizierten Studien seien allerdings recht klein und die Beobachtungszeiten zu kurz, heißt es in einem aktuellen Beitrag zu Probiotika in der Adipositas-Prävention und -Therapie. Es seien mehr klinische Studien notwendig, um einen Nutzen herkömmlicher Probiotika zu belegen. Sinnvoll sei außerdem eine Metaanalyse.

Mar 2, 2017, 11:20:03 AM, Autor: Dr. med. Thomas Kron