Muskelkrämpfe

Gewürzgurken-Wasser statt Magnesium?

Mehr Sport treiben – das dürfte einer der meistgefassten guten Vorsätze für das neue Jahr sein. Doch mit der Trainingsintensität steigt auch die Gefahr von Muskelkrämpfen. „Körperliche Anstrengung ist ein bekannter Krampf-Auslöser“, sagt der in Seevetal-Hittfeld praktizierende Physiotherapeut André Wolter. Manche Menschen werden aber auch bei langem Sitzen oder mitten in der Nacht von Krämpfen überrascht. In einem aktuellen Beitrag erläutert Wolter, was Betroffene vorbeugend und bei einem akuten Krampf tun können, welche Mittel helfen und welche nicht.

Bei Wadenkrämpfen greifen viele Menschen zu Magnesium - obwohl die Wirksamkeit kaum belegt ist.
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Als Ursachen für die muskulären Probleme sind im Internet häufig Elektrolytmangel und Dehydration zu finden. Auch manche Studienergebnisse sprechen dafür. Doch einige Forscher wie der Kapstadter Sportmediziner Dr. Martin Schwellnus vermuten, dass es sich um einen fehlerhaften Rückenmarksreflex handelt, erklärt Wolter. Daran seien zwei Messfühler beteiligt: das Golgi-Sehnenorgan (GTO), das die Spannung eines Muskels erfasst und reflektorisch eine Hemmung der Muskelkontraktion bewirkt, und die Muskelspindeln, welche die Muskellänge messen.

Zwischen diesen beiden besteht normalerweise ein Gleichgewicht. Bei Muskelkrämpfen liegt jedoch nach den jüngsten Theorien eine erhöhte afferente Muskelspindel-Aktivität vor bei gleichzeitig verringerter hemmender GTO-Aktivität. Daraus resultiere eine abnormale Alpha-Motoneuronen-Aktivität, was sich im EMG durch erhöhte Muskelinnervationsfrequenzen in Ruhe zeige – vergleichbar mit denen während einer willkürlichen Kontraktion. Dieses Ungleichgewicht zwischen Muskelspindel und GTO betreffe vor allem Muskeln, die stark kontrahieren können und daher zu einer aktiven Insuffizienz neigten, zum Beispiel zweigelenkige Muskeln wie der M. gastrocnemius.

Meist ist die Wade von Muskelkrämpfen betroffen. Aber auch die vordere und hintere Oberschenkelmuskulatur verkrampft häufig. Wenn ein Muskel gar nicht mehr lockerlassen möchte, dehnen ihn die meisten Menschen instinktiv. „In der Regel hilft das auch tatsächlich“, sagt Wolter. Der Krampf lässt rasch nach, bis er dann ganz verschwindet. Weniger bekannt ist, dass passives Dehnen auch prophylaktisch wirksam ist: Wie zum Beispiel für die Wadenmuskulatur in Schrittstellung, bei der das hintere Bein gestreckt und das vordere Bein gebeugt wird. Die Ferse des hinteren Beins bleibt dabei auf dem Boden.

Wolter verweist auf eine Studie mit Patienten, die unter nächtlichen Krämpfen litten. Als die Teilnehmer der Studie begannen, ihre Waden- und Oberschenkelmuskulatur vorbeugend zu dehnen, ging die Zahl der Krämpfe zurück. Dabei genügte es, die Waden- und Oberschenkelmuskulatur vor dem Schlafen jeweils dreimal für zehn Sekunden zu dehnen.

Ins Reich der Mythen verweist Wolter dagegen die weit verbreitete Annahme, dass Magnesium Krämpfen vorbeuge. Zwar könne ein Magnesiummangel die Muskelspannung negativ beeinflussen und die Einnahme in diesen Fällen eine Entspannung bewirken. Eine Beeinflussung von Krämpfen ist jedoch nicht nachgewiesen. Denn hier liegt die Ursache nicht im Muskel selbst, sondern in der Alpha-Motoneuronen-Aktivität. Bei einem Krampf senden Nervenzellen nicht mehr nur elektrische Impulse, wenn das Gehirn den Befehl dazu gibt. Vielmehr geben sie unkontrolliert Signale zur Kontraktion an den Muskel weiter, so dass dieser schließlich verkrampft. „Bisher konnte keine Studie einen positiven Effekt von Magnesium nachweisen“, sagt der Physiotherapeut. Dennoch halte sich der Tipp hartnäckig. Lediglich bei der Behandlung von Schwangeren mit nächtlichen Krämpfen hätte es einen schwachen Effekt.

Leicht übersehen wird dabei, dass man das Spurenelement auch überdosieren kann. Erste Anzeichen für eine Überdosierung wären Müdigkeit, Blutdruckabfall und Durchfall, gegebenenfalls im Wechsel mit Verstopfung, berichtet Wolter. Chinin senkt hingegen zwar nachweislich die Zahl, Dauer und Intensität von Krämpfen. Eine Überdosierung kann jedoch lebensbedrohlich sein. Daher ist Chinin in Deutschland seit fast zwei Jahren verschreibungspflichtig und wird nur zurückhaltend verordnet. Als Bitterstoff in der Limonade „Bitter Lemon“ hat es aufgrund der niedrigen Dosierung weder positive noch negative Auswirkungen.

Völlig unbedenklich, aber dennoch wirksam scheint hingegen ein anderes Getränk zu sein, das Wolter seinen Patienten bereits seit einigen Jahren empfiehlt: Gurkenwasser. Die essighaltige Flüssigkeit, in der Gewürzgurken eingelegt sind, verkürzt einer US-Studie zufolge die Krampfdauer bei Betroffenen um fast die Hälfte. Die Studienautoren empfehlen, bei akuten, durch Sport ausgelösten Krämpfen einen Milliliter Gurkenwasser pro Kilogramm Körpergewicht einzunehmen. Dadurch löse sich der Krampf im Mittel nach 85 Sekunden. Die Dosierung spielt dabei aber womöglich eine untergeordnete Rolle. „Die Zeit ist viel zu kurz, als dass das Gurkenwasser den Magen passieren und vom Körper aufgenommen werden könnte“, sagt Wolter. Womöglich sei es einfach der saure Geschmack im Rachen, der Aktivität der impulsgebenden Nervenzellen drossele und somit krampflösend wirke.

Jan 2, 2017, 11:07:29 AM, Autor: Dr. med. Thomas Kron