Herzbericht 2016

„Wir stehen vor einer Epidemie der Herzinsuffizienz“

Herzinsuffizienz ist inzwischen die häufigste Einzeldiagnose bei vollstationär behandelten Patienten. Damit setzt sich ein seit Jahren beobachtbarer Trend fort: Mit 444.632 Fällen von Herzinsuffizienz stieg die Zahl der stationär versorgten Patienten 2015 im Vergleich zum Vorjahr erneut um 2,7 Prozent an.

Im Frühstadium der Erkrankung werden die meisten Herzschwäche-Patienten, wie in den Leitlinien vorgesehen, medikamentös behandelt. Damit lassen sich die meisten Symptome lindern und Krankenhausaufenthalte verhindern.
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Noch drastischer fällt der 20-Jahres-Vergleich aus: Lag die Erkrankungshäufigkeit 1995 noch bei 275 Fällen pro 100.000 Einwohner, stieg der Wert bis 2015 auf 541 an. Das ist eine Steigerung um 96,72 Prozent, also nahezu eine Verdoppelung.

„Paradoxerweise ist die Zunahme bei der Herzinsuffizienz gleichzeitig auch ein Nachweis für die Fortschritte der Herz-Medizin in anderen Bereichen“, erklärte Professor Hugo Katus (Heidelberg), Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), bei der Präsentation des „Deutschen Herzberichts 2016“. „Durch die Erfolge in der Behandlung der akuten und chronischen Herzerkrankungen und durch die älter werdende Bevölkerung stehen wir in der Kardiologie geradezu vor einer Epidemie der Herzinsuffizienz.“

Die Sterbestatistik zeigt die gegenläufige Entwicklung. Obwohl immer mehr Menschen an einer Herzschwäche leiden, sank die Zahl der dadurch bedingten Todesfälle von 82 pro 100.000 Einwohner im Jahr 1990 auf knapp 55 im Jahr 2014. „Der Rückgang um 33 Prozent ist auf die Fortschritte in der Therapie der Herzschwäche zurück zu führen. Dazu gehören die lebensverlängernden Effekte der medikamentösen Therapie sowie die konsequente Umsetzung der Leitlinienempfehlungen in der Versorgung der Patienten mit Herzinsuffizienz“, analysiert Professor Georg Ertl (Würzburg).

Auffällig ist, dass die Sterblichkeit bei Männern deutlich stärker zurückging als bei Frauen. Obwohl Frauen mit 540,4 und Männer mit 541,7 Fällen pro 100.000 Einwohner etwa gleich oft betroffen sind, zeigt die Sterbeziffer ein deutliches Gefälle. Bei Männern beträgt die Zahl der Todesfälle 40,3 pro 100 000 Einwohner, bei Frauen liegt dieser Wert bei 68,9 – und ist damit um 70,96 Prozent höher. „Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist unerwartet groß und mit heutigem Wissen nicht ohne weiteres erklärlich“, so Ertl.

Im Frühstadium der Erkrankung werden die meisten Herzschwäche-Patienten, wie in den Leitlinien vorgesehen, medikamentös behandelt. Damit lassen sich die meisten Symptome lindern und Krankenhausaufenthalte verhindern. Außer zur Vergrößerung des geschwächten Herzens kommt es bei etwa jedem dritten Herzinsuffizienz-Patienten zu einem Linksschenkelblock. Zur Behandlung der betroffenen Patienten wurden 2015 in Deutschland 21 479 Stimulationsgeräte zur Resynchronisationstherapie (CRT) implantiert. „Wie Studien gezeigt haben, sind die CRT den herkömmlichen implantierbaren Defibrillatoren überlegen“, sagte Professor Norbert Frey (Universitäts-klinikum Schleswig-Holstein, Kiel). Und: „Die Einführung dieser auch in den Leitlinien empfohlenen Therapieform hat zu einer weiteren Verbesserung der therapeutischen Optionen bei Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz geführt.“

Jan 27, 2017, 9:01:36 AM, Autor: Dr. med. Thomas Kron