Adipositas und Typ-2-Diabetes

Neuer Index soll Frühdiagnose der nicht-alkoholischen Fettleber erleichtern

Aufgrund der steigenden Zahl der Patienten mit nicht-alkoholischer Fettleber-Erkrankung (NAFLD) besteht weltweit nicht nur ein großes Interesse daran, die Ursachen und Folgen der Erkrankung zu verstehen, sondern auch die Diagnose frühzeitig zu stellen. Forscher des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) haben aus klinischen Daten einen neuen Index generiert, der laut einer Mitteilung „mit hoher Genauigkeit das Vorliegen einer Fettleber-Erkrankung vorhersagen kann“.

Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie schätzt, dass bei neun von zehn stark übergewichtigen Menschen die Leber verfettet.
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Mit der steigenden Prävalenz von Übergewicht und Adipositas nimmt auch die Zahl der Menschen mit nicht-alkoholischer Fettleber zu. Bei bis zu 90 Prozent der stark übergewichtigen Menschen verfette die Leber, warnt unter anderen die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie (DGVS). Es wird geschätzt, dass zwei Drittel der Über-50-Jährigen mit Diabetes oder Übergewicht eine nicht-alkoholische Steatohepatitis mit fortgeschrittener Zirrhose haben. Nicht-alkoholische Fettleber-Erkrankungen können auch als „hepatische Manifestation des metabolischen Syndroms“ verstanden werden. Aufgrund von Veränderung der Lebensgewohnheiten, des demografischen Wandels und der zunehmende Komplexität pharmakologischer Therapien wird mit einer weiteren Zunahme der Erkrankungen gerechnet. Dies alles habe hohe finanzielle Aufwendungen für Arztbesuche und Diagnostik, aber auch für die Therapie der Komplikationen zur Folge, so die DGVS, die aufgrund der wachsenden Bedeutung der Fettleber-Erkrankungen eine Leitlinie dazu erstellt hat.

Betroffen sind zwar meist Erwachsene, aber auch Kinder können erkranken: An einer Verfettung der Leber leiden laut DGVS bis zu elf Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland. „Bei Kindern erfolgt die Diagnose, wenn fünf bis zehn Prozent des Lebergewichts aus Fett besteht“, erklärt Prof. Christian Trautwein von der Universitätsklinik der Technischen Hochschule Aachen.

Um frühzeitig intervenieren zu können, muss die Fettleber rechtzeitig erkannt werden. Mithilfe der Ultraschalluntersuchung der Leber und der Bestimmung der Leberwerte kann die Fettleber jedoch häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert werden. Aufwendige Untersuchungen wie die Kernspinspektroskopie sind zwar aussagekräftiger, aber wegen der relativ hohen Kosten im klinischen Alltag nicht auf breiter Ebene einsatzfähig. Als recht effektiv erwiesen hat sich der sogenannte Fatty Liver Index (FLI), bestehend aus den Parametern Alter, Body-Mass-Index, Taillenumfang und den im Nüchternzustand im Blut gemessenen Werten für Triglyzeride (TG) und Gamma-Glutamyltranspeptidase (GGT).

Einen nach eigenen Angaben verbesserten FLI haben nun Forscher des Universitätsklinikums Tübingen und Helmholtz Zentrums München entwickelt. Die Wissenschaftler um Prof. Norbert Stefan berücksichtigten zusätzlich zu den genannten Parametern des FLI auch die TG- und Glukosewerte, die sie in einem oralen Glukosetoleranztest zwei Stunden nach Einnahme der Glukose ermittelten, sowie die für die Fettleber wichtigste Genvariante (rs738409 C>G in PNPLA3). Anhand von Daten aus der TULIP-Studie (Tübinger Lebensstil Interventionsprogramm) konnten sie zeigen, dass man mit diesem neuen und erweiterten Fettleberindex nicht nur die Fettleber besser als mit dem bekannten FLI diagnostizieren kann, sondern sich auch die Wahrscheinlichkeit für die Abnahme des Leberfettgehalts während einer Lebensstil-Intervention genauer vorhersagen lässt. Stefan hofft nun, dass „dieser Index zunehmend im klinischen Alltag eingesetzt wird, um eine Fettlebererkrankung frühzeitig zu diagnostizieren, damit Folgeerkrankungen der Fettleber verhindert werden können“.

Keine spezifische Arzneimitteltherapie verfügbar

Obwohl die NAFLD die inzwischen zweithäufigste Indikation für eine Leber-Transplantation ist, gibt es keine zugelassene spezifische Pharmakotherapie. In letzter Zeit wurden daher zunehmend Gewicht- und Glukosespiegel-senkende Therapien auf ihre Wirksamkeit bei NAFLD untersucht, wie Kálmán Bódis und Michael Roden in einem aktuellen Beitrag zur Diabetestherapie bei nicht-alkoholischer Fettlebererkrankung berichten.

Bódis und Roden haben randomisierte, kontrollierte Studien zu Gewicht und/oder Blutglukosespiegel senkenden Therapien bei NAFLD und Typ-2-Diabetes mit den primären Endpunkten Reduktion des Leberfettgehalts und/oder Verbesserung der Leberhistologie gesammelt und ausgewertet. Hier in Kürze das Ergebnis ihrer Literatur-Recherche:

•    Lebensstil-Modifikation (Gewichtsverlust > sieben Prozent) und bariatrische Chirurgie reduzieren die Entzündung und hepatozelluläre Ballonierung bei NAFLD. Eine Pioglitazon-Therapie kann innerhalb von sechs Monaten Entzündung und Ballonierung bei Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes mindern und „diesen Effekt für mindestens drei Jahre aufrechterhalten“.

•    Liraglutid reduziert den Leberfettgehalt und mindert „Inflammation und Ballonierung bei NAFLD, wobei weniger Probanden unter Liraglutid eine Verschlechterung der Fibrose aufweisen“.

•    Metformin, Sulfonylharnstoffe und Insulin haben laut Bódis und Rode keinen nachweisbaren Effekt auf den Fettgehalt und die Histologie der Leber.

Die Schlussfolgerungen der beiden Diabetologen: Jenseits der Lebensstil-Modifikation müsse der Nutzen von Pioglitazon, Liraglutid und bariatrischen Eingriffen „bezüglich der Reduktion von Leberfettgehalt und NAFLD gegenüber den Risiken und Kosten abgewogen werden“. Für weitere therapeutische Empfehlungen fehlten Untersuchungen zu neuen Medikamenten; zudem gebe es einen Mangel an kontrollierten, prospektiven Langzeit-Studien.

Außer den bereits verfügbaren Antidiabetika werden auch einige neue Substanzen bei nicht-alkoholischen Fettleber-Erkrankungen getestet. Beispiele sind der Caspase-Hemmer GS-9450, der die Leberzellen an der Apoptose hindert, der duale PPARα- und PPARδ-Agonist GFT-505, außerdem Cenicriviro, ein CCR2/CCR5-Antagonist, sowie Simtuzumab, ein Anti-LOXL-2-Antikörper und Obeticholsäure, eine Modifikation der Chenodesoxycholsäure, die den Farnesoid-X-Rezeptor stimuliert. Eine Option könnte vielleicht auch die Transplantation fäkaler Mikrobiota werden.

DPP4-Hemmer zur Fettleber-Prävention?

Über einen möglichen Ansatz für eine effektive pharmakologische Prävention der Leberverfettung hat vor wenigen Tagen ein internationales Forscherteam im Fachblatt „Diabetes“ berichtet. Nach Angaben der Forscher um Annette Schürmann, Robert Schwenk, Christian Baumeier und Sophie Saussenthaler vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) fördern epigenetische Veränderungen bei Maus und Mensch eine Verfettung der Leber. Mäuse mit starkem Hang zum Übergewicht wiesen bereits in einem Alter von sechs Wochen epigenetische Veränderungen auf, die dazu führten, dass die Leber das Enzym DPP4 verstärkt bilde und ins Blut abgebe. Langfristig begünstige dies das Entstehen einer Fettleber. Auch bei Menschen, die an einer Leberverfettung leiden, sind laut einer Mitteilung der Forscher solche Veränderungen am Erbgut nachweisbar und lassen auf eine ähnliche Ursachenkette schließen. „Zusammengenommen weisen unsere Ergebnisse darauf hin, dass die mit Übergewicht einhergehenden, epigenetischen Veränderungen des DPP4-Gens schon bei jungen Menschen den Leberstoffwechsel negativ beeinflussen. Weit bevor es zu einer Leberverfettung kommt“, sagte Studienleiterin Annette Schürmann.Daher gelte es nun, in weiterführenden Studien zu untersuchen, wie und zu welchem Zeitpunkt DPP4-Hemmer in der Diabetes-Therapie eingesetzt werden können, um dem Entstehen einer nicht-alkoholischen Fettleber vorzubeugen.

Jan 23, 2017, 11:23:27 AM, Autor: Dr. med. Thomas Kron