Akute Atemwegsinfekte

Das hilft wirklich bei Erkältungen

Was hilft wirklich bei akuten Atemwegsinfektionen? Der Kinderlungenarzt Prof. Markus Rose vom Klinikum St. Georg in Leipzig kennt die Antwort. Er hat gemeinsam mit einer Kollegin die verfügbaren Erkältungsmittel unter die Lupe genommen.

Wenn das Kind erkältet ist, greifen Eltern oft zu Hausmitteln und rezeptfreien Präparaten aus der Apotheke. Der Kinderpneumologe Prof. Rose aus Leipziog informiert, was den kleinen Patienten wirklich hilft.
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Herr Prof. Rose, mein Hals kratzt schon wieder und die Nase läuft. Wie lautet das Ergebnis Ihrer Untersuchung? Wie kann man sich besser vor einer Erkältung schützen – und wie wird man sie am Besten wieder los?

Nun, Sie haben am ehesten eine akute Atemwegsinfektion, im Volksmund Erkältung genannt. Dies ist der häufigste Grund, dass Patienten aller Altersgruppen medizinischen Beistand suchen – und auch volkswirtschaftlich ein Riesenthema. Zunächst, weil viele Eltern oft danach fragen: Auch der grünlich-eitrige Schnupfen beim Klein- oder Vorschulkind ist kein Grund für ein Antibiotikum. Antibiotika spielen bei akuten Atemwegsinfekten im Kindesalter und bei gesunden Erwachsenen keine Rolle. Meistens sind die Verursacher Rhinoviren. Auch das Humane Metapneumovirus, Corona-Viren oder Influenza-Viren kommen beispielsweise als Auslöser in Frage. Nicht zu vergessen das RSV, das Respiratory Syncytial Virus, das Kinder im ersten Lebensjahr und chronisch Kranke maximal belastet.

Als Mitherausgeber der Zeitschrift „Der Pneumologe“ habe ich mir den Spaß gemacht, die vorhandenen Mittel unter die Lupe zu nehmen. Das ist keine Cochrane-Analyse im engeren Sinne, aber doch eine systematische Untersuchung. Mich haben die folgenden Fragen interessiert: Was versprechen die angebotenen Mittel? Wie funktionieren sie? Kann man sie mit gutem Gewissen empfehlen? Helfen Sie vor allem dem, der daran glaubt, oder können sie sogar schaden?

Die meisten Erkältungsmittel sind symptomatische Medikamente, das heißt, sie helfen den körpereigenen Abwehrkräften, die Virusinfektion zu überwinden. Unter den Schmerzmitteln sind die Monopräparate Paracetamol und Ibuprofen für alle Altersgruppen sinnvoll. Ibuprofen scheint bei Kindern sogar stärker fiebersenkend zu wirken als Paracetamol. Im Gegensatz dazu ist Aspirin im Rahmen von Erkältungen nicht angezeigt. Ebenfalls nicht sinnvoll ist die gesamte Palette der Kombinationspräparate, die in der kalten Jahreszeit in den Apotheken in der ersten Reihe stehen. Diese OTC-Präparate werden zwar stark beworben, sie sind aber– das sagt auch die Stiftung Warentest – nicht unumstritten. Diese Produkte enthalten etwa Antihistaminika, Dekongestiva und einem Mix aus verschiedenen Schmerzmitteln. Bei diesem wilden Cocktail weiß kein Mensch, was da wie und womit wechselwirkt. Und der oft enthaltene hochprozentige Alkohol ist auch nicht unbedenklich.

Wenn es denn sein muss, sollte man besser die oben genannten Schmerzmittel nehmen und dazu abschwellende Nasentropfen. Säuglingen aber bitte nur dann abschwellende Nasentropfen geben, wenn sie wegen der verstopften Nase nicht mehr trinken, da es hier schnell zu Unverträglichkeiten kommt. Besser auch hier Kochsalzlösung oder ein Tropfen Muttermilch in die Nase. Auch bei Erwachsenen bitte nicht länger als drei bis fünf Tage, sonst verabschieden sich die Nasenschleimhäute! Den Entspannungseffekt der Erkältungsmittel erzielt auch ein Schnäppschen vor dem Zubettgehen - dann hat man für wesentlich weniger Geld den gleichen Effekt.

Bei den Nasenmitteln empfehle ich – wenn die Nase nicht so verstopft ist, dass Sie als Erwachsener nachts nicht mehr schlafen können – eine physiologische Kochsalzlösung. Wenn Sie sich das wahlweise reinträufeln oder mithilfe einer kleinen Spritze jeweils einen Milliliter mit Schwung in jedes Nasenloch spülen, werden Sie merken, dass Sie besser Luft bekommen. Das Nasenspülen ist anfangs etwas unangenehm. Doch auch Kinder gewöhnen sich da schnell dran. Das weiß ich von meinen Töchtern. Die haben das sogar irgendwann selber gemacht, weil sie gemerkt haben, dass sie dadurch besser schlafen können. Es gibt dazu schöne Studien an Studenten: Diejenigen, die sich im Winterhalbjahr regelmäßig die Nase mit Salzwasser spülen, haben weniger Infekte und Erkältungen. Ganz wichtig – gerade während der Heizperiode – ist auch die Luftbefeuchtung und regelmäßiges Lüften.

Meine Mutter hat mich früher immer zu Dampfbädern mit ätherischen Ölen verdonnert. War das sinnvoll?

Ja, der Dampf führt zu einer gewissen Beruhigung der Atemwege und hat auch eine schleimlösende Wirkung. Das Problem ist: Wir sehen hier im Krankenhaus regelmäßig Kinder, die sich bei solchen Maßnahmen verbrühen. Dampfbäder sind allenfalls etwas für Erwachsene oder sehr zuverlässige Schulkinder. Die ätherischen Geschichten sind nicht schlecht. Vor allem das Einreiben mit ätherischen Erkältungssalben wie Wick Vapo Rub oder Pinimenthol ist prinzipiell sinnvoll. Bei Kindern in den ersten zwei Lebensjahren können ätherische Substanzen allerdings auch schwere Atemwegsreizungen bis hin zum Bronchialkrampf verursachen.

Was ist mit Mitteln aus dem Bereich der Phytomedizin, beispielsweise das Umckaloabo, also der Extrakt aus der Kapland-Pelargonie aus Südafrika?

Zu dieser Gruppe gehören auch verschiedene Ringelblumenextrakte oder das Esberitox, ein Sonnenhutextrakt. Den Herstellern zufolge sind diese Mittel abwehrstimulierend, was im Tierexperiment gezeigt werden konnte. Die Effekte sind aber teilweise sehr mild. Es ist ähnlich wie bei der klassischen Homöopathie: Es schadet nicht und hilft dem, der daran glaubt. Und dann sollten diese Mittel allenfalls präventiv eingesetzt werden. Doch Vorsicht: Wenn man diese Substanzen in größeren Mengen einnimmt, können Vergiftungserscheinungen auftreten. Hinzu kommt: Die Mittel sind auch nicht ganz billig. Was durchaus hilft, sind Efeuextrakte, die es unter anderem als Sirup gibt. Hier sind schleimlösende, hustenstillende und sogar bronchienerweiternde Effekte beschrieben, und auch bei jungen Kindern gibt es keine Sicherheitsbedenken.

Vitamin C hat leider auch keine therapeutische Wirkung. Wir sehen aber, ebenso wie bei Zink-Darreichungen, durchaus die Möglichkeit, bei Erwachsenen die Häufigkeit und Schwere von Infekten zu beeinflussen. Weniger gut ist die topische Anwendung von Zink. Zinkhaltige Nasensalben oder -sprays greifen die Schleimhäute an und können das Geruchsempfinden beeinträchtigen.

Wenn es um Prävention geht, darf man aber die psychischen Aspekte und die Gesamtkonstitution nicht vergessen. Wenn Sie auf einer Veranstaltung sind und da niest einer, werden die Viren über hundert Leute versprüht. Von denen wird nicht jeder krank. Diejenigen, die sich ausgewogen ernähren, die sich an der frischen Luft bewegen, die ihre Psyche halbwegs im Griff haben und über seelische Kompensationsmechanismen verfügen, haben vielleicht ein Kratzen im Hals und sind am nächsten Tag wieder fit. Diejenigen, die überanstrengt, frustriert oder müde sind, die erwischt es. Und wenn Sie sehr jung oder sehr alt sind, vielleicht gerade eine Krebserkrankung hinter sich haben oder unter einer Abwehschwäche leiden, dann kann so eine banale Atemwegsinfektion Sie auch umbringen. Daher ist auch die jährliche Grippeimpfung so wichtig- auch um die lieben Mitmenschen zu schützen.

Haben Sie noch einen Geheimtipp auf Lager, ein Hausmittel, das tatsächlich wirkt?

Honig! Wir wissen mittlerweile, dass bei Kindern, was die hustenblockierende Wirkung anbelangt, Honig mindestens so gut wie die üblichen Hustenblocker funktioniert. Honig hat darüber hinaus eine desinfizierende antibakterielle Wirkung. Abgesehen vom Säuglingsbotulismus – als keinen Öko-Honig an Kinder im ersten Lebensjahr verfüttern! - sollte Honig in der Kindermedizin bei Erkältungen einen festen Stellenwert haben. Honig hat keine Nebenwirkungen.

Erwähnenswert sind auch die Probiotika. Wir haben zunehmend Hinweise, dass Probiotika zu einer Verminderung der Infekte während der Erkältungssaison führen können. Dazu gibt es schöne Studien aus Asien, Australien und den USA. Mit einem Joghurt aus dem Tiefregal erreicht man das aber nicht. Sie müssen sich schon nennenswerte Mengen zuführen. Man braucht ungefähr zehn hoch neun bis zehn hoch zwölf kolonieformende Einheiten Laktobakterien. Dafür müssen Sie einen Liter Joghurt täglich konsumieren oder das Pulver aus der Apotheke, was auch nicht ganz billig ist.

Schließlich gibt es auch beim Knoblauch Hinweise, dass die regelmäßige Nahrungsergänzung mit Knoblauch Erkältungsepisoden vorbeugen kann. Nur: Wenn Sie regelmäßig Knoblauch in größeren Mengen zu sich nehmen, werden Sie vielleicht nicht mehr krank, haben dann aber möglicherweise andere Probleme.

Jan 16, 2017, 9:51:56 AM, Autor: Interview: Arnd Petry