Tipps vom Bergmediziner

Was tun bei Erfrierungen und Unterkühlungen?

In weiten Teilen Deutschlands herrscht derzeit eisige Kälte. Auch in den kommenden Tagen soll es in vielen Regionen weiterhin Minus-Temperaturen geben. Damit steigt das Risiko für Unterkühlung und lokale Erfrierungen. Was ist zu tun, wenn etwa Nase oder Zehen erfroren sind oder es gar zu einer Unterkühlung gekommen ist? Ausführliche Informationen dazu liefert der Münchner Orthopäde und Sportmediziner Dr. Walter Treibel, der sich seit Jahren intensiv mit sogenannter Bergmedizin befasst und dazu eine eigene Website betreibt.

Bergsteiger, die hohe Gipfel erklimmen, erleiden besonders häufig Erfrierungen.
© tns2710, Fotolia.com
Faktoren, die lokale Erfrierungen begünstigen, sind neben tiefen Temperaturen und unzureichender Bekleidung etwa hohe Windgeschwindigkeiten (Windchill-Phänomen), hohe Luftfeuchtigkeit, mangelnde Bewegung, Dehydrierung, Alkohol- und Nikotin- Abusus, Durchblutungsstörungen, Diabetes mellitus, Unterernährung und Erschöpfung. Besonders häufig erleiden Bergsteiger, die sehr hohe Berge erklimmen, Erfrierungen der Ohren, Nase, Finger und Zehen. Auf den Gipfeln herrschen oft Temperaturen von minus 20 bis 30 Grad Celsius - und zudem starker Wind. Kältschäden können jedoch schon bei Temperaturen um den Gefrierpunkt auftreten.

Lokale Erfrierungen

Erfrierungen lassen sich in folgende Stadien einteilen:

Grad 1: Blasses, (grau-) weißes, kaltes, gering geschwollenes Gewebe, schmerzlos, jedoch Gefühlsstörungen. Nach dem Auftauen ist die Haut laut Treibel gerötet, später eventuell bräunlich verfärbt und blättert nach ein paar Tagen ab. Meist komme es zu vollständiger Heilung, eine lokale Kälteempfindlichkeit könne jedoch bestehen bleiben. Eine erstgradige Erfrierung im Gesicht tritt übrigens unter Umständen sehr rasch ein. Im Hochgebirge etwa kann schon das Ablegen des Gesichtsschutzes zum Fotografieren für nur 15 Sekunden genügen.

Grad 2: Die Gegenregulation (Vasokonstriktion) ist aufgehoben. Dadurch entstehe ein scheinbar wohliges, aber gefährliches Wärmegefühl, da der Erfrierungsprozess trotzdem weiterschreite, erklärt Treibel. Es komme zu blauroter Verfärbung, Blasenbildung mit Infektionsgefahr und zu Zerstörung der Haut und des Unterhautgewebes. Die Schäden seien erst nach ein bis drei Tagen beurteilbar.

Grad 3: Es komme zu arteriellen Gefäßverschlüssen und tiefen Gewebezerstörungen sowie Entzündungen und Geschwüren. Charakteristisch sind Treibel zufolge meist harte, gefrorene Gewebeschichten sowie nach dem Auftauen Gefühllosigkeit und starke Schwellung. Später entstünden eine blauschwarze Verfärbung und eine Mumifizierung. Das Ausmaß des Schadens sei spätestens nach ein bis zwei Wochen erkennbar, die Abheilung könne Monate dauern.

Unterkühlung

Auch bei einer allgemeinen Unterkühlung werden verschiedene Stadien unterschieden:

Stadium 1: Beginn mit Muskelzittern, der Betroffene atmet tief und der Puls ist erhöht (Körpertemperatur: 35 bis 32 °C).

Stadium 2: Sinkt die Temperatur im Körper weiter ab, beeinträchtigt dies in der Folge zerebrale Funktionen. Die Muskeln sind steif, der Betroffene ist schläfrig, das Bewusstsein ist getrübt (Körpertemperatur: 32 bis 28 °C).

Stadium 3: Lebensgefahr. Der Patient ist bewusstlos, der Puls lässt sich kaum noch tasten. Die Atmung ist tief (mit Pausen), keine Schmerzreaktion; bei einer Körpertemperatur von weniger als 24 Grad Celsius kommt es zum Atem- und Kreislaufstillstand. Dabei ist zu beachten, dass bei einer schweren Unterkühlung mit Atem- und Kreislaufstillstand der Hirntod später eintritt als in anderen Fällen von Kreislaufstillstand. Manche Betroffene wirken wie tot, können aber mit einem minimalen Kreislauf immer noch am Leben sein. Deshalb sind im Zweifel immer Wiederbelebungsmaßnahmen indiziert. Treibel: „Niemand ist tot, bevor er wiedererwärmt und tot ist!“

Maßnahmen bei Unterkühlung

Prinzipiell ist zu beachten, dass eine allgemeine Unterkühlung gefährlicher als eine lokale Erfrierung ist und deshalb vorrangig versorgt werden muss.

Bei allgemeiner Unterkühlung gilt laut Treibel generell:

•    Bewegungsarme Bergung

•    Herstellen windstiller Verhältnisse

•    Kälteisolation bzw. Wiedererwärmung.

Immer ratsam sei ein Kälteschutz. Im Gelände sollte wegen der Gefahr einer erhöhten Wärmeabgabe kein Alkohol verabreicht werden.

Stadium 1 (37-32°C):

•    Schutz vor weiterer Auskühlung

•    Feuchte Kleidung durch trockene Wäsche ersetzen

•    Den Unterkühlten vorsichtig bewegen lassen

•    Heiße, süße Getränke (Körpererwärmung von ca. 1° Celsius pro Liter ).

Stadium 2 (32-28°C):

•    Schutz vor weiterer Auskühlung

•    Wärmebeutel am Rumpf

•    Heiße Getränke nur bei sicherem Schlucken (wenn der Patient bei klarem Bewusstsein ist)

•    So wenig wie möglich bewegen!

Stadium 3 (28-24°C):

 Transport in ein Krankenhaus (mit Herz-Lungen-Maschine)

Stadium 4 (unter 24°C):

Beatmung und Herzdruckmassag.

Ab Stadium 2 (unter 28° Celsius) ist laut Treibel ein Aufwärmen im Gelände nicht mehr möglich. Er rät, keine aktiven oder passiven Bewegungen oder Massagen durchzuführen, da sonst der sogenannte Bergungstod drohe. Ein Unterkühlter dürfe sich nicht aktiv rasch bewegen, denn sonst komme es durch Vermischung des kalten Schalenbluts mit dem warmen Kernblut zu einem gefährlichen Temperatursturz und letztlich zum Kreislaufschock, zu Herzrythmusstörungen oder möglicherweise sogar zum Herzstillstand. Stattdessen sollte ein rascher, passiver Abtransport in guter Wärmeisolierung erfolgen. „Sollten Bewegungen von Rumpf und großen Gelenken unvermeidbar sein, dann nur so langsam und schonend wie möglich.“ Aus den gleichen Gründen empfiehlt Treibel, zunächst nur der Körperkern (Rumpf) mithilfe vorgewärmter Decken, Helferwärme oder Wärmebeuteln über dem Pullover aufzuwärmen.

Maßnahmen bei lokalen Erfrierungen

Hierzu gehören dem Münchener Arzt zufolge zunächst Windschutz sowie das Lockern von einengenden Kleidern oder Schuhen. Bei Erfrierungen der Zehen und im Gesicht rät er zum Auflegen von warmen Händen. Ein Auftauen in der Achselhöhle oder zwischen den Oberschenkeln komme vor allem für taube Finger und Hände infrage. Chemische Wärmebeutel sollten nur bei beginnender Erfrierung zum Einsatz kommen.

Aktive Bewegungsgymnastik und vorsichtige Massage dürfen laut Treibel nur dann durchgeführt werden, wenn keine allgemeine Unterkühlung vorliegt. Ansonsten gelte es, nasse Kleider zu wechseln und warme Getränke zu verabreichen. Bei schweren Erfrierungen sei wegen der Gefühllosigkeit und Hautempfindlichkeit ein warmer, lockerer Verband zu empfehlen sowie eine druckfreie Lagerung und passiver Abtransport.

Nur in Unterkünften mit günstigen äußeren Bedingungen sei die weitere Behandlung mit Auftauen der erfrorenen Gliedmaßen sinnvoll, erläutert der Bergmediziner weiter. Ausschließlich dort sei die Gabe von Alkohol zu erwägen, da er durch seine starke gefäßerweiternde Wirkung die Durchblutung im Gewebe fördere.

Eine Behandlung von Erfrierungen sollte nur dann erfolgen, wenn keine allgemeine Unterkühlung vorliegt beziehungsweise ein Unterkühlter bereits erfolgreich wiedererwärmt worden sei. Am günstigsten sei ein rasches Auftauen der erfrorenen Körperteile in einem körperwarmen Wasserbad bis maximal 40 Grad Celsius mit aktiven Bewegungen. Dies sei jedoch sehr schmerzhaft, warnt Treibel. Deshalb sollten die Betroffenen Schmerzmittel erhalten.

Nach dem Beginn mit lauwarmem Wasser kann unter aktiven Bewegungen der Finger oder Zehen laufend warmes Wasser nachgegossen werden. Wenn die Haut wieder rosig wird, das Gewebe ganz aufgetaut ist und Bewegungen wieder möglich sind, sei das Bad zu beenden -spätestens jedoch nach 30 Minuten, um eine Mazeration der Haut zu vermeiden. Nach Abtrocknen rät Treibel zu einem keimfreien Watteverband. Bei oberflächlichen Erfrierungen kehre das Gefühl nach dem Auftauen schnell zurück, erklärt er, bei tiefen Erfrierungen jedoch nicht. Die betroffenen Extremitäten sollten hoch gelagert werden, um Schwellungen zu vermeiden. Die Gabe von Thrombozytenaggregationshemmern, etwa ASS (100 bis 300 mg), verbessere die Durchblutung des geschädigten Gewebes.

Kontraproduktive Maßnahmen

Von folgenden Behandlungsmethoden ist dringend abzuraten, wie der Tiroler Extrem-Bergsteiger Dr. Christoph Höbenreich erläutert:

•    Keinesfalls eine lokale Erfrierung mit Schnee oder Eis einreiben, wie es um die Jahrhundertwende empfohlen wurde, da dies zu Mikroverletzungen und weiterer Abkühlung führt.

•    Gefrorene Kleidung und Schuhe nicht gewaltsam entfernen.

•    Keine Erwärmung durch Auflegen des Mundes oder Lutschen durchführen, da die Verdunstungskälte durch den Speichel zu einer weiteren Kühlung führt.

•    Besonders gefährlich ist eine zu intensive trockene Erwärmung, etwa über einem Feuer.

•    Einen erfrorenen Körperteil niemals passiv stark bewegen oder massieren. Eine aktive Bewegungsgymnastik und eine vorsichtige Massage dürfen nur dann durchgeführt werden, wenn gleichzeitig keine schwere allgemeine Unterkühlung vorliegt.

•    Erfrierungsblasen dürfen wegen der Infektionsgefahr nie ohne Begleitmaßnahmen wie Desinfektion, sterile Verbände oder antibiotische Prophylaxe geöffnet werden.

•    Keinesfalls hochgradige Erfrierungen mit Salben einschmieren.

•    Die Vernachlässigung in der Versorgung von Erfrierungen und Reinigung offener Wunden bedeutet Wundbrandgefahr.

•    Körperteile, deren Haut an Metall festgefroren ist, dürfen nicht weggerissen werden, sondern sollen unter Zuhilfenahme von lauwarmem Wasser befreit werden.

•    Rauchen ist in der Prophylaxe wie auch während der Therapie zu vermeiden, da Nikotin bekanntlich die Blutgefäße verengt.

06.01.2017 15:25:23, Autor: Dr. med. Thomas Kron