Wechselwirkungen

Psychopharmaka plus Alkohol: Häufiger „Cocktail“ bei älteren Menschen

Viele ältere Patienten nehmen regelmäßig Medikamente. Mit der Zahl der Arzneimittel steigt das Risiko für klinisch relevante Wechselwirkungen; besonders bedenklich ist, wenn Patienten die Einnahme von Psychopharmaka mit dem Trinken zu großer Mengen Alkohols verbinden.

In Deutschland trinkt etwa jeder siebte ältere Patienten, der Psychopharmaka einnimmt, täglich Alkohol.
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Die Kombination von Psychopharmaka mit Alkohol ist bei älteren Menschen gar nicht so selten, wie eine Studie von Wissenschaftlern des Robert-Koch-Instituts ergeben hat: Danach trinkt in Deutschland etwa jeder siebte ältere Patienten, der Psychopharmaka einnimmt, täglich Alkohol oder riskante Mengen.

Nach den Daten der Berliner Altersstudie haben etwa 90 Prozent der über 70-Jährigen mindestens eine Erkrankung und etwa ein Drittel sogar mindestens fünf Erkrankungen, bei denen eine Behandlung nötig ist; diese Multimorbidität gehe meist mit einer Polypharmazie einher, definiert als „gleichzeitige Gabe von mehr als fünf Arzneimitteln. Damit steigt das Risiko für Wechselwirkungen.

Was bei alten Menschen zunehme, sei auch der Alkohol-Konsum zu, schreibt der dänische Gerontopsychiater Dr. Dirk K. Wolter; insbesondere wachse „die Zahl von Senioren mit riskantem Konsum“. Trotz der bekannten Risiken würden Alkoholprobleme bei älteren Menschen „aber nach wie vor häufig übersehen, fehlinterpretiert oder bagatellisiert“, kritisiert Wolter.

Als besonders riskant einzustufen ist die Kombination von psychotropen Medikamenten mit Alkohol. Die Gründe sind bekannt: So können zum Beispiel unerwünschte Nebenwirkungen der Psychopharma durch den Alkohol verstärkt werden, die Gefahr von Stürzen und Unfällen kann steigen, um nur ein paar Gründe zu nennen.

Die RKI-Wissenschaftler wollten nun herausfinden, wie häufig ältere Menschen Psychopharmka einnehmen und dennoch Alkohol trinkenb. Für ihre Publikation im „BMJ Open“ befragten die Autoren um Yong Du zwischen 2008 und 2011 insgesamt 1277 Frauen und 1231 Männer im Alter von 60 bis 79 Jahren zur Einnahme von Medikamenten in den sieben Tagen vor der Erhebung. Außerdem sollten die Teilnehmer angeben, wie viel Alkohol sie in den 12 Monaten zuvor getrunken hatten und wie oft. Hier die Ergebnisse:

• 21,4 Prozent aller Teilnehmer hatten in der Woche vor der Erhebung Psychopharmaka eingenommen.

• Knapp 70 Prozent der Teilnehmer hatten moderate Mengen an Alkohol getrunken, 17,0 Prozent riskante Mengen (Definition: bei Frauen zehn Gramm Alkohol pro Tag, bei Männern 20 Gramm täglich).

• 51,0 Prozent der Teilnehmer gaben an, mindestens einmal wöchentlich Alkohol konsumiert zu haben, 18,4 Prozent täglich.

• Knapp 46 Prozent der Befragten, die Psychopharmaka eingenommen hatten, hatten mindestens einmal wöchentlich Alkohol getrunken, 12,9 Prozent täglich. Fast 63 Prozent der Teilnehmer mit Psychopharmaka-Therapie hatten moderate Mengen an Alkohol getrunken, rund 14 Prozent riskante Mengen.

• 2,8 Prozent der Teilnehmer kombinierten täglich Psychopharmaka mit alkoholischen Getränken.

• Nach Angaben der Autoren könnte es sein, dass der Alkohol-Konsum noch häufiger sei, etwa weil Teilnehmer solcher Befragungen dazu neigen, das „Erwünschte“ anzugeben.

• Die am häufigsten verwendeten Psychopharmaka waren Antidpressiva gefolgt von Antidementiva.

Aufgrund der Ergebnisse ihrer Untersuchung empfehlen die Autoren, dass insbesondere bei „vulnerablen“ Personen, etwa Patienten mit Multimedikation, verstärkt auf den Konsum alkoholischer Getränke geachtet wird.

Weniger alkohol-bedingte Todesfälle, aber weiter Handlungsbedarf

Die alkohol-bedingte Mortalität in Deutschland ist rückläufig. Da jedoch Deutschland international einen relativ hohen Verbrauch alkoholischer Getränke aufweise, bestehe weiterhin Handlungsbedarf, schreiben Epidemiologen des Robert-Koch-Instituts im „Journal of Health Monitoring“.

Nach Angaben der Autoren wurde 2014 in Deutschland bei 14.095 gestorbenen Erwachsenen eine alkohol-bedingte Erkrankung als Todesursache festgestellt. Damit seien 20,8 von 100.000 Einwohnern ab 18 Jahren an einer direkt mit dem Alkoholkonsum assoziierten Erkrankung gestorben. Männer seien deutlich häufiger von alkoholbedingten Todesursachen betroffen als Frauen: Nahezu drei Viertel dieser Todesfälle entfielen auf Männer.

Überdurchschnittlich ausgeprägt sei die alkoholbedingte Sterblichkeit in den neuen Ländern, aber auch in Bremen. Zudem sei die Sterblichkeit aufgrund alkoholbedingter Störungen stark altersassoziiert. Insgesamt zeige sich ein nennenswerter Anstieg erst in der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen. Danach nehme die alkohol-bedingte Sterblichkeit stark zu und erreiche einen Höhepunkt in der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen. Bei diesen liege die alkohol-bedingte Sterblichkeit bei 20,2 pro 100.000 Einwohnerinnen bei den Frauen und bei 65,4 pro 100.000 Einwohnern bei den Männern. Mit dem altersbedingten Anstieg in der Sterblichkeit nehme also auch der Geschlechter-Unterschied zulasten der Männer deutlich zu. Besonders in jüngeren Jahrgängen unterschieden sich Frauen und Männer in der alkohol-bedingten Sterblichkeit hingegen nur wenig voneinander.

Im Zeitverlauf zeige sich ein Rückgang der alkohol-bedingten Mortalität in Deutschland. Bezogen auf alle Altersgruppen (ab 0 Jahren) seien bei Männern die altersstandardisierten Raten von 29,1 Sterbefällen pro 100.000 Einwohnern im Jahr 1998 auf 20,1 im Jahr 2014 zurückgegangen. Auf niedrigerem Niveau sei der entsprechende Rückgang von 9,0 auf 6,5 Sterbefälle bei Frauen schwächer ausgefallen. Auch der Anteil an Personen, die in riskanten Mengen Alkohol konsumierten, habe in den letzten drei Jahrzehnten abgenommen. Grundsätzlich seien in Deutschland damit positive Entwicklungen im Sinne der nationalen und internationalen Zielvorgaben zu verzeichnen. Da Deutschland aber nach wie vor zu jenem Viertel der OECD-Mitgliedsstaaten mit dem höchsten Pro- Kopf-Verbrauch an Alkohol zähle, und auch weltweit einen relativ hohen Konsum aufweise, bestehe weiterhin Handlungsbedarf.



Hinweise auf Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit bei älteren Menschen

- sozialer Rückzug,

- Verlust von Antrieb und Interesse,

- Depressivität,

- Schlafstörungen,

- Nachlassen der geistigen Leistungskraft,

- Vernachlässigung der (Körper-)Hygiene,

- Gangunsicherheit/Stürze,

- Verletzungen/Blutergüsse,

- Notarztbesuche/Notaufnahme,

-Magen-Darm-Probleme/Durchfall,

- Inkontinenz,

-Mangelernährung/Körpergewichtsverlust,

- Bluthochdruck,

- Hyperurikämie und instabiler Diabetes mellitus 

Jan 11, 2016, 8:54:45 AM, Autor: Dr. med. Thomas Kron