Aktuelle Analyse

In publizierten Studien werden Nebenwirkungen eher „unter den Tisch gekehrt“

Der Rat, publizierten Studien-Daten mit einer Portion Skepsis zu begegnen, wird nun durch eine weitere systematische Analyse von veröffentlichten wie unveröffentlichten Studien gestützt. Nach der im Online-Fachmagazin „PLOS Medicine“ erschienenen Analyse britischer Wissenschaftler um Dr. Su Golder (Universität von York) enthalten veröffentlichte Studien und Metaanalysen deutlich weniger Informationen über Nebenwirkungen von Therapien als unveröffentlichte Studien.


Erscheint eine Studie zum Beispiel in einer Fachzeitschrift, enthält sie oft weniger Informationen über Nebenwirkungen als unveröffentlichte Studien, ergab eine Analyse.
© Christian Müller

Es gebe, so die Autoren, gute „Evidenz“ dafür, dass viele Informationen und Erkenntnisse zu unerwünschten Wirkungen medizinischer Maßnahmen nicht publiziert würden; auch seien Zahl und Spektrum der Nebenwirkungen in unveröffentlichten Studien deutlich größer.

Auf ein anderes, allerdings nicht unähnliches „Problem“ haben erst kürzlich auch andere Studien-Experten hingewiesen. Ihre Analyse ergab, wie berichtet, dass so manche Studie vermutlich mehr Marketing-Interessen diene und weniger dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Selbst die Publikation in einem renommierten Fachblatt scheint hier keinen hundertprozentigen Schutz zu gewährleisten, wie die Analyse von randomisierten und kontrollierten Studien gezeigt hat, die 2011 in international anerkannten „Journals“ erschienen sind („Trials“).

Die Autoren der Analyse sind als „Kritiker“- insbesondere von Studien der pharmazeutischen Industrie - nicht unbekannt. Es handelte sich unter anderen um Carl Heneghan, Professor für Evidenzbasierte Medizin an der Universität von Oxford, um Dr. Fiona Godlee, Chefredakteurin des „British Medical Journal“, ihre Kollegin Sara Schroter, um Dr. Rafael Perera, der das „BMJ“ bei Statistik-Themen berät, um den „BMJ“-Kolumnisten Dr. Richard Lehman und um Joseph Solomon Ross, Professor an der Yale-Universität in New Haven und „Associate Editor“ des Fachmagazins „JAMA Internal Medicine“. Erstautorin der aktuellen Analyse war Dr. Virginia Barbour, bis 2013 Chefredakteurin von „PLOS Medicine“ und weiterhin in verantwortlicher Position bei „PLOS“. Fiona Godlee wie auch Virginia Barbour wurden von der Bewertung jener Studien ausgeschlossen, die in den von ihnen verantworteten Fachmagazinen erschienen waren. Ausgewertet wurden insgesamt 194 Studien aus folgenden sechs Fachblättern:

•    „Annals of Internal Medicine“ (n = 5)

•    „JAMA“ (n = 20)

•    „PLOS Medicine“ (n = 4)

•    „British Medical Journal“ (n = 15)

•    „New England Journal of Medicine“ (n = 92)

•    „The Lancet“ (n = 58).

Die Studien wurden zunächst von sechs Autoren unabhängig voneinander bewertet, allerdings ohne Verblindung hinsichtlich des Publikationsorgans. Aufgabe war, die Studien anhand von sechs zuvor definierten Merkmalen zu charakterisieren als

•    „Marketing-Studien“ („Ja“)

•    „Vielleicht-Marketing-Studien“ („Vielleicht“) und

•    als „Nicht-Marketing-Studien“ („Nein“).

Danach wurde ein Konsens formuliert.

Hier die sechs Merkmale, die nach Angaben der Autoren für eine „Marketing-Studie“ sprechen: starke Mitwirkung des Herstellers am Studien-Design, an der Daten-Analyse, am Studien-Bericht, an der Rekrutierung weniger Patienten von einer großen Zahl von Kliniken bei einer häufigen Erkrankung, obgleich es kein Problem gewesen wäre, eine ausreichend große Zahl von Patienten aus wenigen Kliniken zu gewinnen; irreführende Studien-Abstracts, die keine klinisch relevanten Befunde enthalten und Schlussfolgerungen, die sich auf sekundäre Endpunkte und Surrogatparameter konzentrieren.

Eine Studie galt dann als verdächtig, eine „Marketing-Studie“ zu sein, wenn mindestens vier der sechs Merkmale zutrafen. Studien, bei denen mindestens drei Merkmale als nicht erfüllt galten, wurden als „Nicht-Marketing-Studien“ bewertet. Als eine „Vielleicht-Marketing-Studie“ galt eine Studie dann, wenn weniger als drei Merkmale als nicht erfüllt und weniger als vier als erfüllt galten.

Hier die Ergebnisse: 41 der 194 Studien (21 Prozent) wurden als „Marketing-Studien“ beurteilt, 14 (sieben Prozent) als „Vielleicht-Marketing-Studien“ und 139 (72 Prozent) als „Nicht-Marketing-Studien“. Alle 55 Studien mit einem „Ja“ oder „Vielleicht“ waren von einem Hersteller finanziert worden. Bei den „Nicht-Marketing-Studien“ betrug dieser Anteil hingegen nur 37 Prozent.

Dass publizierte Studien, die Unternehmen finanziert haben, in der Regel zu Gunsten des Sponsors verzerrt sind, wird sicher nicht ganz zu Unrecht immer wider kritisiert. Aber ganz so simpel, wie immer wieder vermutet, ist es eben nicht: Eine Metaanalyse von Statin-Studien, die nicht von einem Arzneimittelhersteller oder einer Industrie-Organisation finanziert wurde, ergab zumindest keine Belege für einen solchen Zusammenhang zwischen Sponsor und Studien-Ergebnis („British Medical Journal“).

Das Autoren-Team um Professor Tony Ades (Universität von Bristol) ging der Frage nach, ob die beobachteten Unterschiede in placebo-kontrollierten Statin-Studien sowie in direkten Vergleichs-Studien von Lipidsenkern in einem Zusammenhang mit dem Sponsor der Studie stehen oder ob nicht Unterschiede in der Effektivität der Wirkstoffe und die jeweiligen Dosierungen die relevanten Parameter sind. Ausgewertet wurden 183 randomisierte und kontrollierte Studien, darunter 146, die von einem pharmazeutischen Unternehmen finanziert wurden.

Nach Angaben der Autoren gab es keine statistisch signifikanten Unterschiede beim Ausmaß der LDL-C-Senkung zwischen industrie-finanzieren Studien und Studien ohne Industrie-Finanzier. Die Differenzen bei der LDL-C-Senkung seien auf Unterschiede der Effektivität der Statine und der Dosierungen zurückzuführen, schlussfolgerten die Autoren.

Dass es mit dem Zusammenhang zwischen Sponsoring und Studien-Result nicht ganz so simpel wie oft vermutet ist, zeigt auch eine Untersuchung, die im „JAMA Internal Medicine“ publiziert wurde. Es komme zum Beispiel darauf an, ob der Finanzier nur zahle oder ob er auch Design, Daten-Analyse und Publikation mit seinen Ideen bereichere, berichteten Wissenschaftler um Dr. Nitin Roper („Weill Cornell Medical College“ in New York) im Fachmagazin „JAMA Internal Medicine“.

Das Team um Roper wertete 219 Beiträge aus zehn Fachmagazinen mit einem Impact-Factor von mehr als 11 aus; Voraussetzungen waren selbstverständlich Angaben zum Finanzier und zu seiner genauen Rolle, ob er also nur finanziert hatte oder auch an der formalen wie inhaltlichen Gestaltung beteiligt gewesen war. In solchen Fällen sprachen die Autoren von Finanzierung plus Zusammenarbeit.

Bei 86 Studien (39 Prozent) gab es eine solche „Kollaboration“ mit dem Sponsor, bei 66 Studien (30 Prozent) beschränkte sich der Industrie-Sponsor auf die Finanzierung, bei 67 Studien gab es weder Geld von einem Unternehmen noch eine Zusammenarbeit.

Die Analyse der Studien ergab, dass Studien mit Industrie-Finanzierung plus Zusammenarbeit häufiger ein für den Geldgeber positives Resultat beim primären Endpunkt hatten als Studien mit alleiniger oder ohne Industrie-Finanzierung (69,8 versus 52,2 Prozent). Zudem wurden in solchen Studien häufiger Surrogat-Parameter als primäre Endpunkte verwendet (51,2 versus 16,4 Prozent), die so genannten „Grenzen“ der Studie hingegen seltener diskutiert (40,7 versus 58,2 Prozent). Keine solche Unterschiede wurden zwischen Studien mit und ohne Industrie-Sponsor festgestellt.

Nicht untersucht wurde, ob es auch solche Zusammenhänge zwischen Finanzier und Studien-Resultaten gibt, wenn das Geld und „Ideen“ von einem Nicht-Industrie-Sponsor kommen, etwa staatlichen Institutionen, Versicherungen oder Krankenkassen.

Auch in einer 2013 veröffentlichten Analyse von über 500 klinischen Studien wurde entgegen der überwiegenden Vermutung kein Zusammenhang zwischen Resultat und ökonomischen Interessen festgestellt. Es seien keine Belege dafür gefunden worden, dass finanzielle Interessenkonflikte oder die Finanzierungsquelle die Resultate beeinflusst hätten, so damals das Autorenteam um Professor Michael E. Farkouh („Mount Sinai School of Medicine“ in New York) im „Journal of the American College of Cardiology“).

Ausgewertet wurden 550 Berichte über kontrollierte Studien aus der Herz-Kreislauf-Medizin, die zwischen Januar 2000 und April 2008 in drei Fachzeitschriften mit hohem „Impact Factor“ erschienen waren („The New England Journal of Medicine“, „Lancet“ und „Journal of the American Medical Association“). Bei 538 der 550 Publikationen wurde die Sponsoren angegeben (so genannte „Non-Profit-Organisationen und Industrie). Bei etwas mehr als der Hälfte - 51,1 Prozent - lagen finanzielle Interessenkonflikte vor. Solche „Konflikte“ gab es erwartungsgemäß am ehesten bei Autoren von Studien, die von Unternehmen bezahlt worden waren. Nach Angaben der Autoren waren Studien-Resultate von Autoren mit finanziellen Interessenkonflikten nicht häufiger positiv als von Autoren ohne.

Sep 28, 2016, 10:23:12 AM, Autor: Dr. med. Thomas Kron