Moderne Wundbehandlung

Ein Plädoyer für Honig

Honig ist ein Naturprodukt, das seit langem unter anderem zur Wundheilung verwendet wird. In einem aktuellen Beitrag haben nun die Ärztin und Kosmetikern Angela Sänger sowie Kollegen der Universität Witten/Herdecke den Stellenwert von Honig in der modernen Wundbehandlung erläutert. Das Fazit der Autoren in Kürze: Honig sei für alle Arten von Wunden einsetzbar.



Honig erfüllt die Anforderungen der modernen Wundbehandlung, so die Autoren.
© Wikipedia
Er könne außer „akuten Wunden auch chronische Wunden wieder in Heilung bringen“. Honig erfülle die Anforderungen der modernen Wundbehandlung, schreiben Sänger ihre Mitautoren. Was sind nun nach ihren Angaben die Pluspunkte von Honig für die behandlung von Wunden?

Honig stelle, so Sänger, für Mikroorganismen „durch seine Zähflüssigkeit eine fast unüberwindliche Barriere dar“. Es könnten keine Bakterien von außen in die Wunde gelangen. Honig besitze zudem eine schlechte Wärmeleitfähigkeit, wodurch die Wunde gegen äußere Temperatureinflüsse gut isoliert werde. Durch seine hygroskopische Eigenschaft sei das Naturprodukt prädestiniert, „Wundsekret aufzunehmen, ohne die Wunde auszutrocknen“. Honig könne, je nach Beschaffenheit der Wunde, Wasser aufnehmen oder abgeben. Es werde somit ein „feuchtes ideales Wundmilieu konstant aufrechterhalten“, zusätzlich werde „unter dem Einfluss von Honig das Wundödem reduziert“.

Schmerzen würden „unter Honig-Therapie deutlich stärker abnehmen als unter Behandlungen mit Silbersulfadiazin oder Zucker“. Es gebe zwar Untersuchungen, deren Autoren zu einem anderen Ergebnis gelangt seien. Doch in diesen Studien sei „kein natürlicher Honig verwendet worden, sondern pharmakologisch veränderter Honig“. Solche „pharmakologischen“ Honig-Produkte enthielten jedoch häufig eine „hohe Konzentration an zelltoxischem Methylglyoxal, welches starke Schmerzreaktionen auslösen kann, die häufig zum Behandlungsabbruch führen“.

Durch seinen niedrigen pH-Wert von 3,5–5,5 fördere Honig das saure Milieu eines okklusiven Verbandes und rege dadurch die Kapillarneubildung und die Fibroblastenaktivität an. Durch den Anstieg der Durchblutung mit verbessertem Sauerstoffangebot werde schneller Granulationsgewebe gebildet und die Epithelisierung gefördert. Sogar chronische Wunden könnten „möglicherweise ihre Heilungstendenz wieder aufnehmen“.

Darüber hinaus erleichtere Honig den Verbandswechsel. Der Honig-Verband klebe nicht am frischen Granulationsgewebe fest, sondern lasse sich schmerzfrei erneuern, wodurch die Wunde beim Verbandwechsel geschont werde.

Ein Schwachpunkt bei Wundverbänden mit Honig könnten mögliche Allergien auf Honig oder Honig-Bestandteile sein. Bei einem „naturbelassenen Honig“ sei das Nebenwirkungsrisiko jedoch deutlich geringer als bei stark veränderten Honigen, schreiben die Autoren. Honig führe nicht zur Mazeration der Wundränder. Eine systemische Nebenwirkung sei nicht bekannt, der Blutglukose-Spiegel werde nicht beeinträchtigt.

Da Honig nicht steril sei, werde befürchtet, es könne ein Wundbotulismus ausgelöst werden. Bisher ist aber laut Sänger und ihren Kollegen „kein einziger Fall von Wundbotulismus durch Honig beschrieben worden“. Dennoch bestehe „gerade bei tiefen Wunden mit Taschen die theoretische Möglichkeit einer Sporenauskeimung im anaeroben Milieu“. Aber: „Selbst wenn Sporen bei fortgesetzter Honigbehandlung auskeimen würden, wären anschließend die Bakterien im Honig nicht überlebensfähig“.

Für die Behandlung unkomplizierter Wunde ist nach Angaben von Sänger „jeder naturbelassene Imkerhonig als Auflage geeignet“. Bei komplizierten, chronisch infizierten Wunden sollte jedoch ein „Honig-Antibiogramm mit mehreren Honigsorten“ erstellt werden, um den geeignetsten Honig zu bestimmen. Bei Wunden mit möglicher Taschenbildung oder bei immungeschwächten Patienten empfehlen die Autoren, sterilen Honig zu verwenden.

19.10.2015 13:41:28, Autor: Dr. med. Thomas Kron