Rheumatologie-Kongress in Bremen

„Wir müssen erstmal sortieren, was wir unter Arthrose verstehen“

In Bremen trafen sich von Donnerstag bis heute rund 2.500 Rheuma-Experten zum 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh). Die Fachleute diskutierten unter anderem wie der Verlust des Knorpels schon früh erkannt und wie eine Arthrose in Zukunft therapiert werden kann. Der änd sprach darüber mit Dr. Ingo Arnold, Tagungspräsident der mitveranstaltenden Deutschen Gesellschaft für Orthopädische Rheumatologie (DGORh) und Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und operative Rheumatologie im Roten Kreuz Krankenhaus Bremen.

Arnold mit Patientin im Rotes Kreuz Krankenhaus in Bremen: "Wir kommen mit der Diagnosestellung oft zu spät."
DGOR
Herr Dr. Arnold, Sie haben am Freitag eine Veranstaltung geleitet, die den Titel hatte „Arthrose - Kommen wir jetzt endlich weiter?“. Wie fällt Ihre Antwort nun aus? Kommen wir weiter und, wenn ja, wie?

Lassen Sie es mich vorsichtig formulieren: Wir sind bei der Arthrose längst noch nicht so weit wie bei der Rheumatherapie. Die Arthrose ist ein komplexer molekularer Prozess, der sich nicht auf eine Ursache allein reduzieren lässt. Dabei verändert sich der Stoffwechsel der Knorpelzellen. Die Zellen verlieren so ihre normalen Zellteilungseigenschaften und auch ihr Vermögen, bestimmte Syntheseleistungen zu erbringen. Im Grunde müssen wir erstmal sortieren, was wir unter Arthrose verstehen, um Vergleichbarkeit herstellen zu können. Es gibt nicht die eine Arthroseform und nicht die eine Ursache. Wir müssen von der Überlegung wegkommen, dass Arthrose eine reine Verschleißkrankheit ist. Verschleiß ist ein Teilaspekt, der unter Umständen zutreffen kann – Stichwort „Übergewicht“, Stichwort „Kniegelenk“. Das trifft aber weit weniger zu für die Hüfte und kaum für das obere Sprunggelenk. Ein zweiter ursächlicher Faktor, über den es mehr und mehr Erkenntnisse gibt und der den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Arthrose auf eine andere Weise zeigt, sind schleichende Entzündungsvorgänge. Von den Adipozyten werden Botenstoffe freigesetzt, die einen schädigenden Einfluss auf die Knorpelzellen ausüben können. Ein gutes Beispiel dafür ist die Osteoarthrose der Hand. Sie tritt unabhängig von der Belastung häufiger bei Frauen auf – genetische und hormonelle Einflüsse könnten also eine Rolle spielen – und hat eine klare Assoziation zu Übergewicht.

Eine weitere Erkenntnis: Wir sehen zunehmend eine Koinzidenz bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Arteriosklerose im Bereich der Halsschlagader geht zum Beispiel oft einher mit einer Arthrose im Bereich der Fingerendgelenke. Auch dabei spielen also offensichtlich noch ganz andere Mechanismen – auch auf der Entzündungsebene – eine Rolle, die arthrosewirksam sein können. Dieses Krankheitsbild ist also sehr vielschichtig und das macht die Wahl der Therapiestrategie so schwer.

Der Therapieerfolg hängt ja auch von der rechzeitigen Diagnose ab. Wie kommt man eher zu einer Diagnose?

Das ist ein weiteres Problem. Wir kommen mit der Diagnosestellung oft viel zu spät. Wenn wir ein Röntgenbild haben und Veränderungen erkennen, dann sind diese Veränderungen Ausdruck weit fortgeschrittener Abläufe. Neue bildgebende Verfahren könnten helfen. Es gibt beispielsweise inzwischen die Möglichkeit mithilfe einer speziellen MRT-Technik unter Verwendung von Kontrastmitteln Stoffwechselvorgänge im Knorpel darzustellen (dGEMRIC, für: delayed gadoliniumenhanced MRI of cartilage; die Red.). Damit kann man den Glykosaminoglykan-Gehalt darstellen und eine Aussage über die Qualität des Knorpels machen. Derzeit ist die Technik noch sehr teuer und wird nicht im Routinebetrieb angewendet. Wir gehen aber davon aus, dass diese neuen Verfahren den Patienten schon in zwei bis drei Jahren zur Verfügung stehen könnten. Ein anderes Verfahren ist die Nah-Infrarot-Spektroskopie (NIR, für: Near Infra Red: die Red.). Damit haben wir die Möglichkeit den Knorpel auf molekularer Ebene besser zu untersuchen und seine Konsistenz objektiver zu beurteilen. Eine koreanische Arbeitsgruppe setzt zusätzlich noch ein Kontrastmittel ein, das die Aussagekraft der Methode noch erhöhen soll. Das ist aber noch Zukunftsmusik und in den Kliniken nicht etabliert.

Apropos Zukunft. Welche neuen Therapien sind denn am Horizont sichtbar geworden? Wird die Arthrose heilbar in den kommenden fünf bis zehn Jahren?

Die Perspektive für die kommenden fünf Jahre sieht nicht gut aus. Schaut man zurück, muss man sagen: in den vergangenen zehn Jahren hat sich - was die medikamentöse Therapie betrifft, eigentlich nichts geändert. Hoffnung machen die so genannten Bisphosphonate, Medikamente, die im Zusammenhang mit der Osteoporose eingesetzt werden. Wir müssen das Gelenk als Ganzes betrachten und nicht nur den Knorpel. Der Knochen bildet die Grundlage. Beide tauschen sich über Botenstoffe und Signalkaskaden aus. Die Bisphosphonate kann man bei Knochenmarködemen einsetzen und so wieder einen besseren Untergrund für den Knorpel schaffen. Es gibt allerdings zur Zeit noch keine Studie, die belegt, dass sich durch Verwendung der Bisphosphonate der Knorpel auch verbessert. Ein anderer Ansatz sind Stammzellen. Stammzellforschung findet nur in wenigen Zentren statt. Eine aktuelle Studie, an der Kollegen aus Berlin, Würzburg und Frankreich beteiligt sind, behandelt 25 Patienten mit Stammzellen, die ins Kniegelenk gespritzt werden. Die ersten Vorabdaten, die präsentiert wurden, waren sehr gut.


Mehr Infos:

43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh), gleichzeitig auch 29. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädische Rheumatologie (DGORh) und 25. Jahrestagung der Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie (GKJR).


05.09.2015 08:16:18, Autor: js