Buchkritik

Digital Junkies

Bert te Wildt: Digital Junkies – Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder Droemer, 2015. 19,99 Euro
Mit dem Internet ist es wie mit einem guten Schluck Wein: In Maßen genossen, kann der Nutzen durchaus positiv sein. Konsumiert man aber zu viel davon, nehmen Körper und Geist schnell Schaden. Das Internet macht unser Leben einfacher und ist auch nicht mehr wegzudenken – Stichwort E-Mail. Aber immer mehr Menschen sind inzwischen dauer-online, können gar nicht mehr ohne Computer, Tablet und Smartphone existieren. Wenn das virtuelle Leben wichtiger wird als die gelebte Realität, spricht man inzwischen von einer Internetabhängigkeit. Der Arzt und Psychotherapeut Bert te Wildt ist auf diesem Suchtgebiet der führende Experte in Deutschland, der zum Beispiel die erste Ambulanz für Onlineabhängige ins Leben rief und der jetzt mit „Digital Junkies“ ein höchst aktuelles und aufrüttelndes Buch zum Thema vorlegt.

Internetsucht hat viele Gesichter. Die drei Bereiche mit dem größten Abhängigkeitsrisiko sind Onlinespiele, Cybersex und soziale Netzwerke. Mit erschreckenden Beispielen macht te Wildt deutlich, welch gravierende Auswirkungen es haben kann, wenn ein Mensch täglich zehn Stunden oder mehr vor dem Bildschirm hockt, um seine Sucht zu befriedigen: Bei Pornosüchtigen gehen Beziehungen in die Brüche oder sie verlieren ihren Arbeitsplatz; wer sich nur noch in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Co. aufhält, vernachlässigt reale Freundschaften und vereinsamt zusehends; und die Online-Gamer isolieren sich nicht nur von der Realität, sondern auch noch von sich selbst, weil sie ihre Identität ihrer erfundenen Rollenfigur opfern.

Was wie die Darstellung einiger weniger Extreme anmutet, ist in Deutschland schon längst gelebter Alltag. Immer mehr Kinder und Jugendliche verbringen viel zu viel Zeit vor dem Bildschirm. Während Jungs sich vor allem in Spiele vertiefen, hängen die Mädchen in sozialen Netzwerken herum. Te Wildt erklärt in seinem Buch, wann aus Leidenschaft Abhängigkeit wird, wie man diese erkennt – und was man dagegen tun kann. Generell wird „Medienhygiene“ bei ihm ganz großgeschrieben – dabei verteufelt er das Internet aber nicht, sondern plädiert dafür, es sogar für bestimmte Therapieverfahren gezielt einzusetzen. Diese offene und vorurteilsfreie Denkweise, die trotzdem alle Gefahren und Onlinefallen für die Gesellschaft aufzeigt, macht sein Buch zu einem eindringlichen Appell für mehr wirkliches Leben.

17.07.2015 11:06:04, Autor: Nicole Korzonnek / durchblick gesundheit Juli-September 2015