Internationaler Tag der Pflege 2015

Warum chronische Wunden immer noch ein Problem sind

Chronische Wunden sind ein Problem in Deutschland. Ärzte sind an dieser Situation nicht ganz unbeteiligt, meint Prof. Dr. Matthias Augustin, Direktor des Instituts für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Es gebe viele Ansätze für den Einsatz von Phagen, aber auch viele regulatorische Probleme, sagt Augustin. © UKE
Herr Professor Augustin, warum ist die Behandlung von chronischen Wunden noch immer eine so große pflegerische Herausfordeung?

Wir haben zwar in den vergangenen 200 Jahren, vor allem in den letzten Dekaden, einen riesigen Zuwachs an Wissen erfahren über die Art und Weise, wie Wunden entstehen und wie sie behandelt werden sollten. Wir kommen aber häufig zu spät mit unserer Expertise. Wunden, zumindest die chronischen Wunden, sind Ausdruck jahrelanger, wenn nicht jahrzehntelanger Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes, Gefäßerkrankungen oder Durchblutungsstörungen. Wenn es soweit ist, dass chronische Wunden auftreten, hat man schon viele Therapiechancen verpasst. Es wäre daher schon viel gewonnen, wenn die bekannten Therapieverfahren auch tatsächlich eingesetzt werden. Das beste Beispiel für diesen Missstand ist die Kompressionstherapie.

Im Bereich der Kausaltherapie von chronischen Wunden gibt es aber auch tatsächlich viel Neues: Die chirurgischen Interventionsmöglichkeiten werden von Jahr zu Jahr besser. Man kann die gestörte Durchblutung in den Beinen heute durch gefäßchirurgische Maßnahmen – so genannte Endoluminalverfahren – bis in die Fußarterien hinein verbessern. Das war vor fünf Jahren kaum möglich und vor zehn Jahren undenkbar. Auch physikalische Verfahren wie die Elektrostimulation wurden weiter entwickelt. Dabei werden Wunden mit Strom behandelt. Das fördert die Vermehrungsrate der Zellen, so dass die Wunden besser heilen. Bei immunologischen Wunden, die beispielsweise durch Autoimmunerkrankungen auftreten, helfen inzwischen Biologika.

Eine Veranstaltung beim Deutschen Wundkongress in der vergangenen Woche in Bremen hatte den Titel „Wie wickelt Deutschland?“. Sie haben die Organisation der Veranstaltung als Beiratsmitglied begleitet. Was ist denn so schwer daran, Kompressionsverbände richtig anzulegen?

Wir am UKE haben dazu mehrere Studien gemacht, so dass ich Ihnen dazu aus erster Hand Daten nennen kann. Wickeln im Sinne von Kompressionsbandagierungen ist nötig bei denjenigen Wunden, die als Folge einer Venenschwäche entstehen: den so genannten venösen Unterschenkelgeschwüren. Dabei gibt es aber zwei Riesenprobleme: In der Mehrheit der Fälle bekommen die Betroffenen gar keine Kompressionstherapie. Bundesweit erhalten nur etwa 40 Prozent der Betroffenen diese sehr einfache, aber effektive Therapie. Dadurch verlängern sich die Abheilungszeiten und manche Wunden bleiben über Jahre oder Jahrzehnte offen. Das ist schlichtweg Ausdruck einer nicht Leitlinien gerecht durchgeführten Therapie. Hier stehen vor allem die Ärzte in der Kritik, die ja die Aufgabe der Verordnung haben, nicht die Pflegenden. Wenn eine Bandagierung verordnet wurde - anfangs nimmt man in der Regel Bandagen, später auch Kompressionsstrümpfe - muss das natürlich auch richtig gemacht werden. Das Bandagieren machen aber Viele falsch, auch viele Pflegende, die sich in der Materie auskennen. Es wird nicht mit dem Druck gewickelt, der nötig wäre, um eine Entstauung herbeizuführen.

Was ist der Grund dafür, dass viele Ärzte keine Kompressionstherapie verordnen?

Wenn ich das genau wüsste! Wir haben anhand der Krankenkassendaten von neun Millionen Versicherten Gewissheit, dass die Kompressionstherapie zu wenig verordnet wird. Man sieht anhand der Daten auch regionale Unterschiede. Im Norden – vor allem in Bremen und Hamburg – wird die Kompressionstherapie viel häufiger gemacht als anderswo. Eine Rolle spielt dabei, denke ich, dass viele Ärzte nicht gut genug geschult sind im Krankheitsbild der venös bedingten Ulcera. Ein Problem könnte auch sein, dass Krankenkassen zuweilen monieren, dass Hilfsmittel zu oft verordnet werden. Ärzte scheuen dann vielleicht davor zurück, Kompressionstherapien zu verordnen.

Eine große Herausforderung beim Wundmanagemeent stellen auch multiresistente Erreger dar. Für viele dieser Keime gibt es immer noch keine gut verträglichen Antibiotika. Müsste man neben organisatorischen Maßnahmen nicht die fast in Vergessenheit geratene Phagentherapie stärker fördern? Vor Erfindung der Antibiotika war das ja eine anerkannte Therapie.

Wir haben vor Jahren dazu sogar mal einen Experten aus Georgien, wo die Phagentherapie bis heute viel eingesetzt wird, zum Deutschen Wundkongress eingeladen. Ich sehe viele Ansätze für den Einsatz von Phagen. Es gibt aber viele regulatorische Probleme. Phagen sind in Deutschland nicht zugelassen und dürfen nur in Ausnahmefälle eingesetzt werden. Die rechtlichen Rahmenbedingungen erlauben auch keine schnelle Zulassung. Solange von der politischen Seite keine Bereitschaft da ist, die Rahmenbedingungen zu verbessern und die Forschung zu fördern, wird es die Phagentherapie schwer haben. Aus medizinischer Sicht ist sie eine vielversprechende Alternative, die vor allem auch noch billig ist.

12.05.2015 17:34:14, Autor: Interview: Arndt Petry