Mangelverwaltung – Ärzte fallen nicht vom Himmel

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Wie viele Ärzte dürfen in einem bestimmten Gebiet eine Arztpraxis betreiben? Das wird in Deutschland über ein kompliziertes Verfahren geregelt. Die sogenannte Bedarfsplanung wurde nun nach mehr als 20 Jahren überarbeitet und soll am 1. Juli 2013 in Kraft treten. Das Ziel: den Ärztemangel bekämpfen. Aber: Mehr geplante Stellen auf dem Papier bedeuten noch lange nicht, dass die medizinische Versorgung überall gesichert ist. Denn dafür braucht es immer noch Ärzte aus Fleisch und Blut.


Wenn sich mitten am Tag eine Menschenschlange bildet, befindet man sich beispielsweise in Brandenburg, wo die Leute für einen Arzttermin anstehen. So geschehen Anfang dieses Jahres, als in Rathenow eine neue Augenarztpraxis eröffnete. Mehr als 250 Patienten hatten sich zur Terminvergabe für die kommenden sechs Monate angestellt – manche bereits zwei Stunden, bevor die Sprechzeit begann. Schulkinder brachten den Wartenden heißen Tee, die lokalen Medien berichteten, verärgerte Patienten machten ihrem Ärger im Internet Luft: „Früher haben wir wegen Bananen anstehen müssen, heute sind es eben Arzttermine. Ein Armutszeugnis für die BRD“, sagte Karl Heinz Schwarze. Ein anderer Bürger schrieb: „Wäre es tatsächlich Kapitalismus, gäbe es keine Warteschlangen, sondern Augenärzte, die sich frei niederlassen können. Sie täten dies dann dort, wo ihre Leistungen nachgefragt werden.“

Die oberste Behörde der Kassenärzte, die Kassenärztliche Vereinigung (KV), erklärte, dass es im Havellandkreis neun Augenärzte gibt und damit sogar einen mehr als theoretisch benötigt. Der KV-Brandenburg-Pressesprecher Ralf Herre sagte der örtlichen Zeitung aber auch, dass dies nur rein rechnerisch stimme. Tatsächlich würden in Brandenburg überall Augenärzte fehlen, Wartezeiten von mehreren Monaten seien normal. „Die KV hofft, dass sich die Lage mit der neuen Bedarfsplanung, die am 1. Juli 2013 in Kraft treten soll, entspannt“, hieß es.

Die Bedarfsplanung gibt es in Deutschland seit 1977. Dabei wird das Bundesgebiet in Bereiche eingeteilt, die bisher meistens den Städten und Landkreisen entsprachen. Weil sich Regionen unterschiedlich entwickelt haben, Städte wachsen und ländliche Regionen unter Einwohnerschwund leiden, wurden die betrachteten Gebiete nun verkleinert. Die Zahl der Einwohner eines Gebiets wird jedoch nach wie vor der Zahl der vorhandenen Ärzte gegenübergestellt. Die Ärzte werden Gruppen, etwa Haus- und Fachärzten, zugeordnet. Es ergeben sich Verhältniszahlen, die beschreiben, wie viele Einwohner sich einen Arzt teilen, und es wird beurteilt, ob es in einem Gebiet zu viele oder zu wenige Ärzte gibt. Dazu gibt es Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses. In diesem hohen Gremium in Berlin sitzen verschiedene Funktionäre, etwa von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), an einem Tisch und entscheiden für mehr als 70 Millionen Versicherte, wie die medizinische Versorgung aussieht und wie viele Ärzte es wo geben soll. Dazu wurde jetzt die neue Richtlinie verabschiedet.

Josef Hecken, der Vorsitzende dieses Ausschusses, stellte nun rosige Zeiten in Aussicht. Nach seiner optimistischen Einschätzung könnten demnächst deutschlandweit 3.000 neue Hausärzte und knapp 1.400 neue Psychotherapeuten die Zulassung für eine eigene Praxis bekommen. Ein Grund ist, dass regionale Besonderheiten stärker berücksichtigt werden. In Schleswig-Holstein sind dies geografische Eigenheiten wie die Inseln oder Gebiete mit vielen älteren Menschen, die häufiger zum Arzt gehen müssen. Bisher sind auch sogenannte Mitversorgereffekte zwischen Stadt und Land kaum ins Gewicht gefallen. Was das bedeutet, erklärt die Chefin der KV Schleswig-Holstein, Dr. Monika Schliffke: „Patienten, die im Umland von Ballungsräumen leben, gehen zwar am Wohnort zu ihrem Hausarzt, fahren aber zum Facharzt in die Stadt.“ Solche Pendlerbewegungen und die Bedeutung der Städte für die ärztliche Versorgung ihres Umlandes werden nun stärker berücksichtigt.

Theoretisch bedeutet die neue Bedarfsplanung, dass es in unterversorgten Regionen mehr Arztpraxen geben wird. Das klingt gut. Praktisch bleibt das Problem, dass in den nächsten Jahren viele Ärzte in den Ruhestand gehen, aber nur schwer Nachfolger für ihre Praxen finden. Zudem hat eine Umfrage des Hartmannbundes ergeben, dass es jungen Ärzten wichtig ist, Beruf und Familie vereinbaren zu können. Bevor sie sich für einen Job in einer Region entscheiden, stellen sie sich Fragen wie „Findet mein Partner/meine Partnerin dort auch eine Arbeit?“, „Welche Möglichkeiten der Kinderbetreuung gibt es?“, „Wie sind die Lebensbedingungen?“. Während also die Macher der Reform davon ausgehen, die Versorgung künftig gerechter verteilen zu können, warnen andere vor zu hohen Erwartungen. „Nicht gut ist, dass es sich um Planstellen handelt, aber nicht um Personen“, sagte Dr. Schliffke. Schließlich nützt die Planung nichts, wenn niemand die frei werdenden Arztstellen besetzt. Damit auch die Menschen auf dem Land gut versorgt sind und nicht wie in Rathenow Schlange an der Arztpraxis stehen müssen, braucht es immer noch Menschen aus Fleisch und Blut.

Einigkeit herrscht daher in einem Punkt: Auch die komplizierteste Planung an Behördenschreibtischen kann den Mangel an qualifizierten Ärzten in Deutschland nicht beseitigen. Für Ärztefunktionäre wie Schliffke gibt es daher nur einen Weg: Die Niederlassung müsse für junge Nachwuchsmediziner wieder attraktiver werden. „Eine bessere Honorarsituation, der Abbau von Bürokratie und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf stehen dabei ganz oben auf der Liste.“

Jun 5, 2013, 2:34:00 PM, Autor: Anja Köhler / durchblick gesundheit April–Juni 2013