Antibiotikaresistenzen

„Wunderbare Waffe droht stumpf zu werden“

Anlässlich der von der WHO ausgerufenen „Weltantibiotikawoche“ haben die Initiatoren des Anfang 2017 gestarteten „ARena“-Projekts (Antibiotika-Resistenzentwicklung nachhaltig abwenden) erste Ergebnisse vorgestellt – und rufen die Niedergelassenen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika auf. Adressaten der großangelegten Aufklärungskampagne sind neben Öffentlichkeit und Patienten vor allem niedergelassene Ärzte und ihre Mitarbeiter.

Klären im Rahmen von "ARena" über Antibiotika und die Entstehung von Resistenzen auf (v. l.): Dr. Lutz Bader (KVB), Prof. Joachim Szecsenyi (aQua), Dr. Veit Wambach (Agentur deutscher Arztnetze) und Martin Steidler (AOK Bayern).
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„Jedes Jahr sterben in der EU rund 33.000 Menschen durch resistente Bakterien“, konstatierte Prof. Joachim Szecsenyi, Geschäftsführer des „Instituts für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen“ (aQua), am Montag in München. Die „wunderbare Waffe“ Antibiotikum drohe stumpf zu werden.

Die besorgniserregende Zahl stammt aus einer kürzlich in der Fachzeitschrift „The Lancet Infectious Diseases“ publizierten Studie: Nach Schätzungen eines internationalen Forscherteams um Alessandro Cassini von der EU-Gesundheitsbehörde ECDC im schwedischen Solna werden gut drei Viertel der EU-weiten Todesfälle durch resistente Keime durch (unsachgemäße) ambulante Antibiotika-Verordnungen verursacht. In Deutschland starben 2015 mehr als 2300 Menschen an einer entsprechenden Infektion. „Rund 80 Prozent aller Antibiotika werden ambulant eingesetzt“, so Szecsenyi. Deshalb sei es wichtig, sowohl die Patienten als auch die niedergelassenen Ärzten über einen verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika zu informieren.

194 Praxen verschiedener Fachrichtungen beteiligt

Das ARena-Projekt unter Leitung des aQua-Instituts und unter Beteiligung der „Agentur deutscher Arztnetze e. V.“, der AOK Bayern, Rheinland-Hamburg und dem AOK-Bundesverband sowie der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB), kooperiert aktuell mit 14 Arztnetzen in Bayern und Nordrhein-Westfalen. Diese setzen sich aus insgesamt 194 Arztpraxen der Fachrichtungen Allgemeinmedizin, Innere, HNO, Gynäkologie, Pneumologie, Pädiatrie und Urologie zusammen. Erkrankungen, auf die sich das Projekt fokussiert, sind Infektion der oberen Atemwege, akute Bronchitis, Sinusitis, Tonsillitis, Mittelohrentzündung, unkomplizierte Harnwegsinfektion und ambulant erworbene Lungenentzündung.

„Ärzte glauben, Erwartungshaltung der Patienten gerecht werden zu müssen“

Laut den Ergebnisse einer Ende 2017 im Rahmen von „ARena“ durchgeführten schriftlichen Befragung in 51 bayerischen Arztpraxen erhofften sich 19 Prozent der Patienten vom Arztbesuch ein Antibiotikum, 12 Prozent baten direkt um ein Rezept. „Viele Ärzte glauben, der Erwartungshaltung der Patienten gerecht werden zu müssen“, sagte Szecsenyi. Die Kampagne solle die Niedergelassenen und ihre Mitarbeiter auch in der „sehr schwierigen Kommunikation mit den Patienten“ unterstützen. Wichtige Bausteine seien zum Beispiel E-Learning, Schulungen, Softwaretools, Qualitätszirkel und die Versorgung der Praxen mit Informationsmaterial wie Flyern und Plakaten.

Allerdings, so der aQua-Geschäftsführer, habe die Patientenbefragung auch offengelegt, dass insgesamt deutlich mehr als nur die „fordernden“ Patienten, nämlich 25 Prozent, ein Antibiotikum verschrieben bekommen hätten.

Feedback-Berichte für Praxen sollen Verordnungsverhalten optimieren

Dr. Veit Wambach, Vorstandsvorsitzender der „Agentur deutscher Arztnetze e. V.“, betonte, alle am ARena-Projekt teilnehmenden Arztpraxen erhielten einen ausführlichen Feedback-Bericht über ihr Verordnungsverhalten. „Daraus ist ersichtlich, dass häufig nicht das allgemein empfohlene Antibiotikum verschrieben wird“, so Wambach. Die Einsatzdichte der Medikamente sei zudem höchst unterschiedlich: „Es gibt Praxen, in denen bekommen fast alle Patienten mit einem Harnwegsinfekt Antibiotika, in anderen sind es nur 20 Prozent.“

Martin Steidler, Bereichsleiter Versorgungsmanagement bei der AOK Bayern, konnte mit Daten der 4,5 Millionen AOK-Versicherten in Bayern aufwarten: 2017 habe fast jeder dritte über einen Zeitraum von zwei Wochen ein Antibiotikum erhalten. 84 Prozent der Patienten wüssten allerdings laut Umfrage, dass bei Infekten keine Antibiotika erforderlich seien und hätten von den Gefahren der Resistenzbildung gehört. „Das passt nicht mit dem tatsächlichen Nutzerverhalten zusammen“, so Steidler.

„Länder wie die Niederlande zeigen, dass man es noch besser machen kann“

Dr. Lutz Bader, Fachreferent Hygiene bei der KVB betonte, Deutschland sei „kein Land der Antibiotika-Hochversorgung“; im europäischen Bereich gehöre man zum „besten Drittel“. Dennoch werde „das ein oder andere Antibiotikum zu viel verordnet“ – zum Beispiel aus der Angst heraus, dass sich doch noch eine bakterielle Infektion auf einen viralen Infekt setzen könne. „Länder wie die Niederlande zeigen uns, dass man es noch besser machen kann“, betonte Bader.

„In vielen Fällen ermöglicht schon eine enge Kommunikation mit dem Patienten einen Verzicht auf Antibiotika“, schilderte Wambach ein Beispiel. So könne sich der Arzt zum Beispiel telefonisch erkundigen, ob sich die Erkrankung ohne Antibiotikum verschlimmert habe. Auch sogenannte „verzögerte Verschreibungen“ („Delayed Prescriptions“) seien eine gute Option: „Das bedeutet, ich gebe ich meinem Patienten vorsorglich ein Rezept mit – mit dem Hinweis, es nur einzulösen, wenn sich die Symptome deutlich verschlechtern.“ Diese Vorgehensweise wirke beruhigend auf den Erkrankten und hätte in den Niederlanden zu 30 Prozent weniger Antibiotika-Einnahmen geführt.

Drei Faustregeln für Antibiotika-Verordnung

Nach korrekter Diagnose- und kritischer Indikationsstellung und neben dem Wissen, dass virale Infektionen nicht antibiotisch behandelbar sind, sollten Ärzte laut „ARena“ drei Faustregeln berücksichtigen: „So breit wie nötig, so schmal wie möglich“ in Bezug auf das Wirkungsspektrum eines Antibiotikums, „so lange wie nötig, so kurz wie möglich“ in puncto Einnahmedauer und „so hoch wie nötig, so niedrig wie möglich“ für die Dosierung.

Das Projekt „ARena“ läuft noch bis Ende 2019 und wird mit 5,1 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds beim Gemeinsamen Bundesausschuss finanziert.

13.11.2018 11:27:27, Autor: aus München für den änd: Annika Mengersen