Diabetes

Die Fahrerlaubnis ist sicher

Freie Fahrt – für Fahrverbote gibt es bei Diabetes nur sehr selten Anlass
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Anders als oft vermutet, gibt es für einen Führerscheinentzug bei einer Diabeteserkrankungen fast nie Anlass. Eine neue Leitlinie für Ärzte stellt das nun klar. Und ermutigt Patienten, das Thema in der Praxis anzusprechen.

Für viele Patienten ist die Diagnose Diabetes eine wahre Hiobsbotschaft. Sie haben Angst vor Folgeerkrankungen und einer eingeschränkten Lebensqualität. Doch gibt es eine Furcht, das berichten Ärzte übereinstimmend, die alle anderen überragt: die Fahrerlaubnis zu verlieren. Denn immer wieder ist zu hören, dass Diabetes die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen könnte und damit ein Entzug des Führerscheins drohe. Zu Unrecht, wie jetzt die Deutsche Diabetes Gesellschaft in einer ärztlichen Leitlinie klarstellt. Deren Co-Autor Prof. Dr. Reinhard Holl vom Institut für Epidemiologie der Uniklinik Ulm sagt, dass „die allermeisten Menschen mit Diabetes sicher am Verkehr teilnehmen“. Für Fahrverbote gebe es also sehr selten Anlass. Die Leitlinie soll Patienten Rechtssicherheit geben – und den behandelnden Ärzten eine Richtschnur, um die Fahrtüchtigkeit zu beurteilen.

Grundsätzlich brauchen Patienten in der Arztpraxis keine Angst zu haben: Ein Arzt kann nicht den Entzug der Fahrerlaubnis veranlassen, sondern nur als Gutachter im Auftrag der Führerscheinbehörde die Fahrtüchtigkeit beurteilen. Ärzte verstehen es zuerst als ihre Aufgabe, Diabetespatienten dabei zu helfen, ein Leben mit möglichst wenig Einschränkungen zu führen. Sie wissen, dass der Verlust des Führerscheins für viele Menschen ein elementarer Einschnitt wäre, zum Beispiel bei Berufskraftfahrern. Leichtfertig spricht also kein Arzt ein Fahrverbot aus. Das „ärztliche Fahrverbot“ ist trotz des drastischen Klangs sowieso immer nur eine dringende Empfehlung an den Patienten. Solange eine Behörde den Führerschein nicht entzieht, darf man Auto fahren. Der Arzt darf wegen der Schweigepflicht auch keine Informationen über seinen Patienten an Behörden weiterreichen – es sei denn, er wurde zuvor als Gutachter beauftragt.

Und genau darum geht es in der neuen Leitlinie. Denn bislang gab es für begutachtende Ärzte nur lückenhafte Vorgaben, die von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) herausgegeben wurden. Auch beim BASt war man mit dieser Lösung nicht sehr zufrieden, wie die Regierungsdirektorin Dr. Martina Albrecht einräumt. So habe die BASt-Leitlinie unter anderem eine „stabile Stoffwechsellage“ als Voraussetzung für eine Fahrtüchtigkeit gefordert, aber nicht dargelegt, was genau das bedeutet. „Das müssen Gutachter bisher selbst beurteilen“, sagt Albrecht.

Nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte könnten damit in der Vergangenheit die Auswirkungen von Diabetes auf die Fahrtüchtigkeit überschätzt haben. Die Leitlinie stellt nun klar, dass die Erkrankung die Unfallwahrscheinlichkeit nur um 10 Prozent erhöht, sagt Reinhard Holl. Zum Vergleich: Bei ADHS sind es 400 Prozent, bei Schlafapnoe 200 Prozent. Allerdings tritt diese Apnoe, die zu Atemaussetzern während des Schlafens und damit zu Müdigkeit am Tag führt, gehäuft bei Typ-2-Diabetes-Patienten mit Übergewicht auf – auch das müsse bei der Beurteilung der Fahrtüchtigkeit eine Rolle spielen, betont Holl. Auch wiederholte schwere Unterzuckerungen im Wachzustand seien ein Warnzeichen. Die Leitlinie sagt aber auch, was kein Grund für den Entzug der Fahrerlaubnis sein darf: ein hoher Langzeitblutzuckerwert.

Patienten, die vermuten, dass ihnen der Führerschein aufgrund eines fehlerhaften Gutachtens entzogen wurde, haben mit der Leitlinie nun eine Handhabe, wenn sie rechtlich gegen die behördliche Entscheidung vorgehen wollen. An erster Stelle sollte für Patienten aber das Gespräch mit ihren behandelnden Ärzten stehen, und zwar, bevor es Probleme gibt. Nicht nur bei Diabetespatienten „müsste das Thema Führerschein eigentlich zur Anamnese gehören“, sagt der Jurist Oliver Ebert, Co-Autor der Leitlinie. In den meisten Fällen gibt es Lösungen, um gemeinsam eine Fahruntüchtigkeit zu vermeiden. Das galt übrigens auch schon vor der Leitlinie. Derzeit besitzen rund 39 Millionen Menschen in Deutschland einen nach 1999 ausgestellten Führerschein, die noch im Umlauf befindlichen Papierexemplare sind da nicht einmal mitgezählt. Tausend Lizenzen werden pro Jahr aufgrund körperlicher Mängel pro Jahr entzogen – und davon nur ein Teil wegen Diabetes.

durchblick gesundheit • Ausgabe 61 • Juli–September 2018

30.08.2018 11:38:51, Autor: Jan Scholz