Fernbehandlung

Zwischen Euphorie und Skepsis

Der Ärztetag hat im Mai pro Fernbehandlung gestimmt

Lang und breit wurde dadrüber diskutiert, jetzt herrscht Klarheit: Ärzte dürfen Patienten nun auch telefonisch oder per Video-Schalte behandeln, ohne sie vorher persönlich gesehen zu haben. Grünes Licht für diese „ausschließliche Fernbehandlung“ hat Anfang Mai der Deutsche Ärztetag in Erfurt gegeben. Doch bei allem Jubel über diese Entscheidung ist auch Vorsicht geboten.  

Lange Zeit galt es als eine unumstößliche Regelung in der Berufsordnung für Ärzte: das Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung. Hätte man einem Arzt vor zehn Jahren erzählt, dass dieses irgendwann nicht mehr gelten werde, er hätte wahrscheinlich ungläubig den Kopf geschüttelt. Doch nun ist es aufgehoben. Die Ärzteschaft selbst hat es gekippt.

Allerdings heißt das nicht, dass man sich nun ab sofort überall in Deutschland von jedem Arzt ausschließlich per Telefon, SMS, Video-Schalte oder Onlinechat behandeln lassen kann. Schaut man sich den Beschluss des Deutschen Ärztetages, des obersten Gremiums der Ärzteschaft in diesem Land, genauer an, so steht dort, dass eine „ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien“ nur „im Einzelfall erlaubt“ sein soll. Der „Goldstandard“ der ärztlichen Behandlung solle aber nach wie vor der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient sein, betont das Ärzteparlament. 

Vor allem die IT-Firmen jubeln
Im Übrigen stellt der Beschluss des Deutschen Ärztetages lediglich eine Orientierungshilfe für die Ärztekammern in den einzelnen Bundesländern dar. Sie können ihre eigenen Berufsordnungen nun gemäß der neuen Regelung ändern – müssen dies aber nicht. Die Erfahrung zeigt zwar, dass alle Landesärztekammern die Beschlüsse des Deutschen Ärztetages letztlich irgendwann übernehmen – allerdings lassen sich einige auch gern ein wenig mehr Zeit dafür. Bis alle Ärztekammern den Beschluss zur Fernbehandlung umgesetzt haben, können noch einige Monate ins Land gehen.

Theoretisch jedoch ist die ausschließliche Fernbehandlung nun flächendeckend in Deutschland erlaubt. Und darüber jubeln vor allem die IT-Unternehmen, die mit  Videosprechstunden und anderen digitalen Dienstleistungen auf dem Gesundheitsmarkt Geld verdienen wollen. Kurz nachdem der Deutsche Ärztetag grünes Licht für die ausschließliche Fernbehandlung gegeben hatte, meldete sich zum Beispiel Nicolas Schulwitz zu Wort, der Geschäftsführer von Patientus, dem deutschen Marktführer für Onlinevideosprechstunden. „Die Entscheidung ist ein großer Schritt für die Digitalisierung der Medizin und bestärkt uns in unserer Mission, der Telemedizin in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen“, erklärte der Unternehmer. Und weiter: „Als Pionier der Telemedizin in Deutschland und zertifizierter Videodienstanbieter können wir unseren Ärzten und Patienten dank der Ausweitung der Fernbehandlung ab sofort weitere und noch bessere Einsatzmöglichkeiten für die Onlinevideosprechstunde anbieten.“

Eine Befürchtung: Fernbehandlung könnte zur Sparmaßnahme werden
Firmen wie Patientus wittern das große Geschäft. Und genau hierin liegt eine Gefahr. Davor warnen auch Ärzte. Das Ende des Fernbehandlungsverbotes dürfe kein Freifahrtschein für Anbieter von Online- oder Videosprechstunden sein, betont etwa die Freie Ärzteschaft (FÄ). „Fernbehandlung soll nicht die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens durch kapitalorientierte Gesellschaften verstärken und beispielsweise in Callcentern stattfinden“, sagt FÄ-Vorsitzender Wieland Dietrich. „Im Sinne der medizinischen Qualität ist das eine wichtige Einschränkung der Fernbehandlung, die der Patientensicherheit dient. Die Fernbehandlung wird in anderen Ländern als Sparmaßnahme eingesetzt – das wollen die Ärzte in Deutschland nicht.“

Die Fernbehandlung als Sparmaßnahme? Auch andere Ärztevertreter warnen vor einer solchen Entwicklung. So sagt der Chef des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt: „Gerade in der Hausarztpraxis werden ausschließliche Fernbehandlungen die Ausnahme bleiben. Entscheidend dabei ist, dass diese Angebote für Patienten und Ärzte auch langfristig freiwillig bleiben und nicht als Kostensparprogramm für Krankenkassen missverstanden werden.“

In der Debatte beim Deutschen Ärztetag hatten viele Teilnehmer die Befürchtung geäußert, dass der deutsche Gesundheitsmarkt nun womöglich von Callcentern überschwemmt werde, in denen Patienten massenweise telefonisch oder via Onlinechat abgefertigt würden. Am Ende sprach sich das Ärzteparlament schließlich in einem weiteren Beschluss gegen „eine telemedizinische Primärversorgung, insbesondere in Form kommerziell betriebener Callcenter“, aus. Heißt: Der Ärztetag will nicht, dass Patienten irgendwann verpflichtet werden, ihre Beschwerden immer erst telefonisch oder per Video-Schalte abzuklären, bevor sie eine reale Praxis besuchen dürfen.

Das Risiko für ein solches Szenario ist vielleicht nicht hoch, aber es besteht. Umso wichtiger ist es, solche Schritte wie die Abschaffung des ausschließlichen Fernbehandlungsverbotes nicht nur euphorisch zu bejubeln, sondern sie auch immer mit einer gewissen Portion Skepsis zu beobachten.   

durchblick gesundheit • Ausgabe 61 • Juli–September 2018

30.08.2018 12:04:16, Autor: Sarah Knoop