Presseberichte verwirren Patienten

Gibt es „Budgetferien“?

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Der Vorwurf ist so alt wie unser System der Krankenversicherung: Am Ende des Quartals stünden Patienten vor verschlossenen Praxistüren oder bekämen kaum noch Arzttermine. Kassenpatienten lohnten sich dann nicht mehr finanziell für den Arzt – weshalb er sie im Stich lasse. Dies ist zumindest ein gegenüber Ärzten häufig geäußerter Vorwurf. Was ist wirklich dran am Mythos „Budgetferien“? Ein Blick auf die Fakten.

Das nennt man wohl „Öl ins Feuer gießen“: Eine Forschungseinrichtung in Hamburg will eindeutige Belege dafür gefunden haben, dass Kassenpatienten am Quartalsende oft in die Röhre schauen. Eine Analyse von Abrechnungsdaten habe das eindeutig gezeigt. „Das ambulante Vergütungssystem führt dazu, dass weniger Behandlungen am Quartalsende stattfinden und es einen sprunghaften Anstieg am Quartalsanfang gibt“, bestätigten die Autoren einer Studie des Hamburg Center for Health Economics (HCHE) nicht totzukriegende Vorurteile. Das von den Medien zum Jahresbeginn lautstark aufgegriffene Fazit: Ärzte schränkten aus finanziellen Gründen ihre Praxistätigkeit zum Ende des Quartals ein.

Die Mechanik dahinter scheint auf den ersten Blick logisch: Da die Honorare der niedergelassenen Ärzte budgetiert sind – die Praxen also ab einem bestimmten Zeitpunkt für ihre erbrachten Leistungen kein oder weniger Geld erhalten – konzentrieren sie ihren Arbeitseinsatz auf die Anfänge des Quartals. Da sind die Mengenbegrenzungen noch nicht in Sicht und bei jedem Patienten rollt der Rubel. Klingt vielleicht logisch. Den Tatsachen entspricht es jedoch nicht.

Ärzte engagieren sich durchgehend

Die Ärzte in Deutschlands Praxen gehen auch am Quartalsende nicht vom Gas – und sind für ihre Patienten da. Das zeigen intensive Analysen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Die Wissenschaftler dort wollten es genau wissen: Dazu wertete das Institut mehr als 677 Millionen Arzneimittelverordnungen für gesetzlich Versicherte aus dem Jahr 2015 aus und kam zu folgendem Ergebnis: Patienten, die Arzneimittel benötigten, hätten jeweils innerhalb eines Monats durchschnittlich etwa 1,7 Arzneimittel verordnet bekommen. Die Verordnungen, und damit auch die Arztkontakte, seien in den ersten drei Quartalen jeweils in den mittleren Monaten des jeweiligen Quartals – also im Februar, Mai und August – abgesackt und zum Quartalsende (März, Juni und September) sogar wieder angestiegen. Nur im vierten Quartal seien die Verordnungen zum Jahresende hin leicht abgefallen.

Die Auswertung gibt den Beleg dafür, dass das Quartalsende nicht die Bereitschaft der Ärzte dämpft, sich um ihre Patienten zu kümmern. Von „Budgetferien“ der Vertragsärzte könne laut Institut nicht die Rede sein. Es gebe aber Wellenbewegungen, die saisonal begründet seien – und im Zusammenhang mit den jeweiligen Feiertagen und Ferienzeiten stünden, in denen weniger Patienten in die Arztpraxen kommen.

Stellt sich nun die Frage, warum die erste – und von diversen Medien gefeierte – Studie aus Hamburg zu einem anderen Ergebnis kommt. Auf Nachfrage dieser Redaktion ist das Hamburg Center for Health Economics nicht bereit, sich zu dem Thema zu äußern und kritische Nachfragen zu beantworten. Interessant auch: Ein mitverantwortlicher Studienautor ist inzwischen für die Techniker Krankenkasse tätig. Diese hatte auch die Datengrundlage für die umstrittene Untersuchung geliefert: Abrechnungsdaten der Ärzte, die der Kasse vorlagen. Der Denkfehler dabei: Ärzte rechnen zahlreiche Leistungen als Pauschalen ab. Sie erhalten also einen Fixbetrag – auch wenn der Patient mehrfach pro Quartal in die Praxis kommt. Die reinen Abrechnungsdaten geben gar nicht korrekt darüber Auskunft, wer in einer Praxis ein und aus geht.

Die Analyse der Arzneimittelverordnungen der Ärzte zeigt es: Einen Abfall zum Ende des Quartals gibt es nicht
© Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung

Falsche Datengrundlage verwendet

„Die Abrechnungsdaten lassen keine Schlussfolgerungen zu, die auf einen Terminmangel am Quartalsende hinweisen würden. Es liegt vielmehr in der Natur unseres budgetierten Systems, dass eine Praxis gegen Ende eines Quartals immer viele Patienten versorgt, für die die Pauschale bereits beim ersten Kontakt Wochen zuvor abgerechnet wurde. Wir dürften die Pauschale gar kein weiteres Mal ansetzen – hieraus einen Terminmangel zu konstruieren, ist schlichtweg unseriös“, fasst Dr. Dirk Heinrich von der Kassenärztlichen Vereinigung in Hamburg die Lage zusammen.

Honorarsystem muss sich ändern

Die Behauptung in der Studie, dass es einen Terminmangel am Quartalsende gebe, entbehre jeder Grundlage. Heinrich: „Bei dieser Studie handelt es sich ganz offensichtlich um den Versuch, mithilfe fragwürdiger wissenschaftlicher Methoden grundlos die Arbeit der niedergelassenen Ärzte zu kritisieren.“ Es sei viel eher angezeigt, sich Gedanken über das Honorarsystem der Ärzte zu machen, bei dem die Budgetierung dafür sorge, dass Ärzte die Arbeit, die sie leisten, nicht voll bezahlt bekämen. Derzeit bleibe umgerechnet jede fünfte Leistung ohne Honorierung – was das Berufsbild für den Nachwuchs nicht gerade attraktiv mache.

durchblick gesundheit • Ausgabe 60 • April–Juni 2018

17.04.2018 15:15:24, Autor: Jan Scholz