Verwaltungswahn

60 Tage für die Bürokratie

Bürokratieverursacher Nummer eins sind gesetzliche Dokumentationspflichten der Praxen.© cameravit/Fotolia.com

Der Verwaltungsaufwand für Arztpraxen steigt wieder. Die Zeit fehlt für die Behandlung von Patienten, beklagt die Ärzteschaft. Und wünscht sich unkomplizierte Formulare.

Würde eine Arztpraxis die Zeit, die sie pro Jahr für Bürokratie aufwendet, am Stück am Jahresanfang abarbeiten, dann sollten Patienten besser nicht vor Ostern krank werden. 60 Arbeitstage nämlich, also rund 12 Wochen, werden durchschnittlich pro Praxis für Verwaltungstätigkeiten aufgewendet, insgesamt sind es für alle Praxen des Landes etwas mehr als 54 Millionen Stunden. Das zeigt eine aktuelle Statistik, die kürzlich von der Selbstverwaltung der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten vorgestellt wurde, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die Zahlen seien viel zu hoch, kommentiert KBV-Vorstandsmitglied Dr. Thomas Kriedel. Denn jede Stunde Bürokratie zu viel sei eine, die für die Behandlung von Patienten fehle. Die nächste Bundesregierung müsse daher in einem Koalitionsvertrag „verbindliche Abbauziele festlegen“, fordert Kriedel. Ein Viertel weniger Zeitaufwand sei machbar – damit werde rechnerisch der gleiche Effekt erzielt wie mit der Schaffung von 5.000 neuen Arztstellen, so Kriedel weiter.

Die KBV erfasst den Bürokratieaufwand der Ärzte schon länger. Zum ersten Mal 2013, zusammen mit der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) und dem Nationalen Normenkontrollrat – den gibt es seit 2006.Er berät als unabhängiges Gremium die Bundesregierung, wie in verschiedenen Gesellschaftsbereichen Bürokratie abgebaut werden kann. Und in den ersten Jahren war der Befund bei der Ärzteschaft auch durchaus positiv. So konnten KBV und FHM im vergangenen Jahr verkünden, dass gegenüber 2013 die Bürokratiebelastung in den Arztpraxen um rund 4 Prozent gesunken sei. Ein Trend hat sich daraus nicht ergeben, wie die aktuelle Erhebung nun zeigt. Denn zur Zeit steigt der Aufwand wieder. Die 60 Arbeitstage entsprechen einem Zuwachs von 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Arztpraxen stoßen offenbar an „Grenzen der Entbürokratisierung“, sagt Thomas Kriedel.

350.000 Stunden zusätzlich

Umfrage zeigt Handlungsbedarf

Der bürokratische Aufwand im Berufsalltag ist offenbar Reizthema Nummer eins für alle Heilberufler im Lande: 65 Prozent von ihnen sehen Handlungsbedarf in diesem Bereich, ergab eine Umfrage im vergangenen März. Abgeschlagen auf Platz zwei folgen staatliche Regeln und Budgetierung bei der Patientenversorgung (48 Prozent).

Vor allem Zahnärzte (75 Prozent) und Apotheker (70 Prozent) scheinen unter dem Faktor Bürokratie zu leiden. Unter den Fachärzten gaben auch 54 Prozent der Befragten an, dass sich die Lage dringend verbessern müsse. Bei den Allgemeinärzten waren es 63 Prozent.

Ob selbstständig, angestellt oder noch mit dem Studium beschäftigt, fällt der Umfrage zufolge weniger stark ins Gewicht: 68 Prozent der Angestellten und 63 Prozent der Selbstständigen im Gesundheitswesen kritisierten den bürokratischen Aufwand in ihrem Alltag. Unter den Studierenden scheuen 65 Prozent den Verwaltungsaufwand, der ihnen später im Job droht.

Bürokratieverursacher Nummer eins sind gesetzliche Dokumentationspflichten der Praxen. Mit Krankenkassen muss kommuniziert werden, es gibt außerdem Vorgaben aus dem „Bundesmantelvertrag Ärzte“ und von der Ärztekammer. Zudem sind Ärzte verpflichtet, sich gegebenenfalls mit anderen Institutionen auszutauschen, seien es Unfallversicherungen oder Polizei. Selbst wenn hier keine neuen Pflichten für Ärzte hinzukämen, steige der Zeitaufwand automatisch an, erklärt Dr. Volker Wittberg, der für die FHM die aktuelle Studie erstellte und Leiter des Nationalen Zentrums für Bürokratiekostenabbau ist. Denn durch eine im Schnitt älter werdende Bevölkerung in Deutschland, so Wittberg, gebe es auch immer mehr Patienten mit Krankheiten, die bürokratischen Aufwand nach sich zögen. Als Beispiel nennt der Wissenschaftler Verordnungen für Krankenbeförderungen. Dafür wurden 2016 insgesamt 350.000 Stunden mehr als im Vorjahr aufgewendet. „Das hat maßgeblich mit der Demografie zu tun“, meint Wittberg. „Wenn man nichts tut, wird die Belastung durch Bürokratie immer größer.“

Wie man Ärzten mehr Zeit für die Behandlung ihrer Patienten verschaffen kann, wird dabei in einzelnen Bundesländern schon vorgemacht. Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe, die regionale ärztliche Selbstverwaltung im Nordosten Nordrhein-Westfalens, hat zusammen mit Krankenkassenvertretern das sogenannte Formularlabor etabliert. Hier werden Formulare, die in Arztpraxen häufig genutzt werden, auf ihre Praxistauglichkeit geprüft und wenn möglich vereinfacht. Auf diesem Wege konnte unter anderem schon die Bescheinigung für chronische Erkrankungen zur Zuzahlungsbefreiung effizienter gestaltet werden: Seit einem Jahr sind auf dem Formular deutlich weniger Angaben zu machen, es ist nun nur noch halb so groß. „Das ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Bürokratieabbau funktionieren kann“, sagt Volker Wittberg. KBV-Vorstand Kriedel plädiert dafür, das Formularlabor weiter intensiv zu nutzen. Auch, um Vorgaben des Gesetzgebers daraufhin  zu prüfen, „was diese Vorschriften für die Bürokratie bedeuten“.


10.01.2018 11:39:48, Autor: Thomas Trappe