Buchkritik

Sitzen ist fürn Arsch

Dr. Vivien Suchert: Sitzen ist fürn Arsch. Warum die sitzende Lebensweise unsere Gesundheit gefährdet und was wir dagegen tun können, Heyne Verlag,
9,99 Euro
© Heyne Verlag
Zugegeben: Der freche Titel des Buches mag für den einen oder anderen Stirnrunzler sorgen. Er sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier zwar locker und unterhaltsam, aber auch sehr sachkundig über ein wichtiges Thema geschrieben wird: Dr. Vivien Suchert ist Diplom-Psychologin und beschäftigte sich während ihrer Promotion intensiv mit dem Risiko, das unser Sitzverhalten für unsere Gesundheit bedeutet.

Dass der Mensch evolutionär eher fürs Laufen gemacht ist, scheint nach und nach in Vergessenheit zu geraten, gibt Suchert zu bedenken. Ob Auto, Büro oder Sofa – heutzutage wechseln wir von einer Sitzgelegenheit zur nächsten. „Zwar sind wir als sogenannte moderne Menschen unseren Urahnen in vielem überlegen und haben ganze Quantensprünge gemacht, was solche Dinge wie Essen oder gesundheitliche Versorgung angeht, doch etwas Grundlegendes scheinen wir von den frühen Menschen lernen zu können: Unser Körper ist dazu geschaffen aktiv zu sein“, beschreibt die junge Wissenschaftlerin in diesem eigenhändig illustrierten Buch.

Mit der sitzenden Lebensweise handeln wir uns allerlei Übel ein. Nicht ohne Grund sprechen manche Wissenschaftler schon davon, dass „Sitzen das neue Rauchen“ sei. Auch Suchert thematisiert die medizinischen Studien über den Zusammenhang zwischen dem Sitzen und Rückenbeschwerden, Übergewicht und Diabetes bis hin zu Depressionen, Herzkrankheiten und Krebs. Was das Büchlein allerdings lesenswert macht: Sie tut dies auf unterhaltsame Art – und nicht mit dem ständig erhobenen Zeigefinger.

Wie haben wir das Laufen verlernt, wo lauern Sitzfallen und warum ist Sport nur die halbe Miete? Suchert nimmt den Alltag unter die Lupe und versucht, einen Anstoß zur mentalen und schließlich körperlichen Veränderung zu geben. „Raus aus der Sitzfalle“ heißt es gegen Ende des Buchs. Hier geht es konkret darum geht, wie Bewegungsaufforderungen in den Alltag integriert werden können – und wie wir die Attraktivität des Sitzens reduzieren.

Bleibt nur die Frage nach der konkreten Zielgruppe des Büchleins. Und da zeichnen neueste Erhebungen ein präzises Bild: Allein rund 17 Millionen Deutsche nehmen täglich auf einem Bürostuhl Platz und verbringen dort – ohne regelmäßig für bewegte Abwechslung zu sorgen – im Durchschnitt fast 85 Prozent ihrer Arbeitszeit. Eben diese sollten sich dazu durchringen, dem Allerwertesten mal eine Sitzpause zu gönnen. Das Büchlein von Dr. Vivien Suchert könnte den Anfang machen.

14.08.2017 14:07:30, Autor: Jan Scholz / durchblick-gesundheit Juli-August 2017