Kommt die Impfpflicht?

Großer Streit um kleinen Pikser

Wer sein Kind nicht impfen lässt, gefährdet auch andere.
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Eine Frau in Essen stirbt an Masern – und durch ihren Tod wird eine Debatte neu angefacht, an der sich die Gemüter immer wieder aufs Neue scheiden: Braucht Deutschland eine Impfpflicht?


Eigentlich sollten Masern längst ausgerottet sein. In vielen Ländern, etwa den USA, sind sie das auch. Nicht aber in Deutschland, wo es immer wieder zu Masernausbrüchen kommt. Der Grund: Nicht alle Kinder – und Erwachsenen – sind ausreichend geimpft. Manche aus Bequemlichkeit oder Vergesslichkeit, andere, weil sie Impfungen generell ablehnen oder deren vermeintliche Nebenwirkungen fürchten.

Die frühere Chefin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat solche Impfverweigerer scharf kritisiert. „Die jüngsten Masernausbrüche hätten nie passieren dürfen“, sagte Margaret Chan. Das Verweigern von Impfungen sei einer der Hauptgründe, warum das „riesige Potenzial vom Impfen“ noch nicht realisiert worden sei.

In Italien gilt seit Kurzem ein neues Gesetz, das Eltern verpflichtet, ihre Kinder gegen zwölf Krankheiten, darunter Masern, impfen zu lassen. Anlass auch hier: sinkende Impfzahlen, zunehmende Masernfälle. Für die italienische Regierung Grund genug, einzugreifen. Ohne Impfung gibt es dort nun keinen Kita-Platz mehr für den Nachwuchs. Und wer sein Kind bis zur Schule nicht impfen lässt, dem drohen saftige Geldstrafen.

Braucht Deutschland auch so eine Impfpflicht? Immer wieder wird diese Forderung laut, von der Politik, von Ärzten und auch von vielen Eltern: Alle Kinder müssten vor den teils gravierenden Folgen vermeidbarer Krankheiten geschützt werden. Genauso zuverlässig melden sich aber auch die Gegner einer Impfpflicht zu Wort. Sie berufen sich auf das Selbstbestimmungsrecht, warnen vor vermeintlichen Gefahren des Impfens.

Mit Zwang, meinen selbst viele Impfbefürworter, lasse sich wenig erreichen. Besser sei eine umfangreiche Aufklärung. Ohne Zwang, so die Gegenseite, lasse sich vieles, was sinnvoll sei, einfach nicht durchsetzen: Die Anschnallpflicht im Auto zum Beispiel habe bei ihrer Einführung für hohe Wellen gesorgt. Mittlerweile bestreite aber keiner mehr, dass sie sinnvoll war. Ähnlich könnte es bei den Impfungen sein.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe hält sich erst einmal zurück. Die Masern, meint er, könnten in Deutschland auch ohne Impfpflicht endgültig verbannt werden. Als wichtigste Maßnahme sieht er dabei die Pflicht zum Nachweis einer Impfberatung bei der Anmeldung zum Kindergarten. Diese Regelung ist gerade noch einmal verschärft worden: Die Kindergärten sind nun verpflichtet, dem Gesundheitsamt die Eltern zu melden, die sich der Impfberatung verweigern. Es drohen dann Geldstrafen bis zu 2.500 Euro.

Allerdings: Eine Impfberatung bedeutet noch lange nicht, dass Kinder auch tatsächlich geimpft werden. Denn auch unter den Kinderärzten gibt es solche, die Impfungen kritisch oder gar ablehnend gegenüberstehen. Für Gröhe kein Argument: Nicht die harten Impfverweigerer seien das große Problem, sondern Eltern, die nach der ersten Standardimpfung nicht mehr für die nötigen Auffrischungen in die Kinderarztpraxis kämen. Und diese will er mit der Regelung erreichen.

Der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), dem Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften und Verbände in Deutschland, geht das nicht weit genug. „Durch Impfungen konnten bedrohliche Infektionskrankheiten wie Diphtherie, Poliomyelitis, Keuchhusten und Masern weltweit zurückgedrängt oder wie die Pocken bereits ausgelöscht werden. Die heute verfügbaren Impfstoffe sind effektiv und gut verträglich“, betont die DAKJ.

Die Beratungspflicht sei zwar ein Schritt in die richtige Richtung, gehe aber nicht weit genug. Stattdessen sollten nur noch die Kinder einen Platz in Krippen oder Kindergärten bekommen, die alle Impfungen haben, die von der Ständigen Impfkommission, der STIKO, empfohlen werden. Das solle natürlich nur gelten, wenn es keine medizinischen Gründe gegen das Impfen gebe, etwa bei chronisch kranken Kindern. Diese Forderung wiederholen die Kinderärzte bereits seit 2005 immer wieder.
Denn es gehe beim Impfen nicht nur um die eigenen Kinder, betont die DAKJ. Schleppen ungeimpfte Kinder Krankheiten in die Kita ein, seien vor allem die Kinder gefährdet, die noch nicht geimpft werden könnten: junge Krippenkinder oder sehr kleine Geschwisterkinder. Gegen Masern etwa können Kinder frühestens mit 9 Monaten geimpft werden – gerade für Säuglinge aber ist die Erkrankung mitunter lebensgefährlich. Weil Masern hochansteckend sind, sind auch Babys gefährdet, wenn sie etwa nur kurz zum Bringen oder Abholen der Geschwister mit in die Kita gebracht werden.

Eltern, die ihre Kinder aus ideologischen Gründen nicht impfen lassen, handeln verantwortungslos ihrem Kind gegenüber, meint Prof. Ulrich Heininger, Kinderarzt und Sprecher der Kommission für Infektionskrankheiten und Impffragen der DAKJ. Lassen sie ihre ungeimpften Kinder dann auch noch in Gemeinschaftseinrichtungen betreuen, so sei das auch den anderen Kindern gegenüber verantwortungslos.

Heininger sieht auch Ärzte kritisch, die von den empfohlenen Impfungen abraten. Damit hätten diese Ärzte den Boden der wissenschaftlichen Medizin verlassen.

14.08.2017 14:09:46, Autor: Kathrin Schneider / durchblick-gesundheit Juli-August 2017