Arztassistent – neues Berufsbild auf dem Vormarsch

Hilfe von Dr. Light

Die neuen Arztassistenten sollen eine Lücke im Gesundheitssystem schließen. Sie haben studiert, dürfen mehr als das normale Pflegepersonal, sind aber keine echten Ärzte.
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Das Wartezimmer voll, zwischendurch noch Hausbesuche, dazu der Papierkram mit den Krankenkassen – so mancher Arzt klagt, er habe zu wenig Zeit für seine Patienten. Um Haus- und Fachärzte zu entlasten, soll es künftig mehr sogenannte Arztassistenten geben. Doch was darf Dr. Light und was nicht?


Irmingard Völkl bezeichnet sich selbst als Joker. Sie arbeitet als Physician Assistant in der Notaufnahme am Klinikum Weiden in der Oberpfalz. „Ich übernehme Aufgaben in allen Disziplinen, die gerade Unterstützung brauchen“, sagt sie. Völkl versorgt Wunden, nimmt Blut ab oder legt Venenkanülen. Auch um das Nähen von Schnitt- und Kopfplatzwunden kümmert sie sich. Völkl übernimmt aber auch administrative Aufgaben, führt Aufnahmegespräche mit Patienten oder schreibt Entlassungsbriefe.

Physician Assistants sind eine Art Bindeglied zwischen Ärzten und Pflegern. Sie entlasten den Arzt von einfachen Tätigkeiten. Der hat dann also im Idealfall wieder mehr Zeit für seine eigentlichen Aufgaben: die Diagnosestellung und Therapie.

Darum kümmert sich ein Physician Assistant

Zu den wichtigsten Aufgaben gehören
  • - die Aufnahme von Patienten und Voranamnese sowie körperliche Untersuchung,
  • - die Assistenz bei chirurgischen/operativen Eingriffen,
  • - das Schreiben von Arzt- und Entlassbriefen,
  • - die Vor- und Nachbereitung sowie Unterstützung bei den Visiten in Begleitung des Ober- oder Chefarztes,
  • - die orientierende Sonografie und EKG-Vorbefundung und das Legen von Gefäßzugängen sowie die Einnahme verordneter Medikamente.
In den USA werden Arztassistenten schon seit den 1960er-Jahren ausgebildet. Mehr als 100.000 von ihnen arbeiten heute in Kliniken und Arztpraxen. Sie sind inzwischen unersetzlich im amerikanischen Gesundheitswesen. In Deutschland gelten Physician Assistants (PAs) dagegen noch als Exoten. Gerade einmal gut 200 von ihnen sind im Medizinbetrieb beschäftigt, die meisten in Krankenhäusern. Das soll sich jetzt ändern.

Der Deutsche Ärztetag hat vor einigen Wochen mit einem Beschluss den Weg freigemacht. Sie stimmten für ein Modell, das einheitliche Standards für den Beruf des Arztassistenten in Deutschland etablieren soll. Die Assistenten sollen die Ärzte entlasten, heißt es darin. Entlasten wohlgemerkt, nicht ersetzen. Denn schließlich gebe es klare Grenzen zur ärztlichen Tätigkeit. Und die dürften nicht überschritten werden, unterstrichen die Ärzte in ihrem Beschluss. Zu den Tätigkeiten, die nur approbierte Ärzte ausüben dürfen, gehören etwa die Diagnose- und Indikationsstellung, die Patientenaufklärung, die Festlegung der Therapie sowie die Durchführung von Operationen.

Hochschulen bieten schon seit einigen Jahren berufsbegleitende Studiengänge zum Physician Assistant. Christian Flügel-Bleienheuft kümmert sich um die Ausbildung von nichtärztlichem Gesundheitspersonal. Der Professor ist Studienleiter Physician Assistants an der praxisHochschule in Köln und Rheine. Voraussetzung für das Studium an den meisten Hochschulen ist eine abgeschlossene dreijährige Ausbildung sowie Berufserfahrung als Krankenpfleger. Aber auch medizinische Fachangestellte, also Arzthelfer, können sich bewerben. Das Studium dauert drei Jahre und ist berufsbegleitend angelegt; der Abschluss ist ein Bachelor of Science.

In einigen Krankenhäusern sind die Arztassistenten schon heute fester Bestandteil des Klinikalltags, sagt Flügel-Bleienheuft. „In Osnabrück zum Beispiel gibt es zwei PAs, die jeweils eine Station schmeißen. Sie organisieren die Visiten, schauen, dass die Befunde beisammen sind, klären die Patienten in Vorgesprächen auf.“ Anfangs liefen die Einschreibungen an den Hochschulen für das neue Fach schleppend. Das ändert sich gerade, auch wegen des zunehmenden Ärztemangels.

Trotzdem gibt es unter den Ärzten noch viele Vorbehalte gegen „Dr. Light“. Sie sehen die neuen Helfer nicht als Entlastung, sondern als Konkurrenz. Haben Sorge, dass sie den Arztberuf aushöhlen könnten.

„Viele Ärzte fürchten, dass sie etwas von ihrer Hoheit abgeben müssen“, weiß Studienleiter Flügel-Bleienheuft. Dieses Hoheitsgefühl – „Nur ich kann das machen“ – das müssten die Ärzte ablegen. „Entscheidend am Ende wird sein, dass die Niedergelassenen die Vorteile dieses Systems erkennen.“ Gerade vielen niedergelassenen Ärzten in ihren Praxen sei gar nicht bewusst, dass sie durch die Mitarbeit von Assistenten auch etwas gewinnen, weil sie plötzlich mehr Zeit für ihre Kernkompetenzen haben. „Sie sind plötzlich wieder viel näher am Patienten dran“, sagt Flügel-Bleienheuft. Und dies sei unerlässlich. Denn schließlich werden die Deutschen immer älter. Damit nimmt die Zahl der Kranken unweigerlich zu. Demgegenüber steht der Ärztemangel. Schon heute gibt es Gegenden in Deutschland, wo weit und breit kein niedergelassener Arzt mehr zu finden ist.

Studienleiter Flügel-Bleienheuft berichtet von einem Gespräch, das er mit einem Hausarzt geführt habe. Der versorgte mit einem Ärztenetz am Niederrhein auch die Pflegeheime in der Region und beklage, dass die Arbeitsbelastung zunehmend an Grenzen stoße. „Wenn man aber nun in den Pflegeheimen Physician Assistants beschäftigen würde, die den Ärzten sagen würden, wo sie gerade gebraucht werden und wo ein Besuch nicht unbedingt notwendig ist, wäre das für alle eine Entlastung“, sagt Flügel-Bleienheuft.

Und das ist noch ein Vorteil von „Dr. Light“: Er kann durch seine unterstützende Tätigkeit den Arztberuf wieder attraktiver machen. Und davon haben am Ende alle etwas – auch die Patienten.


14.08.2017 14:08:05, Autor: Marco Münster / durchblick-gesundheit Juli-August 2017