Fernbehandlungsverbot bröckelt

Schöne neue Arztwelt?

Wer schleppt sich schon gern mit dröhnendem Schädel in die Arztpraxis? Da klingt es doch ungleich verlockender ...
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Bislang darf ein Arzt einen Patienten nur dann telefonisch oder online per Videosprechstunde behandeln, wenn er ihn zuvor mindestens einmal persönlich zu Gesicht bekommen hat. Doch das sogenannte Fernbehandlungsverbot bröckelt. Neue Technologien bieten viele Chancen, bergen aber auch so manches Risiko.

Martina fühlt sich nicht wohl an diesem Morgen. Ihr Auge schmerzt, eine Entzündung, vermutet sie. Da erinnert sich die Mutter von zwei Kindern an Medgate, einen Telemedizin-Anbieter in der Schweiz. Die hatten ihr vor zwei Wochen schon bei einer Blasenentzündung geholfen. Also ruft sie im Callcenter des Unternehmens an, schildert ihre Beschwerden und schickt per Smartphone noch ein Bild von ihrem entzündeten Auge hinterher. Der Medgate-Arzt bespricht mit ihr den Behandlungsplan und überweist sie zu einem Augenarzt. Der verschreibt antibiotische Augentropfen und schickt dann seinen Bericht an Medgate – für die elektronische Patientenakte.

Schöne neue Arztwelt, mit der die Schweizer Firma da in ihrem Werbefilmchen wirbt. Wo Ärzte rund um die Uhr zu erreichen sind – „Doc around the clock“ nennt der Anbieter sein Konzept.

Und womöglich ist das bald auch in Deutschland Alltag: dass Ärzte Patienten, die sie nicht persönlich kennen, telefonisch oder online behandeln können. Und auf den ersten Blick liegen die Vorteile der Onlinesprechstunde ja auf der Hand: Wer schleppt sich mit einem fiesen Grippevirus schon gern in die nächste Arztpraxis? Und hockt dann schniefend und hustend im Wartezimmer und verbreitet dort seine Viren unter wartenden Leidensgenossen? Ist es da nicht viel bequemer, einfach den Rechner hochzufahren, dem Arzt via Skype seine Beschwerden zu schildern, Krankschreibung und Rezept per Mail zu erhalten und letzteres bei der Online-Versandapotheke einzulösen?

Bislang verbietet in Deutschland das Fernbehandlungsverbot Ärzten, Patienten zu behandeln, die sie nicht mindestens einmal persönlich zu Gesicht bekommen haben. Doch dieses Verbot weicht immer mehr auf. In Baden-Württemberg erprobt die Landesärztekammer in einem Modellprojekt die ärztliche Behandlung ausschließlich über Telefon, E-Mail oder Onlinesprechstunde, ohne dass es zuvor einen direkten Arzt-Patienten-Kontakt gegeben haben muss. Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, berichtete gerade vor dem Deutschen Ärztetag über die neuen Möglichkeiten.

... den Hausarzt einfach per Videosprechstunde zu konsultieren. Doch wie sieht es in einem solchen Fall mit dem Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt aus?
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Das Modell im Südwesten mache zum Beispiel die Anamnese und Befunderhebung per Telefon möglich. Unter dem Schlagwort „DocDirekt“ sollen sich Kranke bei einem Patiententelefon melden können und über medizinische Fachangestellte im Gesundheitssystem weitergeleitet werden. Nach einer ersten Abklärung kann der Patient an die richtige Adresse weitergeleitet werden – bei einem Notfall an die 112, sonst an einen Praxisarzt. Im Callcenter werden die Daten des Patienten aufgenommen. Bei einem telefonischen Rückruf oder per Video geht dann ein niedergelassener Arzt konkret auf die Beschwerden des Patienten ein.

Es gibt in Deutschland bereits diverse Telemedizin-Projekte. Der Hausarzt Dr. Thomas Aßmann aus Nordrhein-Westfalen etwa entwickelte das „Telearzt-Projekt“. Wenn zum Beispiel ältere Patienten mit Bluthochdruck, die nicht mehr in seine Praxis kommen können, untersucht werden müssen, fährt Aßmann nicht mehr selbst zum Hausbesuch. Er schickt seine Assistentin mit dem Telemedizin-Rucksack. Darin stecken ein Blutdruckmessgerät, ein Pulsoximeter und ein 3-Kanal-EKG-Gerät. Die Praxis fährt also zum Patienten. Vor Ort macht Aßmanns Helferin beim Patienten ein EKG und misst seinen Blutdruck – und Aßmann schaltet sich per Video über ein Tablet zu. Der persönliche Kontakt mit dem Patienten leide deshalb nicht. Die Messwerte würden in die Praxis geschickt. Der Doktor kann sich mehr darauf konzentrieren, mit dem Patienten zu sprechen, weil er Routineaufgaben abgibt.

Oder der Telemedizin-Anbieter „TeleClinic“: Den Hautausschlag über eine Videokonferenz mit dem Dermatologen abklären lassen? Oder mit dem Orthopäden die Röntgenaufnahme besprechen? Alles kein Problem. Trotz Fernbehandlungsverbot, versichert der Anbieter. Allerdings sei das für die Ärzte oft eine Gratwanderung, räumt der medizinische Leiter von „TeleClinic“, Prof. Reinhard Meier, ein: „Auf diesem schmalen Grat bewegen sich ja so ziemlich alle Ärzte, die zum Telefon greifen und ihre Patienten beraten. Wir halten uns an das Fernbehandlungsverbot. Das heißt, bei Erstgesprächen mit Patienten, die wir nicht kennen, stellen wir keine Diagnose, geben keine Therapieempfehlung und verschicken auch keine Rezepte.“ Man konzentriere sich auf Zweitmeinungen und erstelle allgemeine Gesundheitsinformationen. Meier: „Die meisten Patienten wollen wissen, was die Diagnose, die sie von ihrem Arzt bekommen haben, für sie bedeutet. Oder wollen wissen, ob der verordnete Medikamentenmix so okay ist.“

Auf solche Fragen erhalten Patienten bislang allenfalls in Internetforen Auskunft. Und durch das steigende Bedürfnis der Menschen, sich über digitale Medien vor dem Arztbesuch zu informieren, kämen viele Patienten mit Halbwahrheiten zum Gespräch in die Praxis. „Wir wollen ihnen über die digitalen Medien hinaus die Möglichkeit bieten, Kontakt mit Ärzten aufzunehmen“, erklärt Meier.

Die Mehrheit der deutschen Ärzte will sich dem Fortschritt auch gar nicht verschließen. Das hat gerade auch eine Umfrage des Ärztenachrichtendienstes unter rund 960 niedergelassenen Ärzten aus dem gesamten Bundesgebiet ergeben: Die Digitalisierung sei durchaus eine Chance, sagten 59 Prozent. Die Ärzteschaft müsse diesen Prozess aber – gerade in Sachen Datensicherheit sowie Nutzen für den Arzt und die Patienten – kritisch begleiten.

Denn es gibt auch mahnende Stimmen. Fernbehandlungen nun auch bei gänzlich unbekannten Patienten zuzulassen bzw. eine Beratung zu gewähren, ohne dass der Patient direkt untersucht wird, berge „nicht vertretbare Risiken für die Gesundheit des Patienten, die völlig unnötig eingegangen werden“, findet etwa die Landesärztekammer in Brandenburg. Dem Arzt würden durch die ausschließliche Onlinebehandlung „wichtige Sinneswahrnehmungen genommen“, die er für eine qualitativ hochwertige Untersuchung dringend benötige.

Aufhalten wird die Entwicklung wohl niemand. Entscheidend dürfte allerdings sein, dass die Politik durch enge Vorgaben Geschäftemacherei auf Kosten der Patientensicherheit verhindert. Denn so groß die Vorzüge der Digitalisierung auch sein mögen: Das Verbot der Ferntherapie hat durchaus seine Berechtigung. Schließlich braucht das Verhältnis zwischen Patient und Arzt vor allem eines: Vertrauen – und zwar deutlich mehr als der Kauf von Schuhen oder Konzerttickets im Internet.

14.08.2017 17:01:41, Autor: Marco Münster / durchblick-gesundheit Juli-August 2017